Dieser Durst nach Wissen

Nikon Rasumov lebt und arbeitet da, wo alle Tekkies sich hinträumen: im Silicon Valley. Etliche Start-ups hat er schon mitgegründet, außerdem war er Entwickler bei zwei weltweit führenden Unternehmen für Cybersicherheit. Aber jetzt ist es wieder Zeit für etwas Neues. Vor Kurzem hat Rasumov eine eigene Firma gegründet, kindlyanswer.me heißt sie. Und er hat die Latte sehr hoch gelegt. „Ich will einen Marktplatz für künstliche Intelligenz bauen“, nimmt er Maß. „Es wird das Amazon der KI.“

Rasumovs Aufstieg zum Olymp der IT begann vor 16 Jahren. Als Elftklässler gewann er beim Bundeswettbewerb Jugend forscht, Deutschlands bekanntestem wissenschaftlichem Nachwuchswettbewerb, den ersten Preis im Fachgebiet Biologie. Mit einem Magnetresonanztomografen hatte er das Kurzzeitgedächtnis seiner Mitschüler beim Vokabellernen untersucht und gezeigt, dass die Aktivierung bestimmter Hirnregionen und die Gedächtnisleistung zusammenhängen. „Es ist wie bei einer Leiter“, blickt Rasumov zurück. „Wenn man den ersten Schritt nicht macht, kommt man nicht oben an.“ Der erste Schritt auf der Leiter, die ihn ins Silicon Valley führte – das war Jugend forscht.

Als Nikon Rasumov den Preis in Händen hielt, gab es Jugend forscht, von Teilnehmern liebevoll „Jufo“ genannt, schon fast 40 Jahre. Unter dem Motto „Wir suchen die Forscher von morgen“ hatte Stern-Chefredakteur Henri Nannen, der Erfinder des Wettbewerbs, im Dezember 1965 erstmals zur Teilnahme aufgerufen und damit ein Zeichen gegen die Bildungsapathie nach dem Sputnik-Schock gesetzt, die die westliche Welt nach dem Start des ersten künstlichen Erdsatelliten Sputnik 1 am 4. Oktober 1957 durch die Sowjetunion erlitten hatte. „Natürlich müssen die Jungen und Mädchen, die an dieser Olympiade der jungen Forscher teilnehmen, keine epochalen Entwicklungen vorweisen“, dämpfte Nannen damals die Erwartungen. „Die saubere Darstellung naturwissenschaftlicher Zusammenhänge kann durchaus eine wettbewerbsfähige Leistung sein.“

Vom Tüftlerklub zur MINT-Trimm-dich-Aktion

Während die Jufo-Gemeinde anfangs noch ein vergleichsweise überschaubarer Klub von ein paar Hundert Tüftlern und Knoblern war, ist sie über die Jahrzehnte zu einer Art MINT-Trimm-dich-Bewegung gewachsen. Mehr als 11.700 Teilnehmer haben in diesem Jahr ihre Arbeiten eingereicht, darunter zahlreiche zu aktuellen Themen wie Klimawandel, Energiewende und Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung. Sven Baszio, der Geschäftsführer der Stiftung Jugend forscht e. V., findet es „außerordentlich spannend, zu sehen, wie nah die Jugend am Puls der Zeit ist“.

Neugier, der Durst nach neuem Wissen, das Bedürfnis, den Fragen auf den Grund zu gehen – das ist bis heute der Motor des Wettbewerbs. Auch Nikon Rasumov spürte von Anfang an „den Drang, Dinge zu verändern, richtig große Sachen zu bauen – und dabei anderen zwei, drei oder am besten zehn Jahre voraus zu sein“. Eine Triebkraft, die nie erlahmt. Bei seinem letzten Arbeitgeber, dem Cyber-Security-Spezialisten Cloudflare, entwickelte er einen der leistungsfähigsten Algorithmen der Welt. Er bewältigt 15 Millionen Maschinenbefehle pro Sekunde. Der von Twitter schafft gerade mal zwei Millionen.

Als Rasumov bei Jugend forscht triumphierte, war Andreas von Bechtolsheim schon ein gemachter Mann. Der Bundessieger in Physik, der 1974 ein Projekt zur Strömungsmessung durch Ultraschall präsentierte, hatte später in den USA Sun Microsystems mit gegründet, den ersten Großkonzern des PC-Zeitalters, und zu einem Milliardenunternehmen gemacht. Seine heutige Unternehmens-Wirkungsstätte Arista Networks zählt zu den Weltmarktführern bei Netzwerklösungen für Cloud-Anbieter. Auch als Geldgeber hatte er ein gutes Gespür. Zwei Männer namens Sergey Brin und Larry Page erzählten ihm 1998 von ihrem Vorhaben, eine Suchmaschine fürs Internet zu bauen. Die Idee gefiel Bechtolsheim; mit einem Scheck über 100.000 Dollar wurde er einer der Gründungsinvestoren von Google. Nach wie vor zählt er zu den ganz Großen der amerikanischen IT-Szene. Dabei ist der milliardenschwere Unternehmer, den es morgens nicht länger als bis fünf Uhr im Bett hält, erfrischend unprätentiös geblieben. Auf eine Anfrage per Mail zur Bedeutung von „Jugend forscht“ für seinen Werdegang antwortet er fast postwendend. Und schreibt gleich noch seine Handynummer drunter – „falls Sie noch mehr wissen wollen“.

Unvergleichliche intellektuelle Stimulation

Schon als Kind habe ihn ein unstillbarer Wissensdurst ihn getrieben, erzählt er. Als er sechs Jahre alt war, baute er das Tonbandgerät seines Vaters auseinander und anschließend wieder zusammen – so, dass es funktionierte. Es war die pure Neugier, die ihn dazu trieb, sich der Maschine anzunehmen. Wie sieht dieses geheimnisvolle Ding, dessen Spulen sich so gleichmäßig bewegen, wie von Geisterhand gesteuert, eigentlich innen aus? Wie funktioniert die Mechanik? Welche Kräfte bewegen das Tonband? Später, als Gymnasiast, richtete er sich im Keller des elterlichen Hauses ein Elektroniklabor ein. „Dort habe ich digitale Instrumente gebaut. Die ganze Nacht bin ich aufgeblieben, um daran weiterzubasteln.“

Jugend forscht wirkte dann wie ein Katalysator. Der Sieg beim Wettbewerb gab Bechtolsheim das „Selbstvertrauen, dass ich komplexe Probleme lösen kann“. Die Neugier auf das Entdecken der Welt der Technik ist die große Konstante im Leben des mittlerweile 65-Jährigen geblieben. Als Arbeit oder Mühsal habe er seinen Job nie empfunden, „ganz einfach, weil er mir so viel Spaß macht. Die intellektuelle Stimulation, die man daraus ziehen kann, ist unvergleichlich.“

Wer in der Jugend forscht, forscht oft ein Leben lang

Neun von zehn Preisträgern studieren anschließend ein MINT-Fach. Manche werden Entrepreneure wie Rasumov oder Bechtolsheim, andere bleiben der Forschung treu. Carina Lämmle beispielsweise, im Jahr 2011 für die beste interdisziplinäre Arbeit ausgezeichnet, dann mit 16 Jahren Deutschlands jüngste Hochschuldozentin, geht am Max-Planck-Institut für Medizinische Forschung in Heidelberg mit der Fluoreszenzmikroskopie den Vorgängen in lebenden Zellen auf den Grund. „Nein, das ist Grundlagenforschung“, antwortet sie amüsiert auf die Frage, ob ein Unternehmen die Ergebnisse ihrer Forschung in absehbarer Zeit zu Geld machen könne.

Der Kontakt zum Wettbewerb und zu anderen Teilnehmern und Preisträgern reißt bei den meisten Jufos nie ab. Carina Lämmle beispielsweise fährt jedes Jahr zum bundesweiten Finale. „Die jungen Leute mit ihren tollen Projekten, die man dort trifft, geben mir immer wieder Ansporn, selbst nicht lockerzulassen.“ Sie will den Geist des Wettbewerbs weitergeben und hat selbst auch Schüler für Jugend forscht gecoacht. Einen hat sie schon bis zum Bundeswettbewerb gebracht.

Bei derart viel jugendlichem Know-how-Konzentrat auf engstem Raum fragt sich mancher ehemalige Preisträger, warum die Personaler großer Unternehmen nicht etwas genauer auf die MINT-Talentschmiede schauen. Jan Reh etwa, der für sein Sicherheitssystem für Tischkreissägen mit dem Bundespreis im Bereich Arbeitswelt ausgezeichnet wurde, sieht den Wettbewerb „von den HR-Profis komplett unterschätzt“. Bei Jugend forscht könne man „mit wenig Aufwand interessante Menschen identifizieren, die man später auch mit den ausgeklügelten Methoden des Recruitings nicht mehr findet“.

Vom Bastelkeller zur Konzernkarriere

Reh gehört zu den wenigen Preisträgern, die eine Konzernkarriere eingeschlagen haben. Er startete in der Lufthansa Group, bevor er 2007 bei Airbus die Leitung des Produktdesigns im Bereich Cabin Innovation & Design übernahm. Aber dann wurde er doch noch Unternehmer, wenigstens eine Zeit lang. Von 2015 bis 2017 entwickelte er als CEO des Start-ups BAG2GO für den Kofferhersteller Rimowa ein intelligentes Gepäckstück, das sich per Smartphone-App steuern lässt und dem Besitzer beispielsweise das nervige Anstehen am Check-in-Schalter erspart. Andere machen ein Sabbatical, Reh entschied sich für ein „Entrepreneurial Leave“ und brachte den Koffer zur Marktreife. Er hätte bei dem Rimowa-Ableger bleiben können, „aber irgendwie fühlte sich das nicht richtig an“, erinnert er sich. „Ich sah mich auf Dauer nicht als Kofferverkäufer.“ Der Geist von Jugend forscht ergriff wieder Besitz von ihm. Er brauchte neue Aufgaben, ging zurück zu Airbus und entwickelt jetzt innovative Lösungen zur Beförderung des Gepäcks ins Flugzeug – vom umweltfreundlichen und papierlosen Trocknen der Hände im Waschraum bis zu gänzlich neu gedachten Geschäftsmodellen rund um das Fliegen von morgen.

„Jugend forscht holt die Talente aus dem Bastelkeller heraus“ – dieser Satz von Daniel Gurdan könnte ein gutes Leitmotiv des Wettbewerbs sein. Zu seiner Zeit, erzählt der Bundessieger Arbeitswelt – ausgezeichnet wurde er 1999 für eine handschuhähnliche Fingerprothese – sei es gar nicht so einfach gewesen, „Gleichgesinnte zu finden, die auch so krass ihre Sachen durchziehen, Leute mit einem ähnlichen Mindset“. Jugendliche in seinem Alter hatten in der Regel noch kein Internet. Jugend forscht war eine Art Erlösung. „Man konnte aus dem Keller rausgehen, seine Sachen zeigen, und die Leute fanden das cool.“ Manche nahmen zwei-, drei- oder viermal teil, bis sie gewannen. Oder auch nicht. „Hauptsache wieder mit ’ner geilen Idee dabei sein.“

Das vierköpfige Führungsteam des von ihm mitgegründeten Herstellers von Industriedrohnen bestand komplett aus Jufo-Preisträgern. Einen hatte er hatte er beim Landeswettbewerb in München kennengelernt. Auf der gemeinsamen Autofahrt zum Bundeswettbewerb vereinbarten die beiden sofort, die nächste Erfindung gemeinsam anzugehen. „Lass uns doch mal was Fliegendes bauen!“ Vor drei Jahren wurde das Unternehmen an Intel verkauft, Gurdan ist als Chief Technologist für Intel’s Drone Lightshows an Bord geblieben.

Andreas von Bechtolsheim würde ihm vermutlich raten, jetzt langsam mal was Neues auszuprobieren. Schließlich habe es noch nie in der Geschichte der Menschheit derart viele Chancen gegeben, Innovationen zu kreieren: Was bauen wir als Nächstes? Welches Problem lösen wir? Und wenn er einen Wunsch frei hätte? „Ich wünschte, ich könnte 200 Jahre leben – einfach nur, um zu sehen, wie das alles weitergeht.“ Wie schön, dass die Neugier, die uns so viel Wandel beschert, als solche überhaupt nicht wandelbar, sondern fest im Menschen verankert ist.

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