„Dem Menschen wird die Kontrolle entgleiten“

Professor Jürgen Schmidhuber, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für künstliche Intelligenz IDSIA in Lugano und Mitgründer der Firma Nnaisense, über eine Welt, in der neuronale Netze in absehbarer Zeit den Ton angeben könnten. Von Heiner Sieger

Seine selbstlernenden „deep learning“ Algorithmen waren die ersten, die herkömmliche Algorithmen bei internationalen Wettbewerben übertrafen. Sie machten weniger Fehler und revolutionierten Handschrifterkennung, Spracherkennung, maschinelle Übersetzung und automatische Bildbeschreibung. Heute ist durch Unternehmen wie Google, Microsoft, IBM, Baidu, Facebook Milliarden von Menschen zugänglich, was seine Labore entwickelt haben, etwa Long-Short-Term-Memories – rückgekoppelte neuronale Netzwerke, die in den vergangenen 25 Jahren hunderttausendmal schneller geworden sind – und in den nächsten 50 Jahren wohl noch zehn Milliarden Mal schneller werden. „Ich würde mich wundern“, sagt der Professor und lächelt, „wenn die vom Menschen dominierte Geschichte noch länger als ein paar Jahrzehnte andauern würde.“ Schmidhuber ist 54 Jahre alt – und arbeitet seit fast 40 Jahren voller Inbrunst daran, das Ende des Anthropozäns noch zu erleben.

Sie beschäftigen sich seit fast 40 Jahren jeden Tag mit dem Thema künstliche Intelligenz. Wer waren eigentlich deren Pioniere?

Das klingt doch noch sehr rudimentär. Wo verorten Sie die Anfänge der KI, wie wir sie heute wahrnehmen? Im Jahr 1965 gab es eine erste richtungsweisende Publikation aus dem Labor des ukrainischen Wissenschaftlers Alexej Ivakhnenko zum Thema Mustererkennung und Deep Learning. Sein Verfahren erlaubte erstmals tiefe neuronale Netzwerke mit vielen Parametern, die lernen, Daten zu klassifizieren. 1970 entwickelte dann der finnische Mathematikstudent Seppo Linnainmaa etwas, das heute bekannt ist unter dem Begriff „Backpropagation“. Diese Methode wird heute ständig genutzt beim Trainieren tiefer Netze. Sie liefert bei falschem Ergebnis wie ein Lehrer Fehlermeldungen an die künstlichen Neuronen. Als Professor war Linnainmaa später auch Vorsitzender der Finnischen Gesellschaft für Künstliche Intelligenz.

Was ist ein neuronales Netzwerk und wie funktioniert das?

Was haben Sie in Ihren Labors denn neu entwickelt, was es nicht schon vorher gab? Seit 1989 haben wir nicht nur die recht beschränkten vorwärts gerichteten Netzwerke untersucht, sondern solche mit rückgekoppelten Verbindungen. Die sind nämlich Allzweckrechner. Darin lassen sich alle Programme implementieren, die sich auch auf einen Laptop aufspielen lassen. Solche Netze können nicht nur Einzeldaten wie beispielsweise Standbilder verarbeiten, sondern ganze Sequenzen wie Videos oder Sprachsignale. Sie können sich in Form eines Kurzzeitgedächtnisses merken, was früher passiert ist, während gleichzeitig neue Informationen aufgenommen werden, um dann viele Schritte später etwas Vernünftiges zu tun, zum Beispiel den soeben gehörten Satz zu erkennen. Mein Team hat dann ein paar Tricks gefunden, die dazu führten, dass diese Netze wirklich etwas lernen können, verwirklicht etwa in unserem Deep Learning Long-Short-Term-Memory-Netzwerk (LSTM), – mit Hochreiter, Gers, Graves und anderen. Ende der 90er Jahre konnte man damit nur Spielzeugprobleme lösen. Erst mit der aktuellen Rechnerkapazität entfalten diese Netzwerke nun ihr volles Potenzial. Diese Technologie wird heute von den wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt genutzt, etwa in der Spracherkennung und Übersetzungssoftware von Google. Inzwischen wird in Googles Datenzentren fast ein Drittel der Inferenzkapazität (Fähigkeit zum Erschließen von Wissen aus Informationen – Anm. d. Red.) für LSTM verwendet.

Was ist so besonders an diesem LSTM?

Arbeiten Sie auch mit deutschen Unternehmen zusammen? Ja, unsere Firma Nnaisense arbeitet unter anderem mit Audi und Acatis. Wir sind bei allem, was wir in unseren Laboren tun, auf der Suche nach der wahren praktischen Allzweck-KI, die über den jetzigen Stand weit hinausgeht, die wie ein Kind eine neue Fähigkeit nach der anderen lernt, und auch lernt, zu lernen. Auf dem Weg dorthin akzeptieren wir mit diesem Ziel vereinbare Aufträge.

Können Sie konkrete Beispiele nennen? Was machen Sie da genau? Gerne: Mit Audi haben wir kürzlich gezeigt, wie es ein Auto schafft, ohne Lehrer, also nur mit selbstlernender KI, einzuparken. Es war erst strohdumm wie ein Neugeborenes, hatte aber ein lernendes rückgekoppeltes Hirn und war ausgestattet mit Kameras. Durch Experimentieren fand das Auto schließlich seinen Parkplatz, ohne irgendwo anzuecken, elegant und mit wenig Energieaufwand. Und in unserer Unterfirma Quantenstein haben wir für Bayerninvest einen Fonds entwickelt, dessen Portfolio-Management ausschließlich durch KI gesteuert wird.

Was verstehen Sie unter „wahrer KI“?

Wie schnell wird sich die KI jetzt weiterentwickeln? Seit meiner Jugendzeit ging ich davon aus, dass ich es noch erleben werde, dass die wichtigsten Entscheidungsträger in diesem Sonnensystem keine Menschen mehr sein werden. Dieser Zeitpunkt rückt näher, nicht zuletzt weil uns immer schnellere Hardware zur Verfügung steht. Seit Konrad Zuses erstem Rechner wird das Rechnen alle fünf Jahre um das Zehnfache billiger. Wir können heute etwa 10 hoch 15 Mal soviel rechnen für denselben Preis, also eine Million Milliarden mal mehr. Der Trend scheint ungebrochen. Bald werden wir wohl für wenige Euro ein kleines Gerät mit der Rechenkraft eines menschlichen Hirns bekommen. Und wenn der Trend nicht bricht, schon fünfzig Jahre später eines, das so viel leistet wie alle Hirne aller Menschen zusammen. Es ist offensichtlich, dass sich damit alles ändert. Jetzt beginnen die Menschen langsam, das zu merken, und auch im Silicon Valley haben sie es gemerkt.

Wo stehen wir heute, wie gut ist KI in Ihren Augen schon?

Wie wird sich diese Entwicklung auswirken auf Berufsbilder, etwa das des Arztes? Menschen werden länger und gesünder leben. Aber die Arbeitsweise des Arztes wird sich ändern. Er wird bei der Diagnose mehr und mehr KI verwenden. Er wird Experte darin werden, die neuen Werkzeuge zu nutzen. Mancher bekommt dadurch mehr Zeit für Patientengespräche. Andere werden in der Zukunft zehn- oder hundertmal soviel Menschen behandeln, ohne Qualitätsverlust. Und sehr viele Menschen, die heute überhaupt keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung haben, werden in den Genuss guter Diagnosen kommen. Ich bin überzeugt: Die positiven Aspekte des Einsatzes dieser Technologie überwiegen bei weitem die Nachteile der möglichen Umstellungen, die man in vielen Jobs aufgrund dieser Entwicklungen erwarten muss. Das gilt für nicht nur für den Arztberuf, sondern für zahlreiche Branchen.

Wo wird die Weiterentwicklung der KI langfristig hinführen?

Die KI wird also Mutter Erde bald verlassen? Fast alle KIs werden sich irgendwann da draußen finden, wo die meisten Ressourcen sind. Es wird Milliarden von sich selbst replizierenden Roboterfabriken geben, die sich erst im Sonnensystem ansiedeln werden, etwa im Asteroidengürtel. Und später in der gesamten Milchstraße, welche sie mit Sendern und Empfängern füllen werden, damit KIs reisen können, wie sie es in meinen Laboren schon tun: mit Lichtgeschwindigkeit und per Funk. Das wird sich da draußen, weitgehend abgekoppelt von der Menschheit, in einer Weise entfalten, die unser bisschen Biosphäre verblassen lassen wird.

Der Physiker Stephen Hawking ist nur der bekannteste Rufer, der angesichts des Aufstiegs der künstlichen Intelligenz das Ende der Menschheit prophezeit hat. Und Elon Musk, der Gründer von Tesla und SpaceX, warnt vor einer Zukunft, in der Menschen von der KI als Haustiere gehalten werden – ein beliebter Topos der Science-Fiction-Literatur des vergangenen Jahrhunderts.

Werden wir es denn noch erleben, dass der Mensch noch steuern und kontrollieren kann, was sich da entwickelt?

Finden Sie das nicht besorgniserregend? Keineswegs, denn auf dem Weg dorthin wird sehr viel Gutes getan am Menschen. Mindestens 95 Prozent der Entwicklungsanstrengungen in der heutigen KI zielen darauf ab, Menschen gesünder und langlebiger – und abhängiger von ihren Smartphones zu machen (lacht). Langfristig werden sich viele KIs aber ihre eigenen Ziele setzen. Man muss ihnen dazu auch den Freiraum geben, sonst werden sie nicht klug. Wie Wissenschaftler, die über eigene Experimente herausfinden, wie die Welt funktioniert und was man in ihr tun kann.

Wird der Mensch also irgendwann nicht mehr die Krone der Schöpfung sein?

Und das wäre dann der Endpunkt der industriellen Revolution? Das Universum ist jetzt reif, den nächsten Schritt zu wagen hin zu größerer Komplexität. Im Moment sind wir Menschen quasi die Steigbügelhalter. Denn ohne uns wird das nicht klappen. Insofern sind wir vielleicht doch wichtiger, als viele dachten. Jedenfalls ist das weit mehr als eine weitere industrielle Revolution. Es ist etwas, das die Menschheit selbst transzendiert. Vielleicht vergleichbar mit dem, was zuletzt vor 3,5 Milliarden Jahren passiert ist, nämlich der Entwicklung des Lebens selbst. Denn eine neue Sorte von Leben wird sich ausbreiten von der Biosphäre hinaus in den Weltraum, dorthin, wo Menschen kaum mehr folgen können.

Das klingt aber jetzt arg nach Science Fiction, oder?

Haben Sie schon eine Vorstellung davon, was passiert, wenn die KI auf der Erde die Macht übernimmt? Was im Detail passieren wird, ist völlig unvorhersagbar. Ich sage immer: ein einzelner Mensch kann genauso wenig vorhersagen, was die gesamte Zivilisation – mit bald 10 Milliarden Menschen und noch viel mehr Maschinen – anstellen wird, wie ein einzelnes Neuron vorhersagen kann, was sein Hirn mit mehr als 10 Milliarden Neuronen bald denken wird. In groben Zügen scheint es aber schon klar zu sein, dass diese Entwicklung der Verselbstständigung der KIs unaufhaltsam sein wird.

Haben Sie nicht ein ethisches Problem damit, wenn Wissenschaftler wie Sie alsbald durch eine KI ersetzt werden?

Wird die künftige KI wenigstens so intelligent sein, sich selber ethische Grundsätze zu verordnen? Natürlich können KIs ethisch sein. Sie haben sogar einen rationalen Grund, das zu sein. Zwei vernünftige KIs, die merken, dass sie miteinander zusammenarbeiten und Probleme lösen können, die eine alleine nicht lösen könnte, die werden das natürlich tun. Eine KI-Gesellschaft, die merkt, dass sie kollektiv besser vorankommt, als durch gegenseitige Behinderung, die hat auch sehr schnell ethische Grundregeln, an die sie sich halten wird.

Gibt es auch eher geheime Dinge, an denen Sie in Ihren KI-Laboren arbeiten?

Erlauben Sie noch eine persönliche Frage. Sie forschen an einer der fortschrittlichsten Technologien. Ihre Homepage wirkt dagegen sehr antiquiert. Ist das Absicht? Das World Wide Web, wie wir es kennen, wurde am großen Partikelbeschleuniger CERN entwickelt, als ich Student und später Doktorand war. Deswegen war ich als Informatik- und Mathematikstudent einer der Ersten, die damals eine WWW-Seite hatten. Der antike Eindruck dieser Webseite lässt sich vielleicht darauf zurückführen. Wer aber genau hinschaut, entdeckt, das große Teile der Seite durchkomponiert sind, und zwar durch Fibonacci-Verhältnisse: Bilder und Layout und Textblöcke sind im sogenannten „Goldenen Schnitt“ unterteilt. Viele Künstler der Vergangenheit haben behauptet, dies sei eine besondere ästhetische Proportion. Und auf meiner Webseite werden sie die ständig wiederfinden.