Interview

„Wissen, wann man etwas selbst erledigen muss“

Shakespeares Dramen sind reich an den seinerzeit üblichen Merkmalen der Macht: Intrigen, Verrat und Bosheit. Können heutige Führungskräfte aus dieser düsteren Vorlage noch etwas lernen?

Shakespeare erteilt negative Lektionen. Nehmen wir die Gefahren des Anspruchsdenkens. In „Richard II.“ ist der König davon überzeugt, qua Geburt den Anspruch auf den Thron zu haben. Shakespeare zeigt, was daraus resultieren kann: Richard legt Regeln willkürlich aus und hält es nicht für nötig, die zu belohnen, die ihm folgen. Ein Unternehmen ist keine Monarchie, aber sicherlich kommt es auch dort vor, dass jemand einen natürlichen Anspruch auf eine Position zu haben glaubt. Shakespeare beschreibt auch gerne, wie Anführer eine Situation falsch interpretieren. In „Julius Caesar“ beispielsweise zieht sich das Motiv des Missverstehens durch das gesamte Stück: Brutus ...

Stephen Jay Greenblatt ist Professor für „Humanities“ und Lehrstuhlinhaber an der Harvard University. Mehr lesen »

Stephen Jay Greenblatt ist Professor für „Humanities“ und Lehrstuhlinhaber an der Harvard University. Er ist Gründer und Mitherausgeber der literaturwissenschaftlichen Fachzeitschrift „Representations“, des Zentralorgans des New Historicism, den er maßgeblich mit vertritt, sowie Pulitzerpreisträger. Sein Buch „Der Tyrann. Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert“ schrieb er 2018 aus Besorgnis nach dem Ausgang der US-Wahl 2016. Obwohl Donald Trump darin nicht direkt erwähnt wird, interpretierten es führende US-Zeitungen als nahezu unverhüllte Kritik am Präsidenten der USA. Weniger lesen »

... einer der Verschwörer gegen Caesar ...

... ist militärisch erfolgreich, aber er realisiert es nicht und begeht am Ende Selbstmord. Shakespeare ist der Ansicht, dass Führungskräfte gut zuhören und fähig sein müssen, auch ein komplexes Set von Signalen zu interpretieren.

Auch das Drama „König Lear“ endet schlecht. Er scheitert, weil er seine Töchter zum Charmewettbewerb zwingt und ausgerechnet Lieblingstochter Cordelia die Schmeichelorgie verweigert.

Der Liebestest ist für Shakespeare der Kardinalfehler. Ein guter Chef darf seine Untergebenen keiner Sympathieprüfung aussetzen. Der Fall von König Lear und seinen Töchtern entlarvt zugleich ein Missverständnis: Jemanden zu lieben heißt nicht, ihm zu dienen.

Die Szene zeigt auch, was passieren kann, wenn ein Machthaber  entgleist und niemand die Macht hat, ihn zu stoppen. Gibt Shakespeare Hinweise, wie sich so einer Entwicklung vorbeugen lässt?

Die Frage ist, wie in solchen Situationen eine Basis für Kritik geschaffen werden kann. Shakespeare fand darauf keine gute Antwort. Aber er zeigt immer wieder die Hoffnung, das Vertrauen, dass bestimmte Werte sich durchsetzen.

„"Ein guter Chef darf seine Untergebenen keiner Sympathieprüfung aussetzen"“

Stephen Greenblatt

In Ihrem Buch „Der Tyrann“ schreiben Sie: „Ein anständiger Herrscher sollte nicht auf die Dankbarkeit seines Volkes zählen.“ Also alles umsonst?

Oh nein, es gibt bei Shakespeare auch positive Lektionen. Etwa „Heinrich V.“, moralisch mehrdeutig und kompliziert, aber doch ein gutes Beispiel dafür, was Shakespeare als charismatische Autorität ansieht. Der König hat die außergewöhnliche Gabe, als Herrscher aufzutreten und zugleich auf Augenhöhe mit dem Volk zu sprechen. Er beherrscht beide Sprachen, die Sprache der Macht und die seiner Untertanen. Shakespeare beschäftigt sich auch damit, was es bedeutet zu delegieren. Die beste Ausführung finden wir bei einem Bösewicht, Claudius in „Hamlet“, der sehr gut darin ist, andere Leute zur Übernahme von Aufgaben zu bewegen.

Manipulation als Führung?

Shakespeare verachtet Grausamkeit, aber er geht nicht davon aus, dass Tugend stets gewinnt und das Böse immer verliert. Claudius ist sehr gut in etwas, was schon Machiavelli als Voraussetzung der Macht beschrieben hat: zu wissen, wann man etwas selbst erledigen muss und wann nicht. Damit einher geht die Fähigkeit, zu erkennen, wann der richtige Moment zum Handeln gekommen ist; die Griechen nennen ihn "kairós".

Jedoch stirbt in „Hamlet“ auch Claudius. Enthält das eine Botschaft: Du kannst auch verlieren, indem du gewinnst?

Ich denke schon. Wie es jemand auch anstellen mag – die Zukunft bleibt ungewiss. Shakespeare stellt Claudius als einen sehr eindrucksvollen Führer dar. Und doch verliert er zum Schluss, weil er nicht verhindern kann, dass seine Frau den für Hamlet bestimmten vergifteten Trunk zu sich nimmt. Als Lektion für Führungskräfte lässt sich ableiten, dass man niemals alles unter Kontrolle hat – und dass man außer Talent auch Glück braucht.

Wenn Sie sich eine Führungspersönlichkeit bei Shakespeare aussuchen müssten, welche würden Sie wählen?

Eines der attraktiveren Beispiele ist Prospero in „Der Sturm“. Am Anfang seines Lebens scheitert er als Führer katastrophal, weil er zu viel Zeit mit seinen Büchern verbringt. Aber Prospero lernt im Exil dazu und setzt das Wissen ein, das er durch seine Bücher erworben hat. Das gibt ihm am Ende enorme Macht. Das ist womöglich eine der schönsten Botschaften von Shakespeare: Ein Fehler, auch wenn er noch so schmerzhaft war, kann die Saat von Erlösung und späterem Erfolg in sich tragen.

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