Der Traum vom neuen Wohnen

Gigantische Wohntürme mit hängenden Gärten, schwimmende Apartmentinseln im Wattenmeer, eine Tropenstadt aus Bambus – wer wissen will, wie sich Stadtplaner unser Leben in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts vorstellen, der kann im Berliner FUTURIUM vom neuen Wohnen träumen. Der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte Museumsbau mitten im Regierungsviertel zeigt Ausschnitte einer Welt, wie sie morgen sein könnte. „Alle Visionen zeigen: Die Wohnung ist emotional ein Teil von uns und der Ort, an dem wir als Menschen zusammenkommen“, sagt Gabriele Zipf, Ausstellungsleiterin des FUTURIUMS.

In der Tat geht es beim Wohnen um viel mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Aber sind beeindruckende Experimentalbauten wie die in Singapur errichteten Marina-One-Penthouses mit ihren tropischen Innengärten tatsächlich Vorboten eines neuen globalen Wohntrends? Spiegeln sie wirklich wider, wovon die meisten Menschen in Bezug auf ihre Wohnform träumen?

Szezana Michaelis, Vorstand der Gewobag AG, mit mehr als 60.000 Mietwohnungen eine der größten kommunalen Wohnungsbaugesellschaften in Deutschland, betrachtet die Sache eher mit wachen Augen. „Wohnen ist, zumindest in der Breite der Ansprüche, ein ziemlich austauschbares Produkt. Unsere Mieter wollen wissen: Wo stelle ich meine Couch hin? Wie trenne ich den Schlaf- vom Wohnbereich? Habe ich ein Bad mit oder ohne Fenster?“ Wohnungswirtschaft und der Politik weist sie die Aufgabe zu, zunächst einmal diese relativ simplen Grundbedürfnisse zu erfüllen. „Bauen ist zwar keine Raketenwissenschaft“, sagt Michaelis, „aber angesichts extrem gestiegener Bodenpreise, Flächenknappheit und 25.000 Bauvorschriften – vom Brand- über Schall- bis hin zum Klimaschutz – auch nicht trivial.“

"Welche menschlichen Grundbedürfnisse befriedigt eine Wohnung?"

Zurück in die Zukunft

Wer bei Wohntrends in die Zukunft schauen will, sollte die Vergangenheit verstehen. Ende der 1920er-Jahre wurde im Berliner Stadtteil Haselhorst die sogenannte „Reichsforschungssiedlung“ nach Entwürfen von Bauhaus-Gründer Walter Gropius realisiert. Es entstanden kleine Wohnungen für Arbeiter mit viel Licht, Luft und Sonne als Kontrast zu den muffigen Mietskasernen aus der Zeit des Kaiserreiches. In einer originalgetreu rekonstruierten Museumswohnung lässt sich besichtigen, wie der Traum vom Wohnen vor 100 Jahren aussah. Das Erstaunliche daran: ähnlich wie heute  – getrennte Zimmer, Wohnküche, Bad und Balkon.

Während sich der Lifestyle aufgrund von Digitalisierung und Globalisierung  –  ob beim Reisen, in der Unterhaltungsindustrie oder in der Mode – teilweise disruptiv verändert, können sich Trends in der Immobilienwelt nur über extrem lange Zeiträume entwickeln. Das liegt auch daran, dass die gewachsene mitteleuropäische Stadt, in der sich mehr oder weniger chaotisch über Jahrhunderte hinweg neue Quartiere wie Zwiebelringe um die historischen Stadtkerne gelegt haben, noch immer der Maßstab für gute Wohnqualität ist. Asiatische Schlafstädte aus der Retorte taugen allenfalls als Horrorvision.

Das Gefühl von Zuhause vermitteln eher noch die in bürgerlichen Gesellschaftskreisen verpönten Großsiedlungen aus der 1960er- und 1970er-Jahren. „Aufgrund ihrer Freiraumqualitäten und im Zusammenhang mit Aufwertungsprojekten sind sie viel besser als ihr Ruf und bei den Menschen, die dort leben, durchaus beliebt“, unterstreicht Bremens Senatsbaudirektorin Prof. Iris Reuther. Voraussetzung für dieses Heimatgefühl sei jedoch, „dass diese Quartiere gepflegt und in ihrer jeweiligen Besonderheit zusammen mit der Zivilgesellschaft, Bildungsträgern und ansässigen Unternehmen weiterentwickelt werden.“

Es geht um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung

Treiber für Veränderung gibt es dennoch: Autarkie und Selbstbestimmung.Die Menschen installieren massenhaft Solarstromanlagen plus Batteriespeicher, um das Gefühl von „Energieautarkie“ zu haben. Auch beim Thema Ernährung simulieren junge Trendsetter Unabhängigkeit. Gut ausgebildete Akademiker ziehen vom Dorf oder aus der Kleinstadt in die Städte – um dort in Innenhöfen oder auf Dächern Nutzgärten für selbst gezogenes Gemüse anzulegen. „Ganz Freiburg könnte man versorgen, wenn jeder sein Flachdach nutzen würde“, sagt Christina Franz, die auf dem Dach ihres Hauses in der Wohnsiedlung Vauban schon vor fünf Jahren einen Garten angelegt hat, der 300 Mahlzeiten liefert. Inzwischen ist das Rooftop-Gardening auch in großstädtischen Szenekiezen wie Berlin-Kreuzberg angekommen.

Hans Werner Wahl, Seniorprofessor am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg, hat dieses Phänomen analysiert: „Beim Wohnen geht es sehr stark um die Aufrechterhaltung von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.“ Das gelte umso mehr für Gesellschaften, in denen die Menschen immer älter werden. Tatsächlich gibt es in Deutschland bisher erst 700.000 Wohnungen, in denen Senioren ihren Lebensabend altersgerecht und unabhängig in den eigenen vier Wänden verbringen können. Schon in weniger als zwei Jahrzehnten wird es jedoch 24 Millionen Einwohner im Alter von 65 plus x geben. „Wir müssen das Angebot auf dem Markt um das Vier- bis Fünffache ausweiten“, fordert deshalb Heiko Stiepelmann vom Hauptverband der Deutschen Bauindustrie.

Wohnungswirtschaft und Politik müssen den Spagat schaffen, einerseits tradierte Wohnbedürfnisse zu befriedigen, andererseits neue Wohnformen zu ermöglichen, in denen Menschen ebenso unabhängig und selbstbestimmt leben können. Das gilt generationenübergreifend für Jung und Alt. Vor diesen Herausforderungen stehen insbesondere gemeinnützige, genossenschaftliche und kommunale Wohnungsgesellschaften wie die Gewobag. Das Unternehmen will bis 2030 in Berlin rund 10.000 neue Wohnungen bauen, ein Viertel davon allein im Quartier „Waterkant“ direkt an der Spree. Die Hälfte aller Wohnungen ist für Mieter mit geringen Einkommen reserviert, und es gibt Mobility-Hubs mit Carsharing und Fahrradverleih statt Pkw-Parkplätzen für eine neue urbane Generation. Die Gebäude werden energieeffizient gebaut und mit Flusswasserwärme beheizt.

„Im Vorfeld haben wir ermittelt, welche Wohnbedürfnisse wir hier erfüllen müssen“, erzählt Szezana Michaelis. „Alternative Konzepte – ob altersgemischte Lebensgemeinschaften oder flexible Wohnraumgestaltung – waren nur im unteren einstelligen Prozentbereich gefragt.“ Das ist jedoch kein Freifahrtschein, so weiterzubauen wie bisher. Die Gewobag lädt aufgeschlossene Senioren dazu ein, in einem „Wohnaktiv-Haus“ als WG zusammenzuleben, sie bietet vermehrt barrierefreie Apartments mit Aufzügen an und richtet in den Wohnquartieren „Kiezstuben“ als Treffpunkte für ihre älteren Bewohner sowie Menschen aus anderen Kulturkreisen ein.

"Wie und wo werden die meisten Menschen in Zukunft wohnen?"

Co-Living-Spaces und die „elastische Wohnung“

Für Susanne Eickermann-Riepe, German Real Estate Leader bei PwC Deutschland, bilden neue Wohnformen einen Trend ab, der zunächst eine bestimmte gesellschaftliche Avantgarde begeistert. „Vor allem für eine wachsende Zahl junger Menschen löst das Wohnen das Auto als Statussymbol ab. Für diese Klientel werden auf den internationalen Märkten bereits heute neue Living-Konzepte angeboten, die weltweit einheitlich gebrandet sind“, beobachtet Eickermann-Riepe.

Hotelketten, Co-Working-Anbieter und Start-ups haben die Digital Natives als Zielgruppe im Visier, die heute in New York, morgen in London und übermorgen in Paris arbeiten. „In der Regel sind das Singles, die keine Zeit haben, sich immer wieder mühsam eine eigene Wohnung zu suchen. Sie brauchen einen Co-Living-Ort, der überall gleich aussieht, überall einen umfassenden Service an digitaler Infrastruktur bereithält und dennoch überall ein Zuhause und eine Gemeinschaft unter Gleichgesinnten ermöglicht“, sagt die PwC-Fachfrau. Das Zuhause wird hier zu einer Mischung aus Airbnb, Wohngemeinschaft und Luxushotel.

Doch nur die wenigsten Menschen werden in Zukunft zu globalisierten Nomaden mutieren. Die meisten bleiben relativ sesshaft. Angesichts der innerstädtischen Verdichtung und hoher Quadratmeterpreise könnten daher in Zukunft pfiffige technische Lösungen helfen, den Traum von einer behaglichen Wohnung auf kleinstem Raum zu erfüllen. Der italienische Architekt Angelo Roventa hat zum Beispiel das Konzept einer „elastischen Wohnung“ entwickelt und erstmals in einer Wohnanlage der in Dornbirn in Österreich ansässigen Vorarlberger Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft umgesetzt. Das Besondere daran: Statt der üblichen starren Wohnungsschnitte enthalten die jeweils 50 Quadratmeter großen Grundflächen der 23 Mietwohnungen Funktionseinheiten wie Küche und Bad, die sich auf Schienen bewegen lassen. Mit einer Handkurbel lassen sich innerhalb weniger Minuten einzelne Räume zum Wohnen, Schlafen, Kochen oder Arbeiten zusammen- oder auseinanderschieben – und machen den Bewohner zumindest unabhängig von den üblichen Grenzen des Raums.

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