I will survive

Vor dem Eingang des Goethe-Instituts im indischen Mumbai stehen junge Menschen an. „Study und Research in Germany“ verheißt ein Plakat. Er wolle sich über die Möglichkeit eines Mechatronikstudiums in Deutschland informieren, sagt ein junger Inder. Sein Freund, der vor ihm in der Schlange steht, will Ingenieur werden und für BMW oder Daimler arbeiten. Zurückkehren nach Indien wollen nach dem Studium beide – denn mit ihrem in der Ferne erworbenen Wissen, so sind sie überzeugt, verbessern sich ihre Chancen in der Heimat.

Das Streben nach „social standing“, nach Wohlstand, prestigeträchtigen Titeln und öffentlicher Aufmerksamkeit beherrscht das Denken all jener, die den Aufstieg suchen. Daran hat sich seit Jahrhunderten wenig geändert, ebenso wenig wie an dem festen Glauben daran, es mit Willen und Resilienz ganz nach oben zu schaffen. „I will survive“ – ich werde überleben und mein Ziel anpacken. Dass viele junge Menschen dies im eigenen Land nicht mehr für möglich halten, zeigen die weltweiten Migrationsströme, deren Ziel die wohlhabenden Länder des Westens sind. Deren Reichtum erscheint durch millionenfach verbreitete Bilder in sozialen Medien als verheißungsvoll und lässt die Realität der eigenen Zustände als besonders schmerzhaft erscheinen. Der Traum von Europa wird vor allem in Afrika geträumt.

Und doch kommen gerade aus Afrika in jüngster Zeit ermutigende Signale. Kein Kontinent ist ärmer, aber auch gleichzeitig überwinden nirgendwo sonst jeden Tag mehr Menschen ihre Armut. Laut Weltbank ist extrem arm, wer täglich nur über 1,90 US-Dollar oder weniger verfügen kann. 1990 traf dies weltweit noch auf 1,9 Milliarden Menschen, 2015 nur noch auf 736 Millionen Menschen zu, Tendenz weiter sinkend. Global nimmt die Ungleichheit der Einkommen ab. Die extreme globale Armut sinkt zwar langsam, aber immerhin: Sie sinkt.

Einen erheblichen Beitrag dazu leistet die Digitalisierung, die Entwicklungsländern wie Kenia oder Äthiopien zwar in bescheidenem Maße, aber doch messbar Wohlstandsgewinne bringt. Statt veraltete Infrastrukturen mühsam schrittweise zu modernisieren, werden diese zugunsten einer moderneren Technologie, Stichwort „Leapfrogging“, einfach übersprungen. In Afrika wie in Asien, Südamerika oder auch osteuropäischen Ländern nach dem Ende des Kommunismus ist es Tausenden Menschen gelungen, herkömmliche gesellschaftliche und industrielle Strukturen zu überwinden. Die Hinwendung zu Technologie führte dazu, dass Weltmarktführer sogar in Ländern entstanden, die dafür zuvor nicht prädestiniert zu sein schienen. Vielleicht werden die Experten in ein paar Jahrzehnten nicht mehr vom amerikanischen, sondern vom afrikanischen Traum sprechen – auch wenn das aus heutiger Perspektive weit entfernt zu sein scheint.

Kenia – „Silicon Savannah“ und Sprunginnovationen

Das Kraftzentrum der Wirtschaft Ostafrikas – diesen Titel hat sich Kenia durch sein jahrelang stabiles Wachstum von rund vier bis sechs Prozent verdient. 2018 betrug das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) rund 6,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein Symbol dieses Voranschreitens ist der „Madaraka Express“, eine 2017 eröffnete neue Bahnlinie zwischen Mombasa und Nairobi. Den wichtigsten Seehafen Ostafrikas, der auch von den Nachbarländern Tansania und Uganda für deren Im- und Export genutzt wird, und Kenias Hauptstadt trennen nur noch viereinhalb Stunden statt der 16 Stunden zuvor.

Wenngleich die Verschuldung auf rund 50 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gewachsen ist und das Investoren zu einigen Sorgen Anlass gibt, gilt Kenia der UN zufolge doch bereits als neuntgrößte Volkswirtschaft Afrikas.

Kenia, ein Land mit rund 47 Millionen Einwohnern, besitzt eines der größten Windkraftwerke Afrikas und baut auch die Geothermie aus. Wenn in Kenia „Off-Grid-Solaranlagen“ nicht ans herkömmliche Stromnetz, sondern ans Mobiltelefonnetz angeschlossen werden, ist dies ein Beispiel für „Leapfrogging“: Veraltete Infrastrukturen und Technologien aus dem Westen werden nicht kostspielig ausgebaut, sondern zugunsten moderner Technologien übersprungen.

Die Infrastruktur Kenias wird, häufig mit chinesischer Hilfe, weiter ausgebaut – der kenianische Arbeitsmarkt profitiert davon aber derzeit noch zu wenig, da viele der neu entstehenden Jobs an Ausländer, besonders aus asiatischen Ländern, gehen.

Umso größere Hoffnungen liegen auf dem Digitalsektor, und sie fußen auf soliden Grundlagen: In kaum einem Land Afrika nutzen die Bürger soziale Netzwerke so stark wie in Kenia. Der Mobilfunkboom treibt andere Wirtschaftszweige, zum Beispiel das damit eng verbundene mobile Banking, voran. Rund 96 Prozent der kenianischen Haushalte besitzen heute ein Bankkonto auf ihrem Mobiltelefon – Zahlen, die Manager europäischer Finanzinstitute vor Neid erröten lassen. Mit „M-Pesa“ entstand 2007 in Kenia eines der ersten mobilen Bankunternehmen. Heute nutzen 29 Millionen Kenianer den Dienst des Weltmarktführers, über den rund 45 Prozent der Wirtschaftsleistung Kenias abgewickelt werden.

Tavneet Suri vom Massachusetts Institute of Technology und William Jack von der Georgetown University wiesen in einer Serie von wissenschaftlichen Studien seit 2011 die positiven Wirkungen von M-Pesa für die Armutsbekämpfung in Kenia nach. Der UN-Bericht zu „Finanzierung für Entwicklung“ hob die Rolle der Digitalisierung von Finanzdienstleistungen für die finanzielle Inklusion breiter Bevölkerungsschichten hervor.

Selbstbewusst nennt sich die Digitalwirtschaft in Kenia heute „Silicon Savannah“ – nicht zu Unrecht, denn die Digitalisierung beginnt, alle Segmente der Wirtschaft zu umfassen, wodurch neue Bildungschancen und besser bezahlte Jobs entstehen. Das strahlt sogar in die Nachbarstaaten Kenias aus. In Äthiopien etwa sehen Experten Wachstumsraten, die noch in den 90er-Jahren unvorstellbar schienen. In Tansania zeigt die Digitalisierung erste Früchte. In der Wirtschaftsmetropole Daressalam etwa erhalten die Kunden der Sammeltaxis dank eines Open-Data-Programms heute einen Fahrplan in Echtzeit.

Brasilien – Statussymbole und Social Media

In Südamerika prägt die Digitalisierung zunehmend alle Bereiche der Gesellschaft; der Ausbau digitaler Infrastrukturen schreitet vor allem in Brasilien und Argentinien voran. Laut der Internationalen Fernmeldeunion ITU ist Brasiliens Abdeckung mit Mobiltelefonen vergleichbar mit Ländern wie Deutschland oder Japan. Zahlen von eMarketer zufolge nutzten 2016 rund 64 Millionen Brasilianer ein Smartphone, mit steigender Tendenz, sodass 2019 das Land über nahezu genauso viele mobile Geräte wie Menschen verfügte.

Ein Smartphone gilt in Südamerika vielerorts als Statussymbol, bedeutet für den Besitzer aber auch die Initialzündung für die Nutzung digitaler Dienstleistungen, wie etwa E-Commerce. Mobile Dienste sind in Brasilien mit seiner noch dünnen Ausstattung mit Breitbandanschlüssen besonders wichtig. Denn der Weltbank zufolge ist Brasilien das Land mit den weltweit fünftmeisten Internetnutzern. Im E-Government Development Index der UN ist Brasilien weiter aufgerückt. Politisch überschattet werden diese Erfolge von der im Westen kritisierten Regierung von Jair Bolsonaro, die gesellschaftliche Freiheiten behindert. Weitere Hemmnisse entstehen in Brasilien auch durch Bürokratie und Korruption.

Die Digitalisierungsstrategie des Landes schreitet dessen ungeachtet voran. Als Vorreiter bei smarter Infrastruktur gilt Rio de Janeiro, das durch die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 einen Modernisierungsschub erhalten hat. Für das laufende Jahr planen die Netzbetreiber Brasiliens den Einsatz von 5G, dem Branchenverband Brasscom zufolge steuert der IKT-Sektor knapp neun Prozent des brasilianischen BIP bei, und dieser Anteil soll in den kommenden Jahren zweistellig sein. Dies bedeutet einen höheren Bedarf an Fachkräften, deren Lohnniveau steigt. Im Technologiesektor bietet vor allem der Social-Media-Bereich Wachstumschancen, gelten die Brasilianer nach den US-Amerikanern doch als weltweit zweitgrößte Nutzer sozialer Netzwerke.

Verglichen mit ihrer Bedeutung für die Ökonomien ihrer Länder, sind die Technologiemarktführer Südamerikas im Westen erstaunlich wenig bekannt. Als Pionier der brasilianischen Technologieszene gilt TOTVS, das in den 1980er-Jahren mit der Produktion von Businesssoftware begann und mittlerweile als „SAP Südamerikas“ gilt. Eine hohe Akzeptanz hat die zukunftsweisende Internet-of-Things-Technologie (IoT), in deren Forschung und Entwicklung rund 60 Prozent der brasilianischen Unternehmen investiert haben.

Dass von der Digitalisierung auch die ärmere Bevölkerung auf dem Land profitiert, belegt der Erfolg von Unternehmen wie Magazine Luiza. Das Einzelhandelsunternehmen bietet Haushaltsgegenstände für die Bevölkerung in kleinen Städten an, und zwar durch ein „virtuelles Ladenmodell“. Kunden können Waren in Geschäften einem Test unterziehen und dann online bestellen. Das Unternehmen ermuntert durch seine Initiative „Magazine and You“ mit Veranstaltungen und Kursen seine Kunden auch, eigene virtuelle Läden zu eröffnen. In São Paulo eröffnete Magazine Luiza einen Laden in einem Slum – ein deutliches Symbol für steigende Kaufkraft und größere gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten ärmerer Brasilianer.

Zugpferde des Wohlstands:
Internationale Weltmarktführer, die ihren Ländern zu mehr Status verhelfen

Taiwan – Wirtschaftswunder und Weltmarktführer

Jedem Besucher von Taipeh offenbart sich die Dimension des Wirtschaftswunders, das Taiwan und seine Hauptstadt in den vergangenen 40 Jahren erlebten. Dort, wo sich einst unzählige Reisfelder in die Weite zogen, ragen zwischen eleganten Boulevards gigantische Hochhäuser auf, unter ihnen „Taipei 101“, das zehnthöchste Gebäude der Erde. Das pagodenähnliche Design des Gebäudes symbolisiert die Eintracht zwischen Tradition und Fortschritt, auf die in Taiwan sorgsam geachtet wird.

Im Jahr 1980 betrug das Bruttoinlandsprodukt Taiwans pro Kopf rund 2.300 US-Dollar. Bis 2018 schnellte dieser Wert auf rund 25.000 US-Dollar hoch, was in schlichten Zahlen einen gewaltigen Wohlstandsgewinn der Bevölkerung ausdrückt. Wesentlicher Faktor für die Dynamik der taiwanischen Wirtschaftsentwicklung ist eine der jeweiligen binnen- und weltwirtschaftlichen Situation angemessene Außenwirtschaftsstrategie. Von Zeiten, in denen Billigprodukte „Made in Taiwan“ einen schlechten Ruf besaßen, ist der „Tigerstaat“ längst entfernt. Seit 1986 setzt Taiwan auf den Export neuentwickelter komplexer Güter.

Eine entscheidende Rolle dabei spielen rasant gewachsene und innovative Unternehmen wie die Taiwan Semiconductors Manufacturing Company (TSMC). Das Unternehmen hat für Taiwan eine ähnlich große Bedeutung wie Samsung für Südkorea: Es deckt rund 23 Prozent der Marktkapitalisierung des taiwanischen Börsenindex ab. TSMC fertigt elektronische Bauteile für Apple, Huawei, Broadcom und Qualcomm und gilt als Barometer für den globalen Chipmarkt. Das Unternehmen ist als Auftragsproduzent (Foundry) Weltmarktführer bei der Herstellung von Computerchips und nach Intel und Samsung der weltweit drittgrößte Halbleiterhersteller. Das Unternehmen designt, entwickelt und produziert zum Beispiel sogenannte Wafer, die in Computern, Mobiltelefonen und der Solarindustrie Verwendung finden. Mit einem durchschnittlichen Wachstum von mehr als 20 Prozent pro Jahr trägt TSMC (rund 45.000 Mitarbeiter) einen signifikanten Teil zur Wirtschaftsleistung Taiwans bei.

Mit einem Startkapital von 25.000 US-Dollar hatte Arthur Wang das Unternehmen im Jahr 1979 gegründet; der heutige Erfolg von TSMC ist allerdings ohne das sechs Jahre zuvor in Hsinchu gegründete Forschungsinstitut für Industrietechnologie (ITRI) nicht denkbar. Hier und an anderen Forschungseinrichtungen und Universitäten Taiwans wurden die Voraussetzungen für das hohe Bildungsniveau und das große Reservoir gut ausgebildeter Fachkräfte geschaffen. Und TSMC wird seine Rolle als Wirtschaftsmotor Taiwans wohl auch in Zukunft spielen können, mit dem weiterhin schwierigen Verhältnis zu Festlandchina als Risikofaktor.

Estland – Internet und IT

Der Zusammenbruch des Ostblocks brachte für die Menschen im Osten Europas einschneidende Veränderungen mit sich. Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien lösten sich aus der Bindung an die sich auflösende Sowjetunion, und die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland erlangten ihre Unabhängigkeit wieder. Manager aus dem Westen, die ab 1989/90 Aufbauhilfe in Osteuropa leisteten, bot sich vielerorts das Bild einer hoffnungslos veralteten, nicht wettbewerbsfähigen Industrie.

Umso beachtlicher ist das schnelle Wohlstandswachstum in Estland: Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit im März 1991 gestaltete Estland sein Gemeinwesen nach skandinavischem Vorbild völlig um und setzte den Schwerpunkt auf den Abbau von Hierarchien, Transparenz der staatlichen Organe und moderne Kommunikationstechnik – ebenfalls ein gelungenes Beispiel des „Leapfrogging“, mit dem Technologien bei Bevorzugung der moderneren Variante übersprungen werden. Bereits zehn Jahre nach der Unabhängigkeit garantierte Estland per Gesetz seinen Bürgern einen Zugriff auf das Internet.

Heute funktioniert die Verwaltung papierlos, mit ihrer digitalen ID-Karte erledigen Bürger alle Behördengänge online. Im gesamten Land existieren WLAN-Zugangspunkte zum Netz, das kostenlose Hotspotnetz umfasst 99 Prozent der Landesfläche. Rund 700 öffentliche Terminals in Postämtern, Bibliotheken und Dorfläden sichern den Zugang ins Netz – Estland besitzt weltweit die meisten Internetanschlüsse pro Kopf.

Dass angesichts dieser hervorragenden Infrastruktur das Land eine blühende Digitalszene entwickelt hat, verwundert nicht. Mit dem vor sieben Jahren gestarteten Uber-Rivalen Bolt (früher Taxify) hat Estland einen Marktführer unter den neuen Mobilitätsdienstleistern in Europa hervorgebracht. Der heute 26 Jahre alte Markus Villig gilt CNBC zufolge als jüngster Gründer eines milliardenschweren Unternehmens in Europa.

Sein Erfolg ist nicht zuletzt ein Ergebnis des estnischen Bildungssystems. In Schulen gehört der Umgang mit technischen Geräten zum Lehrplan, bereits in der dritten Klasse basteln die Kinder Lego-Roboter zusammen. Die Digitalisierung hat Estland eine der höchsten Wachstumsraten Europas beschert. Die Esten profitieren von steigenden Löhnen und sicheren Jobs im IT-Sektor, zu dem auch neue Technologien wie IoT und Blockchain zählen. Der Wohlstand hat einen nahezu einzigartigen Aufschwung genommen: Betrug das Bruttoinlandsprodukt zu Beginn der Unabhängigkeit kaum mehr als 1.000 Euro, liegt es 2019 bei rund 23.500 Euro und soll bis 2023 laut Prognosen auf knapp 31.800 Euro weiter rasant wachsen.

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