Der Bau der Kathedrale

Die großen Europäer von Erasmus von Rotterdam bis Helmut Kohl hatten allesamt die lange Linie im Blick. Eine Haltung, die auch in unseren turbulenten Zeiten dienlich ist. Wer heute Europa gestalten will, braucht vor allem eines: Geduld. Von Alan Posener

Wie steht es um Europa? Für Papst Benedikt XVI. stand fest: „Europa scheint von innen her leer geworden“, sagte er 2004 vor dem italienischen Senat. „Diesem inneren Absterben entspricht es, dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint. Der Vergleich mit dem untergehenden Römischen Reich drängt sich auf, das als großer geschichtlicher Rahmen noch funktionierte, aber praktisch schon von denen lebte, die es auflösen sollten, weil es selbst keine Lebenskraft mehr hatte.“

Auch Benedikts Nachfolger malt Europa in düsteren Farben: „Von mehreren Seiten aus gewinnt man den Gesamteindruck der Müdigkeit, der Alterung, den Eindruck eines Europas, das Großmutter und nicht mehr fruchtbar und lebendig ist“, erklärte Papst Franziskus vor dem Europäischen Parlament. „Demnach scheinen die großen Ideale, die Europa inspiriert haben, ihre Anziehungskraft verloren zu haben zugunsten von bürokratischen Verwaltungsapparaten seiner Institutionen.“

Man mag es lustig oder empörend finden, wenn die höchsten Würdenträger einer Gerontokratie, die sich auf eine zölibatäre Priesterkaste stützt, über Unfruchtbarkeit und Lebenskraft sinnieren. Man mag den Hinweis auf die „ethnische Verabschiedung“ – heutzutage verwenden die Neurechten dafür den Begriff der „Umvolkung“ – abgeschmackt finden. Aber die Frage bleibt: Hat die Europäische Union eine große Zukunft hinter sich?

Treten wir einen Schritt zurück, um die Sache perspektivisch zu sehen. Kürzlich hat der frühere britische Handelsminister Stephen Green die Arbeit an Europa mit dem Bau einer mittelalterlichen Kathedrale verglichen. Diejenigen, die den Grundstein legten, wussten, dass sie nie den fertigen Bau sehen würden. Sie wussten auch, dass der Bau am Ende ganz anders aussehen würde, als sie ihn sich vorstellten. Es dauerte meist Jahrhunderte. Am Ende stand oft ein Wunder.

Das berühmteste Beispiel ist der Kölner Dom. Begonnen 1164, wurde er erst 1880 vollendet. 1560 kam es zum Baustopp: Einerseits brauchte der Papst alles Geld für den 1515 begonnen Petersdom in Rom. Andererseits führte die Reformation ab 1517 zum Versiegen des Pilgerstroms. Dabei hängen Petersdom und Reformation zusammen, denn der Ablasshandel, der den Dom finanzieren sollte, löste ja Martin Luthers Thesenanschlag aus. Die Abgehobenheit einer Elite einerseits und der rabiate Nationalismus der Reformatoren andererseits zerrissen die einheitliche Religion und Kultur Europas. Elitenblindheit und Nationalismus: Sie bedrohen heute wieder einmal die Einheit Europas.

Aber wie ging es weiter mit dem Kölner Dom? 1814 wurden die alten Pläne wiederentdeckt. Eine Bewegung zur Vollendung des Baus erfasste immer mehr Menschen – nicht im Zeichen des Katholizismus, sondern des Patriotismus. Als der Protestant Kaiser Wilhelm I. den Dom eröffnete, befand sich der Kölner Erzbischof wegen des Kulturkampfs zwischen Preußen und der Kirche im Exil. Und obwohl die Kirche heute von Touristen als vollendetes Beispiel mittelalterlichen Bauens bestaunt wird, ruht das Dach auf einer im 19. Jahrhundert hochmodernen Eisenkonstruktion, ähnlich dem Dach des Hauptbahnhofs nebenan. Nur deshalb überstand der Dom die Zerstörung Kölns im Zweiten Weltkrieg – obwohl er 70 Bombentreffer abbekam.

In diesem Krieg ging überall in Europa der übersteigerte Nationalismus unter, der mit Luther seinen Anfang nahm. Konrad Adenauer war dabei die treibende Kraft in Deutschland. Ein Mann, der nicht zufällig im Schatten des Kölner Doms geboren worden und dort Oberbürgermeister gewesen war.

Woraus erhellt: Die Inspiration für Europa kommt aus den langen Linien der Geschichte, nicht aus aufgeregten Werbekampagnen oder schnell aufgelegten Programmen. Die großen Europäer, von Erasmus von Rotterdam über Johann Wolfgang von Goethe bis Stefan Zweig, von John Maynard Keynes über Jean Monnet und Winston Churchill bis Helmut Kohl, hatten alle diese langen Linien im Blick. Sie zeigen übrigens, dass Benedikt Unrecht hatte, als er vom „Untergang“ des Römischen Reichs sprach: Vielmehr führte erst die Eroberung Roms durch die Barbaren dazu, dass die Germanen zivilisiert wurden. Und Franziskus hat Unrecht mit seinem Großmutterbild: Die phönizische Prinzessin Europa, die auf einem Stier reitend von Sidon, unweit Aleppos, übers Mittelmeer nach Kreta kam, bleibt auch 3.000 Jahre später jung, wo wieder Menschen aus Syrien sich aufmachen ins gelobte Land.

Diese Geschichte, die Geschichte eines ständigen Austauschs zwischen Europa und der Welt und innerhalb Europas, der Europäisierung der Welt durch die Kolonialisierung und der Globalisierung Europas durch Zuwanderung, des Konflikts zwischen Universalismus und Partikularismus, des Ringens um „Einheit in der Vielfalt“, ist unendlich spannend. So wie unser Kontinent unendlich anregend ist. Hier gibt es mehr Städte und Kunstschätze, Kulturlandschaften und Wildnisse auf engstem Raum als irgendwo sonst auf der Erde.

Es ist diese Vielfalt, die Nationalisten und „Identitäre“, EU-Hasser und Putin-Freunde, Islamisten und Islamfeinde zerstören wollen. Das Unordentliche, Unabgeschlossene, Langsame des großen Kathedralenbaus halten sie nicht aus.

Aber auch die Freunde Europas sind zuweilen ungeduldig und gefährden dadurch den Bau. „Scheitert der Euro, scheitert Europa!“, rief Angela Merkel. Möglich ist aber, dass die Euro-Rettung auf Kosten einer ganzen Generation in Südeuropa dazu beitrug, die Briten aus der Europäischen Union zu treiben; in Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland und schließlich auch Deutschland hat diese Politik Populisten auf der Linken und Rechten stark gemacht, so wie der Bau des Petersdoms, der die Macht des Papstes demonstrieren sollte, zur Revolution des Protestantismus führte.

Geduld also ist vonnöten. Keine Geschichte geht immer in eine Richtung. Manchmal macht sie Umwege, geht sie rückwärts. Es gibt kein „Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten“, weil es kein Ziel gibt, auf das sich alle – ob schnell oder langsam – zubewegen. Eher ein Europa der konzentrischen Kreise. Draußen die privilegierten Partner wie Großbritannien und die Türkei, Georgien und Israel. Dann die Mitglieder mit Vorbehalten in dieser oder jener Form. Und weitere Abstufungen hin zu jener Mitte, die ein föderales Europa anstrebt. Wenn es denn diese Mitte gibt. Das mag alles, wie Franziskus klagt, wenig nach Idealen, wenig – nun ja – inspirierend klingen. Aber das ist das Geheimnis europäischer wie jeder Politik: den Gegensatz von Traum und Wirklichkeit aushalten, statt daran irre zu werden. Denn die Renationalisierung der Politik wäre genau das: irre.

Über den AutorAlan Posener, 67, ist britisch-deutscher Journalist. Er schrieb Bücher u. a. über Maria, William Shakespeare, John F. Kennedy und John Lennon. Heute arbeitet er als Korrespondent für Politik und Gesellschaft bei „Welt“ und „Welt am Sonntag“ sowie für „The European“.