Elon Musk hatte gerufen, und die Besten kamen: Am letzten Januar­wochenende 2017 reisten 27 Entwicklerteams aus aller Welt ins SpaceX-Hauptquartier in Hawthorne bei Los Angeles, um ihre Prototypen für einen Hyperloop-Zug vorzustellen. Dieses Rohr-Transportsystem, in dem ein 98-prozentiges Vakuum herrscht und Züge nahezu widerstandslos mit Schall- oder gar Überschallgeschwindigkeit dahinfegen können, will das neue amerikanische Wirtschafts-Wunderkind ja schnellstmöglich verwirklichen. Mit dabei: ein Team von Studierenden der TU München. Das Münchner Hyperloop-Team hatte sich in der Fakultät für Maschinenwesen auf dem Gelände des Forschungszentrums Garching gefunden. Das Team rekrutierte sich aus einer wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt (WARR), einer Freiwilligengruppe engagierter Studierender.

Um ihre Vision des Hyperloops in einen Prototyp zu übersetzen, hatten die Studierenden über Monate im „MakerSpace“ der Münchner Gründerinitiative UnternehmerTUM in Garching geschraubt und geschweißt und 19.000 Einzelteile zu einer 600 Kilogramm schweren Kapsel vereint. Die Kapsel sollte nicht nur unter Wettbewerbsbedingungen funktionieren, sondern auch zeigen, wie das technische Konzept eines Hyperloop-Zuges Wirklichkeit werden könnte. Am Ende nahm das Münchner Team zu seiner eigenen Überraschung den Preis für die schnellste Kapsel mit nach Hause.

Ideen quasi in Überschall-Geschwindigkeit zu verwirklichen, das ist das einzigartige Konzept von MakerSpace, Europas größter öffentlich zugänglicher Hightech-Werkstatt. In der 1.500 Quadratmeter großen Halle setzen Studenten und Start-ups, aber auch Architekten, Ingenieure und Designer dank Unterstützung führender Unternehmen ihre kreativen Konzepte blitzartig in Prototypen und Kleinserien um. Wieselflink bewegen sie sich zwischen unterschiedlichen Werkbereichen wie Maschinen-, Metall- und Holzwerkstatt sowie Textil- und Elektroverarbeitung, bedienen gekonnt Laserschneider und Wasserstrahlschneidemaschine, um grundlegende Werkteile zu fertigen. Vieles entsteht hier in Stunden und Tagen, was in etablierten Firmen Monate dauern würde.

„Wir haben hier die modernsten und teuersten Maschinen, die man sich nur vorstellen kann. Bei uns kann man jegliche Materialien schneiden, bohren, drehen oder schweißen oder sonst wie bearbeiten. Unsere etwa eintausend Kunden, die regelmäßig kommen, finden hier jedes Werkzeug vom supermodernen 3D-Drucker bis zur Hobelbank. Und wenn irgendetwas fehlt, dann kaufen wir es sofort!“, sagt Geschäftsführer Phill Handy mit einem Lachen. Der Wirbelwind lässt nichts unversucht, damit aus jedem Schreibtischtäter mit viel Grips und Ideen, aber zwei linken Händen, innerhalb weniger Stunden ein Produzent tauglicher Prototypen wird.

Stefan Drüssler, COO von UnternehmerTUM, über den schnellen Zugang zu Technologien, Wissen und dem Bedienungs-Know-how für modernste Maschinen.

Bestes Beispiel dafür ist Dominik Sievert, Gründer und CTO der im Februar 2017 gegründeten Inveox GmbH. Der 27-Jährige hat Molekulare Biotechnologie und BWL studiert und hält sich für alles andere als handwerklich begabt. Für künftige Kunden wie Festo, die sein Unternehmen bereits als Partner unterstützen, entwickelt sein Start-up mit elf Mitarbeitern ein seriennahes System, das die Krebsdiagnose im Labor automatisierbar und damit wesentlich effektiver und kostengünstiger macht. „Drehen, Hobeln, Bohren und die Arbeit am Laser-Cutter sind nicht so mein Ding“, bekennt er. „Aber über die angebotenen Workshops habe ich mich da reingearbeitet.“

Dominik Sievert, Gründer und CTO der Inveox GmbH, über die Arbeitsbedingungen und Vorzüge des MakerSpace für sein Start-up.

Möglich macht das hohe Umsetzungstempo, wie Inveox es an den Tag legt, erst ein breites Angebot von Trainings zur Bedienung der Maschinen. Nach einem vierstündigen Einführungskurs sind die „Maker“ auch mit unterschiedlichem Wissensstand bereits in der Lage, den 3D-Drucker zu bedienen, am PC eine 3D-Konstruktion mit CAD zu entwerfen oder anspruchsvolle CNC-Maschinen zur Metall- und Holzbearbeitung zu bedienen.

„Die vielfältigen Kurse bieten die Möglichkeit, sich näher mit der jeweiligen Maschine auseinanderzusetzen und sich mit den Trainern und anderen Teilnehmern im Vorfeld über das anstehende Projekt auszutauschen“, sagt Oliver Schrank. Der Inhaber eines Ingenieurbüros ist einer der freiberuflichen Trainer bei MakerSpace, spezialisiert im Bereich Elektronik und „Autodesk“, einer CAD-Software. Ein Kursangebot, etwa im Elektronikbereich, gliedert sich in sechs Elemente.

Oliver Schrank, freiberuflicher Trainer im MakerSpace, über das vielfältige Kursangebot zum Erlernen des Umgangs mit dem Maschinenparks.

Allerdings brauchen die Prototypen-Bauer auch Mut zur Lücke: Denn der Prototyp stellt nicht gleich alle Funktionen nach, um zukünftige Pro­blemkonstellationen zu finden. Aber er gibt dem Betrachter einen ersten Eindruck über den Lösungsansatz. Ein Stakeholder kann ihn in die Hand nehmen, genau betrachten oder sich durch Mock-ups klicken. Dieser erste Eindruck gibt dem Geld- oder Auftraggeber Sicherheit: Statt in ein Konzept investiert er in eine anfassbare Lösung. Und versteht besser, welche Probleme auf dem Weg dorthin noch zu bewältigen sein werden.

Wie etwa die BMW AG, für deren Lager das Start-up blik eine smarte Lösung im Bereich Intra-Logistik entwickelt. Das im September 2016 aus einem Seminar der TU München gegründete Unternehmen stattet Ladungsträger mit aktiven Sensoren aus, um deren Inhalt und Zustand in Echtzeit zu ermitteln, wie Philip Eller, Co-Founder und COO, erläutert. „Unser erster Kunde BMW hat uns hier kennengelernt, und ein Verantwortlicher aus dem Logistikbereich fand das interessant. Über das von UnternehmerTUM angebotene Accelerator-Programm ,TechFounders‘ wurde das Projekt ermöglicht.“ Ein Mitarbeiter arbeitete fast ausschließlich im MakerSpace an der Umsetzung des Prototyps. „Da unser Büro gleich ein Stockwerk höher liegt, haben wir einen regen und schnellen Austausch. Über Nacht wurden dann die benötigten Hardwareteile im 3D-Drucker gefertigt“, so der 27-jährige Gründer. Der Proof of Concept fand anschließend in einem Lager von BMW statt.

Philip Eller, Co-Founder und COO des Start-ups blik, über das Tempo in der Zusammenarbeit seines Unternehmens mit Kunden wie der BMW AG.

Neben der BMW Group und ihrer Großaktionärin Susanne Klatten werden MakerSpace und die Start-ups bei UnternehmerTUM von zahlreichen anderen renommierten Unternehmen unterstützt: 3D-Pionier EOS bietet modernste Laser-Sinter-3D-Drucker, Bosch hat die Werkstatt mit professionellen Elektrowerkzeugen ausgestattet, und National Instruments liefert eine inte­­grierte Hardware- und Softwareplattform für Mess-, Führungs- und Kalibriersysteme. Autodesk stellt die komplette Arbeitsumgebung im MakerSpace für die Bearbeitung von Konstruktions- und Fertigungsdaten zur Verfügung. Die Zeidler-Forschungs-Stiftung und die Hans Sauer Stiftung vergeben Zuschüsse für die Nutzung des MakerSpace.

Das Hyperloop-Team übrigens hatte zunächst gar nicht mitbekommen, dass Elon Musk während der Testfahrt ihrer Transportkapsel direkt neben ihnen stand und konzentriert deren Trip durch die Röhre verfolgte. Erst in einem YouTube-Video sahen sie später, wie nah sie dem Multimilliardär gekommen waren. Bei der zweiten Etappe des Wettbewerbs im August war das Münchner Team indes nicht mehr dabei. „Viele müssen weiterstudieren, haben Verpflichtungen, wie etwa ihre Masterarbeit zu schreiben“, erklärt Systemingenieur Johannes Gutsmiedl, der das Projekt mitbetreute. Aber sie haben bewiesen, was alles im MakerSpace machbar ist. Und ihre Nachfolger haben dort schon das nächste Modell gefertigt. Ebenfalls mit Erfolg: Mit 324 Stundenkilometern raste die zweite Kapsel des WARR-Hyperloop-Teams in Los Angeles als schnellste durch die Teströhre auf dem Firmengelände von SpaceX. Die Nachfolger verteidigten damit Ende August den Sieg im ersten Wettbewerb. Elon Musk verfolgte den Lauf und gratulierte dem Münchner Team im Anschluss persönlich.