Zwischen Speed und Roboter: Wo bleibt der Mensch?

Es geht nicht um die Frage, welche Jobs die Digitalisierung überleben. Sondern vielmehr darum, wo und wie der Mensch überhaupt in dieser schönen neuen Welt positioniert wird. Eine Polemik von Christian Scholz

Ja, Roboter sind praktisch und machen unser Leben wirklich lebenswerter. Ob in der Fertigung, im Lager, bei der Altenpflege, im Hörsaal, im Redaktionsbüro, in der Landwirtschaft, in der Gastronomie, in der Verwaltung. Einmal programmiert, erfüllen sie brav ihren Zweck. Anders als Menschen widersprechen sie auch nicht. Zudem reagieren sie rasch und ohne Überraschungen. Also: ein Lob der Digitalisierung.
Exponentielle Tsunamis als disruptive Digitalisierung
Was sagt Ihnen diese Kombination aus fünf Worten? Jeder halbwegs vernünftig denkende Mensch wird sofort und laut „absoluter Unsinn“ rufen, zum Zeichen des Widerwillens den Kopf schütteln, vielleicht das Notebook zuklappen oder den Referenten auspfeifen.
Nur: Wenn einer unserer selbst ernannten Vordenker in Sachen Digitalisierung mit ernstem Blick und rot angelaufenem Gesicht diesen Satz vom Podium herab auf uns unmündige Bürger schleudert, dann wird im Regelfall nicht gepfiffen. Nein, die Reaktion ist eine andere: Dieser Mann hat recht! Endlich einer, der nicht die Klappe hält. Endlich einer, der uns von der Kanzel herab predigt, was wir ganz schnell tun müssen. Denn: Alles wächst exponentiell. Die Kapazität von Computerchips ebenso wie die Zahl der mit Pflanzenschutzmittel getöteten Insekten.
Alles kommt wie ein Tsunami. Wir können ihn nicht verhindern, allenfalls ertrinken.

Alles ist disruptiv. Plötzlich kommt Neues, Disruption schlägt Evolution. Alles wird digital. Analoges stirbt aus.

Medientechnisch sind das alles interessengeleitete Übertreibungen, in Neudeutsch Fake News. Sie führen als postfaktische Verzerrung zu alternativen Fakten. Denn alle diese Sätze sind falsch: Eine exponentielle Kurve ist in jedem Abschnitt exponentiell und deshalb exponentielles Wachstum nicht neu. Hinter dem Beschwören von Tsunamis steckt sprachliche Täuschung („Framing“). Und Disruption steht seit der Eiszeit auf der Tagesordnung, Digitalisierung seit der Erfindung des Computers.

Deshalb wird die Botschaft vor allem mit dem Beiwerk „Schnelligkeit“ und „Zeitdruck“ aufgegriffen und akzeptiert: in der Politik, in den Medien, in der Industrie, auf Kongressen, in der Forschung, in Schulen und Hochschulen. Und bei Unternehmen und Beratern macht sich klammheimlich Goldgräberstimmung breit.
Doch irgendwie kommt bei uns langsam eine andere Frage ins Bewusstsein: Wo bleibt der Mensch? Und dabei geht es nicht um die Frage, welche Jobs die Digitalisierung überleben. Wir haben drei industrielle Revolutionen erlebt, und es gibt immer noch Arbeit.
Es geht vielmehr darum, wo und wie der Mensch überhaupt in dieser schönen neuen Welt positioniert wird. Dazu eine kleine Spurensuche.

Work-Life-Blending als maximale Einpassung des Menschen in die Wertschöpfungskette
„Von der Work-Life-Balance zum Work-Life-Blending“: Berufsleben und Privatleben gehen ineinander über. Statt klar definierter Blöcke viele kleine Zeitscheibchen. Der Beruf dringt metastasenartig in die Freizeit ein und gewinnt immer mehr Raum.

Zwar lautet die Propaganda, dies sei Flexibilisierung im Interesse der Mitarbeiter. Nur die Realität ist anders: Wenn Kundenanfragen oder der Arbeitsablauf den Mitarbeiter fordern, dann hat dieser zu folgen. Verfügbarkeit und Gehorsam. Wie ein Roboter, der einen Befehl bekommt und dementsprechend agiert.

Desksharing als Entwurzelung und Fremdbestimmung
In die gleiche Richtung geht das zunehmend vor allem in Deutschland propagierte Desksharing. Danach gilt: kein eigener Schreibtisch!
Weitaus wichtiger als die vermeintliche Reduktion von Quadratmetern ist der tatsächliche Abschied von Privatsphäre, Vertrautheit, Individualität, Territorium: Wenn sich mein „eigener Raum“ auf ein Schließfach in der Größe einer Schuhschachtel reduziert, dann bin ich austauschbar und auf meine wertschöpfende Funktion reduziert. Wie der Roboter, der auch keinen privaten Bereich sein Eigen nennt.

Effizient, schnell. Aber produktiv? Roboter steuern Menschen. Menschen werden zu Robotern.

Freiheitszonen als völlige Entmenschlichung des Menschen
Ultraliberale Unternehmensvertreter beziehungsweise ihre Lobbyisten vor und hinter den Türen des Bundestages plädieren für sogenannte „Freiheitszonen“. Dies sind Schutzzonen für Unternehmen der digitalen Ökonomie, in denen die als zwanghaft empfundene Regulierung durch Staat und Gewerkschaften entfällt. Die Verheißung: Ohne Arbeitsgesetze, ohne Mitbestimmung, ohne Gerichte gibt es noch schnelleres Wachstum.

Erinnerungen an die Internetblase kommen hoch. Verfechter von Freiheitszonen nehmen es offenbar trotzdem in Kauf, dass von dieser Digitalisierung zunächst einmal nur wenige profitieren.

Wenn man sich dann noch vorstellt, dass der neue Staatsminister für Digitalisierung den Nutznießern diesen Schutz ihrer persönlichen Freiheitszonen garantieren wird, kommt man ins Grübeln . . .
Menschen unterscheiden sich von Robotern dadurch, dass für sie Grundsätze wie Ethik, Menschenwürde sowie Fairness gelten und dass sie durch Gesetze und Mitbestimmung geschützt werden. In den Freiheitszonen entfällt das alles.

In Freiheitszonen können Menschen wie Roboter behandelt und entsprechend problemlos in den Produktionsprozess eingegliedert beziehungsweise aus demselben extrahiert werden: Somit werden Menschen nicht nur ihrer Schreibtische und Würde beraubt, unter der Drohkulisse des Tsunamis zudem ihrer Rechte. Merke: Auch ein Roboter hat keine Rechte.

Freiwillige Mutation oder bewusste Andersartigkeit als denkbare Optionen
Schuld an dieser technokratischen Arbeitswelt mit digitalem Taylorismus und digitalem Feudalismus hat nicht die Technologie: Sie ist ein faszinierender Möglichkeitstraum, den man auch ganz anders nutzen könnte und nutzen sollte. Denn natürlich können die Roboter vieles vereinfachen. Wir wollen auch mit ihnen zusammenarbeiten, vor allem wenn sie so aussehen wie BB-8 aus „Star Wars“. Die Arbeitswelt kann zu einer schönen neuen Welt werden, in der sich Mensch und Maschine angleichen: aber nur, weil die Maschine menschlicher wird, nicht aber der Mensch maschineller.

Nicht wir müssen uns der Digitalisierung anpassen. Die Digitalisierung muss sich an uns anpassen.
Es gibt keine Veranlassung, lautstarken Drohungen Glauben zu schenken und den falschen Versprechungen zu vertrauen. Deshalb: „Halt“ und „Bingo“ rufen, wenn wieder ein Apostel der Digitalisierung vor uns steht und „Schnell! Die Digitalisierung kommt!“ schreit.

Über den AutorUniv.-Prof. Dr. Christian Scholz (orga.uni-sb.de) wurde 1986 an die Universität des Saarlandes berufen. Er publiziert in wissenschaftlichen Zeitschriften, schreibt aber auch Kolumnen in Zeitungen wie dem „Standard“ und bloggt seit 2006 als „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“. Er kam sechsmal auf die Liste der 40 führenden Köpfe im Personalwesen und danach 2015 in die personalwirtschaftliche „Hall of Fame“. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen die Trendstudie zum „Darwiportunismus“ (2003) sowie zur „Generation Z“ (2014): Diese nach 1990 Geborenen sind neben der digitalen Transformation der Wirtschaft aktuell sein zentrales Interessengebiet.