Sie haben mit der Studie „Digital Factories 2020“ den aktuellen Stand und die Herausforderungen in diesem Bereich beleuchtet. Was ist Ihr Fazit? Die Digitalisierung in den deutschen Fertigungsunternehmen kommt insgesamt sehr erfolgreich voran. Auch der Mittelstand erkennt die großen Chancen einer digitalen Fabrik und hat erste Prototypen sehr gut umgesetzt, wie die Beispiele Wittenstein und Bruker zeigen. Die Digitalisierung macht die Fertigung wettbewerbsfähiger, produktiver und zwölf Prozent effizienter, so eines der Studienergebnisse. Davon profitiert der Standort Deutschland, da es nicht nur um Automatisierung, sondern auch um Vernetzung komplexer Systeme geht, die eine hohe Kreativität und ein hohes Technikverständnis auch auf dem Shopfloor erfordert. Das können die gut ausgebildeten Fachkräfte hierzulande besser und schneller umsetzen als in vielen anderen Ländern. Deutschland ist damit quasi das Pilotland für diese neuen Technologien. Die Digitalisierung bietet zudem die Möglichkeit, nicht nur die Werke zu optimieren, sondern auch neue Lösungen zu entwickeln, wie etwa bei Bosch und Trumpf. Das schaffte neue Arbeitsplätze am Standort Deutschland.

Ist wirklich alles schon Gold oder sehen Sie auch Defizite? Aktuell beobachten wir drei Problemfelder bei den Unternehmen: Es fällt vielen noch schwer, „digitales Talent“ in die Firma zu rekrutieren, um die digitale Transformation anzustoßen und die gesamte Organisation darauf umstellen zu können. Zweitens scheuen viele Unternehmen noch vor den hohen Kosten zurück und sind daher noch zurückhaltender. In solchen Fällen hat es sich bewährt, mit kleinen ersten Piloten zu starten, einige Maschinen miteinander zu vernetzen und etwa Daten zu nutzen, um Instandhaltungsmaßnahmen zu optimieren oder Stillstände an der Maschine zu vermeiden. Da sind die Investitionen überschaubar, man erkennt die Kraft der Technologien besser und hat auch erste Erfolgserlebnisse.

Und drittens? Bisweilen fehlt noch die Führung des Themas von der Spitze aus. Man muss sich als Firmenchef der Digitalisierung mit Haut und Haar verschreiben und Verantwortung übernehmen, als Modell durch die Organisation gehen und das vorantreiben. Gleichzeitig muss man die Mitarbeiter motivieren, digitale Technologien auszuprobieren und damit zu lernen.

Geht die Digitalisierung in die richtige Richtung? Wir beobachten diesbezüglich eine interessante Situation in Deutschland. Die Unternehmen verfolgen in der Regel Kostenreduzierungen und Effektivitätssteigerungen. Dagegen haben sie höchsten Nachholbedarf, auch den Wert digitaler Geschäftsmodelle zu erkennen und zu monetarisieren. Da sind uns die Unternehmen aus den USA um Längen voraus.

Wie könnten deutsche Unternehmen in der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle zu den USA aufschließen? Beispielsweise indem sie ihre Produkte mit digitalen Features aufrüsten. Etwa mit einer Sensorik, die misst, ob an der Dichtung einer Ölpumpe Öl austritt. Durch ein neues Geschäftsmodell wäre hier der Schritt vom Dichtungsverkäufer zum Sicherheitsanbieter möglich, der die Anlagen sicherer macht, zum Beispiel mit einem Pay-per-Use-Modell. Auch die dort erfassten Daten können dazu beitragen, den Kunden mit weiteren Informationen zu versorgen, um einen Mehrwert zu generieren. Auch übergreifende Markplattformen zu entwickeln, ist so ein Weg. sich als Vermittler zu etablieren, die Möglichkeit, über , wie etwa Uber oder Alibaba das tun. Es macht einen großen Unterschied, ob ich irgendwann gezwungen bin, solche Plattformen zu nutzen, oder selber eine Plattform schaffe und Kunden etwa auf eine Einkaufsplattform leite, auf der mein Unternehmen sogar Drittprodukte einbinden kann. Des Weiteren könnten Unternehmen Daten aus der Fertigung systematisch erfassen und für die Kunden nutzbar und damit verkaufbar machen. Daten sind immer Werte. In den USA geht es immer um den Wert der Daten und die Möglichkeit, damit Geld zu verdienen.

Laut der Studie beklagt die Mehrheit der Unternehmen das Problem, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Wo sollen die besser ausgebildeten Mitarbeiter herkommen? Deutschland verfügt über ein hervorragendes Ausbildungssystem, das ein gutes Maß an qualifiziertem Nachwuchs hervorbringt. Demografisch werden wir aber nicht genügend Personal rekrutieren können. Auch da waren die USA bisher vorbildlich, der es gelungen ist, hochausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland zu holen. Das ist nicht zuletzt einer der zentralen Erfolgsfaktoren des Silicon Valleys. Daher ist es für unseren Standort eine der wichtigsten Aufgaben – vor allem der Politik –, die entsprechenden Voraussetzungen dafür zu schaffen, um zusätzliche Talente ins Land zu holen.

Smart Manufacturing erfordert einen enormen Kulturwandel in den Firmen. Wie lässt sich der bewältigen? Wenn Maschinen sich ad hoc selbst organisieren, bleiben da überhaupt noch Aufgaben für den Menschen? Die Aussagen der Studien sind in dem Punkt deutlich: Die digitale Fabrik bietet den Unternehmen die Möglichkeit, über bessere Datentransparenz neue Erkenntnisse zu gewinnen. Sie trägt enorm dazu bei, Kosten zu senken und die Effizienz zu steigern. Aber es geht nicht darum, dem Mitarbeiter die Arbeit wegzunehmen, auch wenn es zu einer Verschiebung von Tätigkeiten kommt. Der Mensch wird in der digitalen Fabrik nicht überflüssig. Es ist doch perfekt, wenn Mensch und Maschinen zusammenarbeiten. Das ergibt neue Möglichkeiten der Interaktion. Genau da liegen auch die Potenziale der Zukunft. Zudem entstehen neue Chancen und Berufsbilder wie etwa der Data Scientist. Den gab es vor zehn Jahren nicht, er ist heute aber einer der am heißesten nachgefragtesten Berufe. Letztendlich erfolgt die digitale Transformation nur durch Vorgabe und Vorleben der Unternehmensführung. Die Mitarbeiter müssen bei jeder Veränderung mitgenommen werden, da sie Chance und Bedrohung gleichermaßen ist. Die Unternehmen müssen sensibel für Ängste der Belegschaft sein, selbstkritisch damit umgehen und Vorteile der digitalen Fabrik deutlicher und detaillierter auch über moderne Kanäle wie Twitter und Facebook kommunizieren und die Digitalisierung vorantreiben.