Kolumne

Familienersatz

„Es ist wichtig, dass das Unternehmen eine Familie ist, dass die Menschen sich als Teil des Unternehmens fühlen und das Unternehmen wie eine Familie für sie ist.“ Dieser Satz stammt nicht etwa von Familienunternehmer Robert Bosch oder einem anderen sozial fühlenden Patriarchen der deutschen Wirtschaftshistorie. Gesagt hat ihn Larry Page, Gründer und langjähriger Chef des Suchmaschinenkonzerns Google mit weltweit 100.000 Mitarbeitern. Der Mann, der sich Ende 2019 aus der Führung der Google-Dachgesellschaft Alphabet zurückgezogen hat, wünschte sich stets die „glücklichste und gesündeste Belegschaft“ auf Erden. Diese Haltung teilt Google mit anderen Techkonzernen des Silicon Valley.

„Alles nur geklaut“, so könnte man in Anlehnung an den Hit der „Prinzen“ meinen. Nicht ganz: Der Spirit der kalifornischen Technologieunternehmen (und der sie kopierenden Start-ups dieser Welt) war bei Familienunternehmen, ob in Deutschland oder den USA, schon im 19. Jahrhundert Normalität. „Die paternalistische Unternehmenskultur zeichnete sich durch ein Zusammenspiel von Elementen der Autorität, Vormundschaft und Fürsorge aus“, schreibt der Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff in einer Studie für die Stiftung Familienunternehmen. Der Paternalismus transferierte gewissermaßen die Herrschafts- und Obhutsbeziehungen des häuslichen Sozialverbundes in die Fabrikhallen.

Wichtigste Währung im Wettbewerb um Personal

Man verlangte zwar viel von seinen Mitarbeitern, aber man half auch in der Not. Wohnung, Bildung, Gesundheit waren keine Privatsache oder allein staatliche Aufgabe, sondern lagen auch in der Verantwortung des Unternehmers. Wie ein Fürst versammelte der frühe Kapitalist sein treues Fußvolk um sich und zog sich so neue Generationen von Arbeitskräften selbst heran.

Treue, Loyalität, Vertrauen, Beziehung – das ist in Zeiten rasanter Digitalisierung erst recht die Währung beim Thema Personal. Den Wettbewerb um die besten Talente betreiben die Unternehmen mit hohem Aufwand – er soll sich im Erfolgsfall möglichst lange auszahlen. So scheint es clever, den Mitarbeitern zu suggerieren, ihre Arbeit diene nicht dem Broterwerb allein, sondern mache sie zum Teil eines großen Ganzen, das ein ehrliches Interesse am Wohlergehen jedes einzelnen Mitgliedes habe. Wer so das Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit und Fürsorge bedient, der bekommt und behält die kostbarsten Kräfte. Er signalisiert, dass seine Mitarbeiter sein größter Wettbewerbsvorteil sind. Die derart mit Sportplatz, Fitnesstrainer, Cafés, Fahrradwerkstatt, Wäschedienst, Hundekita und eigenem Firmenbier liebkosten Mitarbeiter zahlen das zurück – mit aufopferungsvoller Arbeit und geringer Fluktuation.

 

Newsletter abonnieren

Mit dem Newsletter verpassen Sie keine Ausgabe der next: Das Magazin für Vorausdenker

Anmelden
Feedback

Sie möchten uns Feedback zu diesem Beitrag geben? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Feedback
Diesen Beitrag teilen

Hier können Sie den Beitrag über soziale Medien teilen.

Teilen

Sie möchten für immer auf Höhe der Vorausdenker sein?
Hier für den next: Newsletter anmelden!

Anmelden