Wen die Muse küsst

Weder Handbücher noch Suchmaschinen liefern eine schnelle Antwort auf die Frage, was Inspiration ist und wie sie entsteht. Aber: Es gibt durchaus Wissen über Inspiration – in unserer Sprache und Kultur. Darüber nachzudenken lohnt sich. Von Tobias Keiling.

Goethe ist ein gutes Beispiel. Woher kommt die geistige Schöpfungskraft eines Genies? Braucht es dafür nicht eine besondere Inspiration? Wie macht man das, sich inspirieren zu lassen? Jeder kennt die Erfahrung, dass der Trott des Alltags und der Takt der Arbeit es nicht zulassen, innezuhalten. Aber nur mehr Freizeit einzuplanen oder das Leben zu entschleunigen, ist da noch kein wirkungsvolles Rezept. Einfach langsamer zu machen, bringt noch nicht die Offenheit für das Unvorhergesehene, für die Momente der Inspiration. Aber was sind das eigentlich für Momente? Was ist Inspiration, wann stellt sie sich ein? Passiert sie einfach so oder kann man etwas tun, um sie zu fördern?

Fragen, auf die kein Handbuch und keine Suchmaschine eine schnelle Antwort liefern. Aber: Es gibt durchaus Wissen über Inspiration. Es ist in unserer Sprache und Kultur enthalten. Etwa wenn wir sagen: Inspiration, das ist, von der Muse geküsst zu werden. Allein, über diese Wendung etwas nachzudenken ist lohnenswert, um die Mythologie ein wenig aufzuschlüsseln. Denn der Musenkuss ist in der Kulturgeschichte Europas das bestimmende Bild für Inspiration.

Auch Goethe hatte seine Musen. Spricht man heute vom Musenkuss, dann liegt es nicht zuletzt an ihm, dass wir an den erfolgreichen (männlichen) Künstler denken und die Beziehung zu seiner (weiblichen) Muse. Goethes Beziehungen zu seinen Musen waren manchmal eher platonisch, manchmal erotisch. Aber auf das Geschlecht oder den Charakter der Beziehung kommt es für die Inspiration nicht an. Das wird schon am Ursprung des Bildes vom Musenkuss in der Antike klar. In der griechischen Mythologie ist Apollon der Gott der Künste und damit der Inspiration. Die neun Musen begleiten Apollon, berichtet der Dichter Hesiod in den Göttergeschichten der „Theogonie“. Sie sind es, nicht Apollon selbst, die dem Dichter und Musiker erst seine Inspiration verleihen. Die Musen sind also kein bloß erotischer Beziehungspartner, sondern sie beherrschen selbst die Künste am besten, in welchen die Dichter und Musiker sich Inspiration erhoffen. Jede der neun Musen steht für eine Kunst oder Wissenschaft, für Dichtung, Musik, Tanz oder Astronomie. Die Muse verkörpert nicht körperliche Schönheit oder Attraktivität, sondern inspiriertes Können.

Der Musenkuss ist deshalb kein erotischer Kuss. Dennoch ist es entscheidend, dass der Moment der Inspiration in der Mythologie als ein Kuss beschrieben wird. Das ist nicht wörtlich, sondern als ein Bild zu verstehen, das es zu interpretieren gilt: Ein Kuss lässt sich nicht einfordern, ist ein Geschenk und ein Moment persönlichster Zuwendung. Zwar können die Musen etwas Bestimmtes besser als jene, die von ihnen inspiriert werden. Sie sind ja Vorbilder. Aber ein Kuss ist kein Unterricht mit festen Rollen, Übungen und Aufgaben, sondern in einem Kuss kommt das Besondere der Person zum Ausdruck. Das ist die Pointe der mythischen Personifizierung von Inspiration in den Musen: Inspiration stellt sich nur in der ungezwungenen Begegnung zwischen starken Individuen ein.

Dass Goethes Frauen in ihrem Charakter und ihrer sozialen Stellung so verschieden waren, gibt deshalb seinen Biografen bis heute Rätsel auf, macht aus der Perspektive der Inspiration aber Sinn: Zu feste Präferenzen und zu starke Hierarchien erschweren es, dass sich jene Ungezwungenheit einstellt, die einen Moment der Inspiration ausmacht. Auch das ist im antiken Bild mitgedacht. Wenn jemand von der Muse geküsst wird, dann ist sogar die absolute Hierarchie zwischen Göttern und Menschen für den Moment aufgehoben. Die Beziehung der Inspiration basiert nicht auf Rechten und Pflichten, sondern auf Freiwilligkeit.

Dabei sollte man als Irdischer das Göttliche der Inspiration nicht zu wörtlich nehmen. Denn es ist vor allem ein Zeichen dafür, dass Inspiration letztlich unverfügbar ist, auch wenn sich Voraussetzungen für Inspiration angeben lassen. Dass Inspiration bestimmte Voraussetzungen hat, wird in der Mythologie deutlich durch die Beschreibung der Abstammung und Herkunft der Musen: Die Mutter der Musen repräsentiert keine eigene Kunst, vielmehr spielt ihr Name Mnemosyne auf das ‚Gedächtnis‘ (memória) an. Gemeint ist kein gutes Erinnerungsvermögen und auch kein Faktenwissen, sondern ein Schatz von Erfahrungen, die eine Person begleiten: Bildung, hätte man zu Goethes Zeiten gesagt. Bildung kann Inspiration nicht garantieren, aber Wissen und Fähigkeiten sind wie die eigene Herkunft eine Art Hintergrund, vor dem eine Idee erst Gestalt gewinnen kann. Dass die Mutter der Musen die Bildung ist, lässt sich deshalb so interpretieren: Inspiration kann Wissen und Übung nicht ersetzen, aber sie verleiht ihnen einen neuen, unvorhersehbaren Sinn, so wie Kinder über ihre Eltern hinauswachsen.

Diese Spannung von Technik und Inspiration wird besonders deutlich, wenn man über eine weitere Spur der Musen in unserer Sprache nachdenkt: das Wort ‚Musik‘. Es geht zurück auf das griechische Wort für die Musenkunst, mousiké techné. Wer musiziert, wird bestätigen können, dass es beides braucht, Übung und Improvisation, Technik und Inspiration. Der griechische Ausdruck macht das besonders deutlich. Es lässt sich verallgemeinern, wenn man das Musizieren über den Rhythmus versteht: Inspiration, das heißt dann, nicht nur dem vorgegebenen Takt zu folgen, sondern auf den Rhythmus des eigenen Tuns zu achten. Innerhalb vorgegebener Regeln finden sich dann Freiräume, in denen sich Inspiration ereignen kann. Dann ist etwas nicht nur gekonnt gemacht, sondern es kommt mit dem individuellen Charakter zum Ausdruck. Wer so musiziert, wurde offenbar von der Muse geküsst …

Dass Inspiration Freiräume innerhalb von Strukturen braucht, steckt aber auch noch in einem anderen Wort, das auf die Mythologie der Musen zurückgeht. ‚Museen‘ heißen nicht umsonst so, es sind Musen-­Orte. Dass in ihnen Inspiration steckt, lässt sich ebenfalls bei Goethe lernen. Goethes Italienreise ist das Vorbild für Bildungsreisen, weil sie keine feste Taktung und festen Ziele hat. Sie führt vielmehr in eine Kulturlandschaft und an Orte, die für Goethe nicht einfach Sehenswürdigkeiten sind, sondern ihn mit seinen Vorbildern aus der Antike und der Renaissance konfrontieren. Das macht die Reise für ihn so interessant. Sie dient weder der Erholung noch der Lösung von Problemen im „Retreat“, sondern der Muße – und damit wieder der Inspiration. Die Planung lässt große Freiräume, ohne dass es chaotisch zugeht. Herausfordernde Begegnungen kündigen sich an, die eher gesellig denn geschäftlich sind. Alle Voraussetzungen sind erfüllt, von der Muse geküsst zu werden.

Über den AutorDr. Tobias Keiling, PhD, Philosoph, aktuell Forschungs­stipendiat am Human Dynamics Centre der Universität Würzburg. Kürzlich erschienen: „Konzepte der Muße“ (mit Jochen Gimmel u. a., Tübingen 2016).