Interview

„Ruhe ist für mich kein Selbstzweck, sondern eine Haltung“

Wie wird in Ihrem Kloster Stille gelebt?

Von 22 Uhr bis 6.30 Uhr am folgenden Tag herrscht richtige Stille. Das heißt, man spricht sich nicht mehr an. Das reduziert schon einiges an externen Einflüssen. Dazu kommen aber auch dreimal täglich etwa 30 Minuten gesungenes Psalmengebet plus 30 Minuten Messe und eine halbe Stunde persönliches Gebet. Da bleibt immer einiges an guten Gedanken hängen und begleitet einen durch den Tag. Das Gebet an sich hat etwas Meditatives, Beruhigendes. Man wird dann immer wieder auf sich verwiesen. Und einmal im Monat gönnen wir uns einen sogenannten Wüstentag, da treffen wir uns erst um 18 Uhr zum gemeinsamen Gebet.

Carmen Tatschmurat, Äbtissin und Professorin für Soziologie Mehr lesen »

Carmen Tatschmurat hat in Soziologie zum Thema Frauenrechte promoviert. Sie lebte mit einem Mann zusammen, hatte eine Eigentumswohnung, wurde Professorin für Soziologie an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München und galt als emanzipierte, erfolgreiche Alt-68erin. Dann entschied sie sich für ein Leben im Kloster, gab das Gelöbnis ab und lebt heute in einer Klosterzelle der Benediktinerinnenabtei Venio, der sie seit 2013 als Äbtissin vorsteht. Die Benediktinerinnenabtei Venio von der Verklärung des Herrn ist eine Gemeinschaft von Frauen im Münchner Stadtteil Nymphenburg, die ein klösterliches Leben nach der Benediktsregel führen und zugleich außerhalb des Klosters in verschiedenen Berufen tätig sind, unter anderem als Krankenschwester, Ärztin, Physiotherapeutin, Lehrerin, Dozentin, Agraringenieurin oder im pastoralen Dienst in Münchner Pfarreien. Weniger lesen »

Aber Sie nehmen auf Zeit auch Menschen von „draußen“ auf?

Es kommen regelmäßig Menschen zu uns, überwiegend Frauen, die oft ganz klar eine geistliche Begleitung suchen und die ihren eigenen Glaubensweg begleitet wissen möchten. Manche kommen gezielt zur Stille, zum Rückzug. Andere kommen einmalig und brauchen ein Gespräch, weil sie in einer Krise sind. Dafür sind wir auch da – intensiv zuzuhören oder weiterzuverweisen, wenn jemand etwas anders braucht, wie eine Therapie. Klöster übernehmen da heute viel von dem, was früher Pfarrer abgedeckt haben – eben Seelsorge zu betreiben. Um das leisten zu können, brauchts für mich und uns auch wieder Rückzug und Ruhe, um selbst neu aufzutanken.

Was bedeutet für Sie Ruhe?

Ruhe ist nicht, eine halbe Stunde auszuruhen, weil ich müde bin. Gemeint ist ein inneres Zur-Ruhe-Kommen, Zur-Stille Kommen, gemeint ist, die innere Festplatte zu ordnen, Druck rauszunehmen. Damit wieder Raum entsteht, um auf Menschen zu hören und darauf, was Gott vielleicht gerade von mir will. Das muss – auch für mich – immer wieder eingeübt werden. Der Sinn von Kontemplation ist ja, das Denken immer wieder „ruhen“ zu lassen. Dazu helfen mir kleine Meditationszeiten, etwa 20 Minuten morgens und abends.

Verknüpfen Sie Ruhe mit mehr als „Stille?

Da gibt es durchaus einen Unterschied: Man sagt ja „zur Ruhe kommen“. Stille ist Freiheit von Lärm und Ruhe ein innerer Zustand. Es braucht oft Stille, um zur Ruhe zu kommen. Es gibt aber bei einiger Übung auch Momente ohne Stille, bei denen man zur Ruhe kommen kann, etwa beim Warten auf den Bus. Auf jeden Fall hat das einen biblischen Bezug: Schon Jesus war viel mit Menschen zusammen und hat sich dann wieder nachts auf den Berg zurückgezogen zum Gebet. Unserem Ordensgründer Benedikt ging es vor 1.500 Jahren genauso, er verließ das hektische Rom, um in den Bergen zu beten und zu erkennen, wohin sein Weg gehen soll. Ruhe ist für mich kein Selbstzweck, sondern eine Haltung, um anders auf Menschen zugehen zu können. Man bekommt ein offeneres Wesen und kann sie ernsthaft fragen: Um was geht es dir wirklich?

Schaffen die Menschen, die zu Ihnen kommen, das überhaupt?

Das ist für viele unserer Gäste sehr schwer, die dann gelegentlich auch wieder nach zwei Tagen gehen, obwohl sie länger bleiben wollten. Und das, obwohl niemand sein Handy ausschalten muss – wobei wir schon empfehlen, es eben nur einmal am Tag anzuschalten. Die meisten fragen aber doch bei der Ankunft bei uns wie in einem Hotel als Erstes nach dem WLAN-Passwort. Wir laden sie ein, in diesen Tagen bei uns doch ein wenig anders zu leben und neue Erfahrungen zu machen mit sich selbst.

„Die meisten fragen aber doch bei der Ankunft bei uns wie in einem Hotel als Erstes nach dem WLAN-Passwort.“

Und wie geht es denen, die länger bleiben?

Wenn man aus dem vollen Leben rauskommt, braucht jeder Zeit, umzuschalten. Das geht selbst mir so: Wenn ich eine Woche in ein anderes Kloster fahre, brauche ich schon zwei Tage, um runterzukommen und loszulassen. Die Zeit sollte sich jede und jeder gönnen. Dann erst können die wesentlichen Fragen auftauchen. Es geht aber in Einkehrzeiten nicht darum, Lösungen zu finden; wir sind keine Sozialarbeiterinnen, sondern wir gehen mit den Menschen einige wenige Schritte ihres Weges mit. Ihr Leben in die Hand nehmen und verändern – das müssen sie selbst.

Warum ist Ruhe so wichtig und warum zieht es Menschen zumindest zeitweise in Klöster – was können sie dort finden?

Was viele als positiv empfinden, ist der Rhythmus, die Struktur, das Schweigen, das Gebet, das Singen, das gemeinsame Essen, dieser immer wiederkehrende Ablauf.

Können benediktinische Werte wie Rückzug, Schweigen, Gebet, Demut den mit Stress überzogenen Menschen heute Halt geben oder einen neuen Weg zeigen?

Auf jeden Fall kann es sinnvoll sein, sich damit zu beschäftigen. Benedikt will alles im rechten Maß. Er ist kein Asket, der empfiehlt, sich zu kasteien, aber auch keiner, der ein Luxusleben lebt. Alles in Maßen anzugehen, das ist auch eine Tugend. Demut wird gerade für viele junge Menschen wieder attraktiv einfach nur seinen Dienst zu tun, also wirklich anderen zu dienen und sich selbst nicht in den Vordergrund zu stellen.

Was können besonders Führungskräfte von Benedikt lernen?

Es geht immer wieder und in erster Linie darum, auf die Menschen zu hören, gerade auf die Jungen. Benedikt empfahl dazu seinerzeit schon, der Abt solle auch die Jüngeren befragen, weil der Heilige Geist gerade diesen vielleicht eingibt, was richtig ist. Zudem ist es wichtig und hilfreich, herauszufinden, welche Charismen, also Neigungen, jemand hat, und zuzulassen, dass die Menschen diesen folgen. Benedikt sagt: Niemand soll traurig sein im Hause Gottes. Und das kann bei Überforderung wie Unterforderung schnell passieren. Bei uns Benediktinern hilft auch ein Beratungsstab dabei, Entscheidungen zu erörtern und zu finden. Und genauso wichtig: Der Abt, die Äbtissin hat das letzte Wort. Sie muss dann die Entscheidung fällen. Bei Schwierigkeiten sollen sich die Brüder und Schwestern gegenseitig ermuntern und eine Struktur des Vertrauens aufbauen. Und natürlich soll jede und jeder immer wieder zu sich selbst zurückfinden. Sich nicht fremdbestimmen lassen.

Was raten Sie in Ihren Seminaren Frauen in Führungspositionen in Bezug auf Achtsamkeit und Sorge um die eigene Seele?

Das ist ein großes Thema, aber individuell auch sehr verschieden. Frauen müssen sich in der Männerwelt immer noch vergleichen lassen, und doch sind sie anders. Sie schauen mehr auf Beziehungen und verstricken sich dann länger in Beziehungskonflikte. Nach einem Streit auch mal am Abend ein Bier zusammen zu trinken, das können Männer besser. Frauen tun gut daran, etwas lockerer zu werden und loszulassen. Es kann hilfreich sein, schneller wieder zur Sachebene zurückzufinden. Vor allem aber gilt: Man sollte sich weder als Mann noch als Frau auffressen lassen von einem Betrieb. So sagt der hl. Benedikt mitten im Kapitel über den Cellerar (etwa: Verwaltungsleiter) lapidar: Er achte auf seine Seele.

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