Jäger und Treiber

„Da sitzen sie nun am Telefon. / Und es herrscht noch genau derselbe Ton / wie seinerzeit auf den Bäumen.“

So bilanzierte Erich Kästner „die Entwicklung der Menschheit“ im gleichnamigen Gedicht von 1932.

Was auch immer die Menschen sich an Fortschritt und Technik auch ersonnen hätten, eigentlich seien sie doch „noch immer die alten Affen".
All der Fortschritt der seither vergangenen neun Jahrzehnte hat an Kästners Befund null Komma nichts geändert. Aber zumindest können wir das jetzt begründen. Denn wir wissen inzwischen ziemlich genau, wie biologische Evolution funktioniert: zum einen über Mutationen, genetische Schreibfehler, die die DNA bei der Weitergabe an die nächste Generation verändern, und zum anderen über den Prozess des „Survival of the fittest“, bei dem sich nur jene Mutationen durchsetzen und verbreiten, die bessere Überlebens- und Vermehrungschancen bieten.

Und damit wissen wir auch ziemlich genau, wie lange Evolution dauert: seeehr laaange. Veränderungen ergeben sich, wenn überhaupt, dann alle paar Tausend Jahre.

Unsere genetische Steinzeitlichkeit macht sich beispielsweise die Nahrungsmittelindustrie zunutze, indem sie, ganz wörtlich genommen, unserem Affen Zucker gibt. Und Fett. Und damit unseren genetischen Jagdtrieb füttert: Unser Organismus kann nun mal nicht anders, als Fett und Zucker zu feiern, denn beide signalisieren dem Körper einen extrem hohen Nährwert – und erreichen damit hohe Sympathiewerte bei einem Instinkt, der in Tausenden Generationen des Mangels gestählt wurde. Da kann die asketische Diätvernunft der Gegenwart noch so sehr die Fakten auf ihrer Seite haben, sie zieht regelmäßig den Kürzeren.

Beute und Mangel – nichts hat die Evolution und die Menschen so sehr geprägt wie der Kampf ums Überleben. Ihn zu gewinnen, hat Vorrang vor allem anderen – denn nur diejenigen, die nicht verhungerten, konnten ihre Gene noch an eine kommende Generation weitergeben „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, ließ Bertolt Brecht 1928 seinen Mackie Messer in der Dreigroschenoper singen.

Immerhin: Sogar Brechts zynisch-brutaler Bösewicht gibt zu, dass die Menschen auch anders können, als sich ständig einen Kampf ums Dasein zu liefern. Und genau 15 Jahre später wurde die noch immer geltende Erklärung dafür geliefert: die „Theorie der menschlichen Motivation“ des US-Psychologen Abraham Maslow.

Maslows Theorie war der entscheidende Missing Link, um Fressen und Moral, Bauch und Kopf, Natur und Kultur miteinander verbinden zu können. Denn sobald die überlebenswichtigen Grundbedürfnisse befriedigt sind (die sich über die Jahrtausende nicht verändert haben), bekommen wir den Kopf frei für Höheres. Den Kopf, nicht die Gene. Das ist zuerst das Bedürfnis nach Sicherheit, dann das nach Geselligkeit, dann das nach Anerkennung, und schließlich, an der Spitze von Maslows Bedürfnispyramide, geht es uns um unsere eigene Selbstverwirklichung.

Und je höher man auf dieser Pyramide steigt, desto stärker unterscheiden sich unsere Einstellungen und Handlungen. Aus der Kombination von freiem Willen und gebundenen Genen ergeben sich Muster und Ähnlichkeiten. Ganz klassisch, wie in der 25 Jahrhunderte alten Vier-Temperamente-Lehre des griechischen Arztes Hippokrates, den drei Konstitutionstypen des Ayurveda oder – modern – wie im Motivationsmodell der 16 Grund-Sehnsüchte des US-Psychologen Steven Reiss aus den 1990er-Jahren.

Die immer größere Spannweite der Unterschiede öffnet sich dabei nicht nur zwischen Personen, sondern auch zwischen den Zeiten. Unser Streben nach Glück unterscheidet sich drastisch von dem der Menschen vor 10.000 Jahren – oder auch von dem der Menschen vor zehn Jahren. Denn bei diesem Streben werden wir nicht von der Natur getrieben, sondern sind Teil einer Kultur. Und in dem Moment, in dem die Kultur mit ins Spiel kommt, ergibt sich fast automatisch eine völlig andere Veränderungsgeschwindigkeit.

Oder besser: ein ganzes Bündel an Geschwindigkeiten. Denn nicht alle Bereiche entwickeln sich im gleichen Tempo. „Die moderne Menschheit zeichnet sich aus durch steinzeitliche Emotionen, mittelalterliche Institutionen wie Banken und Religionen und gottähnliche Technologie“, stellte der US-Biologe und Evolutionstheoretiker E. O. Wilson fest. Auch wenn die Zivilisation seit Langem mit unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten zu tun hat: So groß wie aktuell waren die Unterschiede zwischen technischem, ökonomischem und sozialem Fortschritt noch nie. Wenn exponentielles Wachstum (wie gemäß Moore’s Law in der Speichertechnologie) auf traditionelle Ordnung (wie BGB oder Arbeitsschutzgesetz) trifft – dann kann das schon mal knirschen.

Manche Zukunftsforscher befürchten, dass aus diesem Knirschen schon bald ein Krachen werden könnte. Denn während der Mensch biologisch offenkundig in seiner äffischen Natur verhaftet bleibt, treibt er den technischen Fortschritt scheinbar unaufhaltsam voran und muss sich damit, schon rein rechnerisch, eines Tages überholen. Und wird uns danach immer weiter enteilen, sodass wir eines Tages voraussichtlich auf einem Abstellgleis der Geschichte landen. Oder gar, wie 99 Prozent aller jemals auf Erden lebenden Arten, aussterben und für immer verschwinden. „Singularität“ nennt der US-Futurist Ray Kurzweil jenen Moment des Überholens und erwartet ihn irgendwann um das Jahr 2045.

Die Frage ist: Können wir uns überhaupt noch  dagegen wehren, so einfach von unserer eigenen Schöpfung hinweggefegt zu werden? Denn der technische Fortschritt befeuert teilweise vielleicht auch eine Sehnsucht, die weder Brecht noch Maslow noch Reiss auf der Agenda hatte: den Traum vom ewigen Leben. Die Methode, die das seit 2012 technisch möglich macht, heißt CRISPR-Cas, oder einfacher: Genschere. Mit dieser Schere kann man fast nach Belieben die DNA in unseren Zellen auseinandernehmen und neu zusammensetzen. Auf diese Weise wird man schon bald, ganz legal und hochwillkommen, nicht nur manche Erbkrankheiten schlicht aus Samen- oder Eizelle herausoperieren können.

Man könnte damit auch, illegal und höchst umstritten, aus Menschen Supermenschen züchten, die unter Wasser atmen oder durch Wände sehen können, mit Siebenmeilenstiefeln oder ohne Schmerzempfinden. Von genetischen Hemmnissen befreit, könnten sich diese Menschen dann auf Ewigkeit mit den vom ihnen geschaffenen Intelligenzbestien aus Silizium messen. Der Jäger in uns treibt da ein gefährliches Spiel. Denn „Menschen“ im heutigen Verständnis wären wir dann wohl nicht mehr so ganz.

Newsletter abonnieren

Mit dem Newsletter verpassen Sie keine Ausgabe der next: Das Magazin für Vorausdenker

Anmelden
Feedback

Sie möchten uns Feedback zu diesem Beitrag geben? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Feedback
Diesen Beitrag teilen

Hier können Sie den Beitrag über soziale Medien teilen.

Teilen

Sie möchten für immer auf Höhe der Vorausdenker sein?
Hier für den next: Newsletter anmelden!

Anmelden