Art Fry sang aus voller Kehle. Als dem passionierten Chorsänger aber immer wieder das Lesezeichen aus dem Gesangbuch fiel, erinnerte er sich an jenes Haftmittel, das ihm sein Kollege Spencer Silver vom amerikanischen Technologiekonzern 3M gezeigt hatte. Mit dem neuen Kleber hielt nicht nur sein Lesezeichen. Als Fry einen Vermerk an einen Bericht heftete, antwortete sein Vorgesetzter ebenfalls auf diesem Zettelchen. Es war der Schlüsselmoment für eine der genialsten Büroerfindung der 1970er-Jahre. Inzwischen haben die Forscher bei 3M den klassischen Klebezettel zu mehr als eintausend Varianten weiterentwickelt. „Post-it“ hat sich zum Gattungsbegriff für Klebenotizen entwickelt

Wie wichtig Eingebungen, plötzliche Einfälle und Gedankenflüge – so definiert der Duden Inspiration – für den Unternehmenserfolg sein können, erkennen auch immer mehr deutsche Unternehmen. „Unsere Innovationen fallen nicht vom Himmel“, betont Stefan Oschmann, CEO des Darmstädter Pharma- und Technologiekonzerns Merck. „Wir brauchen ein Arbeitsumfeld, das Kreativität fördert und in dem unsere Mitarbeiter ihrer Neugier nachge-hen können.“

Einer dieser Orte ist das Merck Innovation Center. In dieser Förderschmiede für Start-ups ließ sich beispielsweise Gründer Brian Gitta anregen, eine Smartphone-App zu entwickeln. Der junge Mann aus Uganda musste sich wegen einer Erkrankung dreimal täglich ein Medikament spritzen. „Als ich zusätzlich Anzeichen von Malaria hatte, befürchtete ich noch mehr Nadelstiche“, so Gitta. Mit dieser Angst im Nacken entwickelte der Informatikstudent eine Fingerklemme, die sich an Smartphones anschließen lässt. Das Gerät scannt mit Infrarotsensoren die roten Blutkörperchen – und zeigt binnen weniger Minuten an, ob sich der Proband Malaria eingefangen hat.

Eine gehörige Portion Bauchgefühl gehört ebenfalls zu einem erfolgreich geführten Unternehmen, ist Hotelier Dieter Müller überzeugt. Der Chef der Motel-One-Kette baut daher nur Hotels, in denen er selbst „gern übernachten“ würde.

Für das Management innovativer oder sogar disruptiver Ideen reicht es zwar nicht, wenn Unternehmen flache Hierarchien einführen und dann „die Affen den Zoo regieren“, wie der Bielefelder Soziologe Stefan Kühl etwas spöttisch formuliert. Aber beim Übergang vom Industriezeitalter in die Wissensökonomie ist es auch nicht länger ratsam, „an angenagelten Schreibtischen unsere Kreativität zu verwalten oder gar abzuwürgen“, betont Udo Bräu, Vorstand der Münchner Meierhofer AG, eines IT-Dienstleisters für Krankenhäuser.

„Neue Ideen entstehen eher unter der Dusche und beim Radfahren“, ist Andreas Stückl überzeugt. Dem Mitgründer von Bike Citizens kam als Fahrradkurier die Idee, eine Navigations-App und eine Fahrradhalterung fürs Handy zu entwickeln. Sechs Jahre nach dem Startschuss bietet das Unternehmen mit Standorten in Berlin und Graz seine App für 413 Städte an. Bis Mitte des Jahres soll die 500.000ste Halterung verkauft sein. Stückl, der als Kurier bis zu 10.000 Kilometer im Jahr im Sattel saß, schwört auf die inspirierende Kraft frischer Luft: „Wir produzieren keine Fahrradrahmen, für die eine Belegschaft eine bestimmte Zeit am Fließband stehen muss. Wir leben von Ideen.“

Dazu passt die im Unternehmen geltende Viertagewoche. „Am Donnerstagabend schalte ich zwar den Laptop aus, aber das Gehirn bleibt online“, beteuert Stückl. Zuletzt hat es die Idee für ein Bonus-Programm produziert, mit dem Biker beispielsweise in Bremen gefahrene Kilometer in Gutscheine und Rabatte lokaler Unternehmen tauschen können.

Was dem Start-up recht, ist dem Stahl- und Technologiekonzern thyssenkrupp billig. Die Essener lassen sich von den Möglichkeiten moderner Datenverarbeitung und -analyse inspirieren, um ihr traditionelles Geschäft zukunftsfähig zu erhalten. „Die Digitalisierung wird unserer Branche guttun, indem sie Arbeit leichter macht“, betont Gabriele Sons, Vorstandsmitglied bei thyssenkrupp Elevator. So entwickelt die Aufzugssparte des Dax-Konzerns, die fast ein Fünftel des gesamten Umsatzes erwirtschaftet, derzeit den „smarten“ Aufzug. Dieser sendet künftig rund um die Uhr Daten in die Cloud. Durch deren Auswertung mittels intelligenter Algorithmen erhält der Dienstleister laufend Informationen über den Zustand der Anlagen. „Wir können reagieren, bevor der Kunde überhaupt merkt, dass es ein Problem gibt“, betont Sons.