„Ich bin die Inspiration“

Maler, Bildhauer und Hobby-Freejazzer Markus Lüpertz über den Wert des künstlerischen Umfelds, seinen höheren Auftrag und die nie versiegende Quelle für Bildideen. Von Heiner Sieger

Als junger Mann wurden Sie von Ihrem Arbeitgeber aus der Lehre als Maler von Weinflaschenetiketten geworfen – der Vorwurf lautete: mangelndes Talent. Wie war das für Sie? Der Mann war eine Maus und hat nicht begriffen, was ich wollte. Ich war zu besonders für ihn. Ich wollte nie etwas anderes sein und werden als Künstler. Natürlich hat mich das damals getroffen. Aber ich war mir sicher – der hat keine Ahnung. Man braucht eben das Selbstbewusstsein, um seinen Weg zu gehen. Hätte ich mich so früh aus der Bahn werfen lassen, dann wäre es ja nichts geworden.

Später folgte die Exmatrikulation an der Kunstakademie Düsseldorf. Für Sie immer noch kein Grund, den Weg zum Künstler zu verlassen? Das hatte nichts mit Talent zu tun, sondern mit einer Auseinandersetzung. Ich war halt früher besonders streitbar. Wegen ungebührlichem Verhalten wurde ich von der Akademie gewiesen.

Heute sind Sie Maler, Bildhauer, Dichter, Freejazzer und immer noch ein wenig der Bohemien. Sie sind Mitte 70, sind rund um den Globus unterwegs und arbeiten noch immer wie ein Pferd. Was treibt Sie an? Wenn du Maler bist, ist das wie Blumen gießen: Einmal vergessen, stirbt die Blume. Man bleibt dran und solange man kann, hat man einen Auftrag. Und dem folgt man. Was sollte ich sonst machen?

Was genau ist Ihr Auftrag, dem Sie in Ihrem Leben gefolgt sind? Kunst. Ich bin vom lieben Gott beauftragt worden, Bilder zu malen. Und das mache ich – mit Fleiß und Ausdauer. Wenn ich Skulpturen mache, mache ich Maler-Skulpturen, und wenn ich Gedichte schreibe, schreibe ich Maler-Gedichte. Wenn ich Musik mache, mache ich Maler-Musik. Das kommt alles aus der Idee der Malerei. In der Malerei bin ich professionell, in den anderen Bereichen Dilettant oder Amateur. Da brauche ich eine andere Position. Am Klavier kann ich mich ja nicht mit Oscar Peterson messen. Da braucht man einen eigenen Ansatz, um sich behaupten zu können. Und das ist das Umfeld. Ich liebe ein artifizielles Umfeld. Und ich will in diesen Metiers auch meine Duftnote hinterlassen. Aus Interesse und Auseinandersetzung. Damit man selbst in einer künstlerischen Atmosphäre lebt, die man ständig füttert. Ich verkehre überwiegend mit Künstlern und Menschen, die mit Kunst zu tun haben. Und ich schare meine Schüler um mich, selbst über die Jahre hinweg, auch wenn die schon selbst erwachsen und alte Männer sind. Das ist die Welt, aus der ich schöpfe.

Wo entspringen Ihre künstlerischen Ideen? Aus welchem Reservoir schöpfen Sie? Ideen sind Dinge, die entwickeln sich. Ich habe einmal angefangen zu malen und nie mehr aufgehört. Wenn ich dasitzen würde und auf Ideen und Einfälle warten – das wäre ja furchtbar. Entweder Sie wissen, was sie tun – dann müssen Sie nicht darüber nachdenken. Wenn ich dagegen nicht wüsste, was ich morgen male – das wäre ja grauenhaft. Es ist einfach da. Deshalb bin ich ja Maler geworden. Da gibt es keinen heiligen Geist, der über mich kommt. Der Maler malt. Was soll er sonst machen? Wenn du als Seiltänzer nicht schwindelfrei bist, fällst du auf die Schnauze. Wenn du als Maler um Ideen ringst, bist du erledigt.

Sie haben während Ihres Künstlerlebens immer wieder die Stile und die Richtung gewechselt. Gab es bestimmte inspirative Anlässe, die Sie dazu veranlasst haben? Mir ist es leider nicht gelungen – oder Gott sei Dank, es kommt darauf an –, mich auf einen Stil festzulegen. Meine Neugier war zu weitschweifig. Aber jetzt habe ich eine Idee, in die ich mich verbissen habe: Bilder, die auch wie Bilder aussehen und trotzdem von mir sind. Ohne, dass ich einen bestimmten Stil will. Das ist ein eigener Weg, in diesem großen Konzert von Malerei einen individuellen Beitrag zu liefern.

Woher stammt diese spezielle Idee und wohin führt sie? Sie war wohl immer da und hat mich eines Tages eingeholt. Ich war ja der Erste in Deutschland, der große Bilder gemalt hat. Ich habe mich auf alles eingelassen, auch auf avantgardistische Strömungen. Ich habe Bilder zerstört und Skulpturen gemacht. Meine ganze Kunst ist ja nicht ohne Aggression. Letztlich hat sich immer alles auf den Wunsch konzentriert, ein Bild zu malen. Man kann jetzt sagen: Ja, du machst ja nichts anderes als Bilder. Aber ein Bild hat auch ganz bestimmte Regeln, bestimmte Themata und Gegenstände, die ich untersuche und versuche, daraus ein Bild zu malen, dass alles wie ein Bild aussieht und sich dennoch als ein Lüpertz-Bild ausweist.

Sind Ihre Kunstwerke mehr Ausdruck Ihrer eigenen Gefühls- und Gedankenwelt oder zielen Sie damit auch auf die Inspiration der Betrachter? Malerei ist eine Disziplin, und da bin ich professionell. Das hat mit Emotion nichts zu tun. Ich bin Bildermaler, ich male Bilder mit einer Atmosphäre, die man nachvollziehen muss. Die Avantgarde hat sich als Irrweg erwiesen und infolgedessen geht es heute wieder darum, Bilder zu malen, die konkurrenzfähig sind. Die an der ganzen Kunstgeschichte abzuarbeiten sind. Die danach beurteilt werden, was für eine Position sie haben. In der Malerei gibt es nichts Neues, es gibt nur neue Künstler. Individuen, die die Malerei bereichern. Die Malerei hat ihre Regeln. Und denen entspricht man oder nicht. Der ganze Wunsch, in der Bildenden Kunst etwas Neues zu machen, ist dummes Zeug.

Sie haben Ihr Wissen auch als Professor und Hochschullehrer weitergegeben. War es schwer für Sie, andere Menschen zu inspirieren? Überhaupt nicht, aber dafür bin ich auch nicht zuständig gewesen. Wenn jemand uninspiriert war, wollte ich mit dem nichts zu tun haben. Er musste mich unterhalten, nicht ich ihn. In meinen 38 Jahren als Professor und 26 Jahren als Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie waren mir die Kollegen wichtig. Von dieser Atmosphäre, der Diskussion unter den Kollegen, den Künstlern, profitierten vor allem die Schüler. Diese Welt habe ich gepflegt.

Die Inspiration entstand also durch die Menschen dort? Was heißt Inspiration? Wenn Sie als Künstler Inspiration brauchen oder suchen, sind sie verloren. Ich bin die Inspiration. Und das was, die Leute sehen, ist dann deren Inspiration oder auch nicht. Ich bin nicht verantwortlich für die Inspiration anderer. Ich kann nur Räume schaffen, Atmosphären – die man nachvollziehen kann oder nicht. Je mehr nachvollzogen wird, desto erfolgreicher ist das.

Ihr Wikipedia-Eintrag weist Sie als Freigeist aus. Was verstehen Sie darunter und was bedeutet das für Sie? Vielleicht hat mich mal ein Kritiker so bezeichnet. Ich käme nie auf den Gedanken, mich Freigeist zu nennen. Ich bin ein freier Geist, das zweifelsohne. Unter Freigeist verstehe ich etwas anderes. Sie und ich haben hoffentlich einen freien Geist, das ist ja selbstverständlich. Aber ein „Freigeist“, das ist doch heute schon ein Beruf. Aber ich bin Maler.