Was Ujo Music seit Jahresanfang bietet, könnte die gesamte Musik­industrie umwälzen. Auf dem Musikportal aus London laden die User Musikstücke herunter – und die Musiker verdienen bei den Streamings direkt mit. Bislang sahnten vor allem die großen Musikkonzerne ab, während die Künstler nur einen Bruchteil der Einnahmen erhielten. Möglich machen es sich selbst ausführende Verträge, sogenannte Smart Contracts, die Ujo beim Download zwischenschaltet. Sobald der Song abgespielt wird, lösen Codes eine Zahlung aus. Oder eine Überweisung zu einem anderen höheren Betrag, wenn das Musikstück heruntergeladen wird.

Die Ujo-Technik kommt ohne Zwischenhändler aus. Zugleich unterbindet die digitale Verschlüsselung Raubkopien und ertappt alle Verletzungen von Urheberrechten auf frischer Tat. Mit diesem Geschäftsmodell hat Ujo die Blockchain-Technik in ein massentaugliches Geschäftsmodell umgesetzt. Vereinfacht beschrieben, ist Blockchain eine digitale Datenstruktur, in der sämtliche Dateien über eine Kryptografie-Technik fälschungssicher abgespeichert werden. Abgelegt werden diese Dateien in einer dezentralen Datenbank.

Unter IT-Spezialisten, Firmenstrategen und Akademikern gilt die digitale Datenkette längst als disruptive Technologie mit höchster Sprengkraft. „Im Grunde genommen gleicht die Situation der Einführung des Internets zu Beginn der Neunzigerjahre“, meint Philipp Sandner, der den im Februar gegründeten ersten deutschen Lehrstuhl für Blockchain an der Frankfurt School of Finance & Management leitet. „Blockchain hat das revolutionäre Potenzial, um komplette Geschäftsmodelle zu verändern.“

Konkret geht es darum, finanzielle Transaktionen zu dezentralisieren und Arbeitsprozesse schneller, effizienter und kostengünstiger zu gestalten. Der breiten Öffentlichkeit erstmals bekannt geworden ist Blockchain über die digitale Währung Bitcoin. Die Vorteile liegen auf der Hand. Wegen ihrer dezentralen Verfügbarkeit können die gespeicherten Daten nicht von einzelnen Teilnehmern manipuliert werden. Alle Informationen sind transparent für jeden in der Kette zugänglich. Daten können nicht geändert werden, ohne dass darüber alle Teilnehmer in Kenntnis gesetzt werden. Die Teilnehmer selbst bleiben dabei anonym.

Für die Blockchain kommt eine Vielzahl von Geschäftsfeldern infrage Digitale Reise in die Blockchain-Geschäftsfelder der Zukunft. Wie und in welchem Umfang die Umwälzung abläuft, lässt sich allerdings für die meisten Branchen noch nicht beziffern. Doch erste Projekte lassen das Ausmaß erahnen. Ein weites Feld an Anwendungsbereichen bietet die Finanzbranche. So schätzt die spanische Bank Santander, bis 2030 mit Blockchain-Technologien bis zu 20 Milliarden US-Dollar einsparen zu können. Die Stiftung World Economic Forum, die das Wirtschaftsforum in Davos ausrichtet, rechnet gar damit, dass 2027 rund zehn Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung in Blockchains gespeichert sein werden.

In der Industrie könnten Werkstücke ihre eigene Bearbeitung durch direkte Kommunikation mit den Maschinen über standardisierte Blockchains im Internet selbst steuern. Bei der Energieversorgung könnte der Datenaustausch per Blockchain Echtzeitmärkte und Preisdifferenzierung verbessern – eine Maßnahme, die den Wettbewerb in den meistens noch streng regulierten Strommärkten forcieren würde und vor allem den genossenschaftlich organisierten Kleinproduzenten zugutekäme. Im Verkehr lässt sich die Automatisierung von Carsharing-Prozessen oder das Leasing von Fahrzeugen gut durch Smart Contracts abbilden.

In der Buchhaltung könnten individuelle Fehler oder die aktive Verschleierung von Verstößen vermieden werden, wenn Zahlungen direkt auf der Block­chain gespeichert werden. Außerdem würden die stichprobenhaften Buchprüfungen durch Innenrevisionen, Finanzämter und zertifizierte Buchprüfer wegfallen. Und dank der Blockchain könnte der Traum von der schlanken Verwaltung Realität werden. Landet alles, was mit Zertifizierung, Registrierung und notariellen Akten zu tun hat, erst einmal auf der Blockchain, ist die digitale Urkunde für immer verschlüsselt verbrieft und kann nur von autorisierten Personen eingesehen werden. Für Baugenehmigungen und Gewerbeanmeldungen könnten Behörden über spezifische Verifizierungscodes die gesetzlich festgelegten Kriterien überprüfen – und bei Erfüllung innerhalb weniger Stunden grünes Licht geben. Bei den Finanzämtern wird Steuerhinterziehung und Korruption ein digitaler Riegel vorgeschoben, zugleich fällt die zeitraubende manuelle Erfassung der Steuerangaben weg.

Und die Blockchain steht vor dem globalen Durchbruch. Singapur etwa will in Zukunft Firmengründungen per Blockchain organisieren. Die Regierung in Dubai stellt große öffentliche Budgets zur Verfügung, um die gesamte öffentliche Verwaltung in wenigen Jahren ganz auf Blockchain umzustellen. Seit 2016 arbeiten die Grundbuchbehörden von Georgien mit dem Blockchain-Startup BitFury. Im Februar dieses Jahres wurden Tests für andere Regie­rungsstellen erweitert. Schweden, Island und die Schweiz entwickeln Prototypen für Grundbücher und Personalausweise in der Blockchain. Überhaupt fördern die Eidgenossen den Einsatz von Blockchain auf politischer Seite sehr aktiv. Allein im „Crypto Valley“ im Kanton Zug beschäftigen sich mehr als 20 Start-ups mit Blockchain-Technologien.

Auch in Deutschland sind erste Start-ups – und hier vor allem in Berlin – die treibenden Kräfte für massentaugliche Anwendungen, insbesondere in der Finanzindustrie. „Der Zug für Anwendungen rund um die Blockchain hat den Bahnhof bereits verlassen“, meint Rüdiger Loitz, Leiter Kapitalmarkt- und Rechnungslegungsberatung von PwC. Als Beispiel aus seinem Bereich verweist er auf die Wirtschaftsprüfung. Finanzinfos werden in einer Blockchain mit den Handelsregistern und anderen staatlichen Institutionen geteilt. Die Ergebnisse werden dann Teile der Blockchain, und die Tätigkeit des Wirtschaftsprüfers beschränke sich auf das Vertrauenssiegel bei den Übergängen zwischen oder beim Ausstieg aus den Blockchains.

Die Deutsche Börse entwickelt mit der Bundesbank den ersten Prototypen für die Abwicklung von Finanzgeschäften. Zeit und Kosten sollen damit reduziert werden, etwa wenn Wertpapiere quasi in Echtzeit gekauft und bezahlt werden. Zinszahlungen oder Rückzahlungen werden automatisiert, sobald ein Wertpapier fällig wird. Die Spezialisten der Commerzbank erforschen Blockchain-Optionen auf breiter Front. „Wir möchten für verschiedene Geschäftsbereiche Prototypen bauen und arbeiten dabei in einem geschlossenen System, weil wir noch in der Testphase sind“, erklärt Michael Spitz, einer der Leiter des BlockchainLab bei der Commerzbank. So untersucht die Commerzbank in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik den Einsatz von Blockchains in Lieferketten. Intelligente Frachtcontainer, die sich selbst routen, Logistikfirmen beauftragen und selbstständig Zahlungen auslösen, schaffen auch für Banken neue Einnahmequellen, etwa in der Exportfinanzierung.

In der Versicherungsbranche haben Aegon, Allianz, Munich Re, Swiss Re und Zurich Ende Oktober 2016 eine Blockchain-Initiative der Versicherungsbranche B3i (Blockchain Insurance Industry Initiative) ins Leben gerufen. Ziel ist es, über eine Machbarkeitsstudie gemeinsam genutzte Blockchain-Technologien zu identifizieren. Weil es dabei auch um gemeinsame Standards geht, steht das Projekt auch anderen Unternehmen aus der Branche offen. Der Allianz-Konzern hat seit 2016 in Solmaz Altın einen Chief Digital Officer, eine Anlaufstelle für alle firmeninternen Blockchain-Themen, die direkt an den Vorstand berichtet.

In anderen Branchen überwiegen bislang Einzellösungen. So hat die Finanzabteilung von Daimler im Juni ein Schuldscheindarlehen von 100 Millionen Euro per Blockchain abgewickelt. Die Deutsche Bahn überlegt sich, einzelne Waggons und Züge über ein virtuelles Abbild der Blockchain darzustellen, etwa wenn es um das Tracking von verloren gegangenen Frachtgütern geht. RWE ist unter den Energiekonzernen deutschlandweiter Vorreiter, was die Suche nach neuen digitalen Geschäftsfeldern in der Energieversorgung geht. Der 2014 gegründete RWE Innovation Hub arbeitet zusammen mit Start-ups und Hightech-Firmen an digitalen Lösungen – auch auf Basis der Blockchain – für Energieversorgung, Mobilität und Kommunikation in Städten. Dabei sollen auch öffentliche Blockchains eine Rolle spielen.

Doch trotz erster Ansätze droht dem Industriestandort Deutschland nur eine Mitläuferrolle bei der Zukunftstechnologie. „Wirtschaft und Politik müssen jetzt ordentlich Gas geben. Andere Länder sind uns schon um Längen voraus“, attestiert Blockchain-Experte Professor Sandner. Was so viel bedeutet wie: Um im internationalen Wettbewerb an Boden zu gewinnen, müssen aus den Prototypen und Pilotprojekten zügig wesentlich mehr massentaugliche Anwendungen wie bei Ujo Music entstehen.