Die Welt wird durch Gott verwandelt und beseelt“, sagt Klaus Ensinger, Geschäftsführer der Ensinger GmbH mit einem sinnierenden Lächeln auf den Lippen. „Mein Glaube gibt meinem Leben Sinn und Richtung. Er verhilft mir zu einer anderen Sicht auf die Dinge und das Geschehen. Er bringt uns der Welt nahe und verhilft gleichzeitig zu innerer Unabhängigkeit und Gelassenheit.“ Viele Unternehmer und Führungskräfte finden, wie Ensinger, in einem zunehmend anonymer, digitaler und seelenloser werdenden Umfeld Inspiration, Inhalt und Orientierung im religiösen Glauben. Sie lesen die Bibel ebenso inbrünstig wie Bilanzen.

„Religion hat wieder Konjunktur, weil die Rückbesinnung auf unsere Werte Konjunktur hat“, sagt Friedhelm Loh, Ehrenpräsident des Zentralverbands der Elektroindustrie ZVEI, Vizepräsident des Industrieverbandes BDI und Eigentümer der Friedhelm Loh Group, die mit Schaltschränken, Tresoren und Türsprechanlagen zuletzt 1,7 Milliarden Euro umsetzte. Loh gehört einer Gruppe von Firmenlenkern an, die öffentlich zu ihrem Glauben stehen. Ein Indiz für diese Renaissance des Glaubens ist, dass beim fünften Kongress christlicher Führungskräfte, der Anfang dieses Jahres in Leipzig stattfand, 3.200 Teilnehmer akkreditiert waren – so viele wie nie zuvor.

Zu den gläubigen Christen im Chefsessel gehört auch Klaus Ensinger. Sein Vater Wilfried Ensinger begann 1966 in einer Garage im baden-württembergischen Ehningen damit, Hochleistungs-Polymere zu verarbeiten. Heute stellt die Firma mit 2.300 Mitarbeitern in aller Welt eine breite Palette an Kunststoffprodukten für die Industrie her, beispielsweise Isolierprofile für Fenster und Präzisionsteile wie Kupplungen, Getriebe oder Zahnräder für den Automobilbau.

Ensinger, der das Unternehmen seit fast 20 Jahren führt, „erbte“ vom Vater auch die tiefe Verbindung zu Gott. „Mein Vater hat sich viel mit Glaubensfragen beschäftigt und konvertierte vom Protestantismus zum Katholizismus. Regelmäßiger Kirchgang war bei uns selbstverständlich. Ich habe ministriert und in der Schulzeit das Gespräch mit Benediktinermönchen gesucht, um für mich den richtigen Weg zu finden“, erzählt Ensinger. Und als Student las er „in einer Phase der Orientierungslosigkeit und Niedergeschlagenheit“ die Schriften des brasilianischen Befreiungstheologen Hélder Camara.

Auch Thomas Gutberlet, Geschäftsführer der in Fulda ansässigen Lebensmittel-Supermarktkette tegut hat eine bewusste Auseinandersetzung mit Religion von klein auf erlebt. Der Großvater war katholisch, die Großmutter evangelisch. Vater Wolfgang Gutberlet wurde zusätzlich durch die anthroposophischen Lehren Rudolf Steiners geprägt. Beides zusammen wirkte sich auch auf die Unternehmensstrategie von tegut aus. Mit der Sortimentserweiterung auf „Bio“ gilt die Handelskette aus Osthessen als Pionier für Öko-Supermärkte.

In dritter Generation führt inzwischen Thomas Gutberlet die 5.500 Mitarbeiter des Unternehmens – als angestellter Geschäftsführer der Schweizer Genossenschaft Migros Zürich. Die Schweizer übernahmen vor vier Jahren das tegut-Handelsgeschäft und die Logistik der familiengeführten Stiftung. Über tegut sagt Thomas Gutberlet: „Wir wollen etwas Gutes für unsere Kunden tun, ohne sie zu missionieren. Wir verkaufen Lebensmittel, die Kraft und Stärke bringen und ein gesundes Leben fördern. Das hat sehr viel mit christlicher Inspiration zu tun: Man achtet die Schöpfung! Man geht ordentlich mit der Welt und mit dem um, was auf dieser Erde wächst!“

Gutberlet selbst erlebt seinen Glauben an Gott als „Freiheit, zu wachsen und mich weiterzuentwickeln“. Für ihn ist das Besondere am Christentum, „in einem ethischen Rahmen Verantwortung zu übernehmen und dafür geistige Unterstützung zu bekommen“. Für ihn ist Gott aber nicht „der gütige Mann mit weißem Bart, der alles regelt“, sondern ein Ansporn, in eigener Verantwortung zu handeln. „Der Glaube“, sagt Gutberlet, „gibt einem die Stärke, auch mit Kritik, Anfeindungen oder Krisen besser klarzukommen. Und vor allem zeigt er uns immer wieder, dass es mehr gibt, als wir Menschen messen können. Er lehrt uns eine gewisse Demut.“

Wie wichtig der Glaube gerade in Krisensituationen sein kann, das beschreibt ein weiterer Unternehmer: Fred Jung, Mitgründer und heute Aufsichtsrat und Aktionär des Wind- und Solarstrom-Projektentwicklers juwi. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Kirchheimbolanden in Rheinland-Pfalz wandte sich Jung im Alter von 17 Jahren „ganz bewusst Jesus Christus zu“.

1996 lieh sich der damals 26-Jährige zusammen mit einem Freund 1,2 Millionen D-Mark. Auf dem elterlichen Acker errichteten sie ein Windrad. Damals ein wirtschaftlich riskantes Unterfangen. „Eines Nachts bin ich aufgestanden und habe gebetet. Und da hat Gott mir einen Satz aus dem Buch Amos geschickt. ‚Siehe: Er ist es, der die Berge macht und den Wind schafft …‘ Da wusste ich: Lehne dich zurück, Gott trägt die Lasten. Du bist in der Spur Gottes, es ist die richtige Spur.“

Von da an gab es nur eine Richtung – aufwärts. Beide Jungunternehmer hatten eine Vision: Deutschlands Energieversorgung umkrempeln. 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien. Raus aus Kernenergie und klimaschädlicher Kohleverstromung. Die juwi AG wurde zum erfolgreichsten Projektierer für Wind-, Solar- und Bioenergie-Anlagen in Deutschland und zum Vorzeigeunternehmen. Bei juwi zu arbeiten, hieß an einem neuen Zeitalter mitzuwirken. Dank staatlicher Ökostromförderung stieg der Umsatz innerhalb weniger Jahre auf mehr als eine Milliarde Euro.

Doch dem rasanten Aufstieg folgt der Fall. 18 Jahre nach der Gründung rutscht juwi in die Krise. Umsatz- und Gewinneinbruch, Eigenkapitalschwund, 500 Entlassungen, Bestechungsvorwürfe, Gerichtsverfahren, ein Unfall mit einem Windrad. Probleme über Probleme. Eine Krisensitzung jagt die nächste.

In diesen turbulenten Zeiten bricht zusätzlich eine private Katastrophe über das Leben des sechsfachen Familienvaters Fred Jung und seine Familie herein. Am 1. März 2014 stapelt Jung mit seinen Söhnen Joshua, Samuel und Danilo Holz. Joshua ist damals 2 Jahre alt. „Schau mal Papa, wie stark ich bin“, sagt er und lächelt stolz. Vater Fred rangiert einen Gabelstapler, um das Holz zu transportieren. Er schaut nach rechts, schaut nach links, auch in den Rückspiegel. Aber er sieht nicht nach hinten in den toten Winkel. Plötzlich ruft Sohn Samuel: „Papa! Der Joshua liegt auf dem Boden und blutet.“ Der Notarztwagen kommt schnell, aber der Himmel will nicht warten. Auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt der kleine Junge.

Die Nachricht schockiert nicht nur die Familie, sondern auch das angeschlagene Unternehmen. „Das ist der schlimmste Moment, den man als Vater erleben kann: wenn man den Tod des eigenen Kindes verursacht hat. Allein kann man das nicht durchstehen“, erzählt Fred Jung. „Ich bin damals regelmäßig mit einem Schreibblock und der Bibel in den Wald gegangen, habe mir Notizen gemacht, gelesen, gebetet und mir so Kraft geholt.“

Das Ehepaar Jung lädt Freunde und Mitarbeiter von juwi zu einem Gottesdienst in die Firmenzentrale ein. Am Mikrofon sprechen Fred Jung und seine Frau Claudia offen darüber, wie ihnen ihr Glaube half, den Tod des Kindes zu verarbeiten. „Ich weiß, dass es dem Joshi gut geht, dort, wo er jetzt ist“, spricht Claudia Jung mit starker Stimme. Dann wird gemeinsam gebetet und gesungen. Es ist ein fröhlicher Gottesdienst.

Fred Jung sagt: „Jesus nimmt mir die Schuld. Aber er stellt mir keinen Persilschein aus. Er zeigt mir, dass jeder im Leben, der handelt, auch Schuld auf sich lädt. Wenn ich mit Gott rede, dann bekomme ich keinen Zettel mit Handlungsanweisungen. Aber es entsteht eine innere Klarheit. Was ist richtig? Was ist wichtig? Was tue ich? Was lasse ich sein? Auf diese Fragen bekomme ich Antworten durch die Zwiesprache mit Gott und ich bekomme Frieden für die nächsten Schritte im Handeln.“

Auch die Unternehmerin Katja Hof aus Haiger-Rodenbach in Hessen kann sich auf ihren Gott verlassen. Seit zwölf Jahren führt die junge Unternehmerin den elterlichen Betrieb als geschäftsführende Gesellschafterin. Die einstige Schlosserei hat sie zu einem stark expandierenden Lohnfertiger für Platinen und Baugruppen aus Stahl, Edelstahl und Aluminium entwickelt. Mit modernster Lasertechnik fertigt die Franz Hof GmbH Teile für Operationstische, Fahrzeugaufbauten, Krankenwagen oder Wohnmobile in flexiblen Stückzahlen an. Als Katja Hof die Geschäftsführung übernahm, hatte sie 30 Mitarbeiter – heute sind es mehr als 100.

„Meine Kraftquelle ist mein christlicher Glaube“, sagt die zupackende Unternehmerin. „Da ist das Bewusstsein: Es gibt einen Schöpfer, der für mich, das Unternehmen und unsere Kunden stets das Beste möchte – das gibt mir Mut, fordert mich und meine Verantwortung aber auch in besonderer Weise. Deshalb frage ich mich bei allen Entscheidungen: Wie kann das Unternehmen den Menschen am besten dienen? Und wie kann das Unternehmen der Region dienen, in der meine Mitarbeiter und ich leben?“

Die gut gefüllten Auftragsbücher, die stabile wirtschaftliche Situation. Das alles ist für Katja Hof kein Zufall. Statt von Vertriebserfolgen, Cashflow, Umsatz- oder Kapitalrendite spricht sie lieber von Dankbarkeit und Segen. Sie sagt: „Wer bittet, dem wird gegeben. Das ist ein ‚göttliches Prinzip‘ und dem fühlen wir uns verpflichtet – insbesondere durch unsere Unternehmenswerte und unsere Philosophie.“

Doch auch die Franz Hof GmbH erlebte schon stürmische Zeiten. Im Zuge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 brach der Umsatz um ein Drittel ein. Eigentlich hätte sie Kurzarbeit anmelden, vielleicht sogar Mitarbeiter entlassen müssen. Doch auch in dieser Situation vertraute Katja Hof ihrer Inspiration. Sie entschied sich, durch Beschleunigung von Lieferzeiten die Verluste auszugleichen, und konnte so alle Mitarbeiter halten. „Vor Entscheidungen bete ich. Für den richtigen Weg. Für eine richtige Stellenbesetzung. Für bestimmte Technologien. Für Investitionen.“

Wer so tief glaubt, dem sind auch ethische Leitlinien in der Unternehmenskultur wichtig. „Wir werben zum Beispiel keine Fachkräfte von anderen Firmen ab, auch wenn sie bei uns dringend fehlen. Ehrlichkeit und Respekt sind ganz hohe Werte, sowohl gegenüber den Mitarbeitern als auch gegenüber Kunden, Dienstleistern oder auch unseren Mitbewerbern“, sagt Katja Hof. „Wir haben zu diesen Themen auch Workshops angeboten und die Frage gestellt: Wie schätzen wir unsere Mitmenschen und wie begegnen wir ihnen. Das ist ja keine einfache Frage. Vor allem dann nicht, wenn in einem Unternehmen viele Menschen aus vielen Kulturen und Religionen unter einem Dach miteinander arbeiten. Doch gerade hier ist Toleranz, Nächstenliebe und Respekt besonders gefragt – Werte, die mir bereits meine Eltern vorlebten und die mir durch meinen Glauben auch persönlich besonders wichtig geworden sind.“

Trotz dieser gelebten Unternehmenskultur und ihrer gläubigen Chefin ist auch die Franz Hof GmbH kein christliches Unternehmen. Nicht zu vergleichen etwa mit der Caritas, deren 500.000 Beschäftigte auch im Arbeitsalltag „Zeugnis von der Liebe Jesu Christi und der Hoffnung auf Leben, Befreiung und Erlösung“ ablegen sollen. Nicht zu vergleichen auch mit der KT Bank AG, die als erstes Geldinstitut in der Eurozone ausschließlich Finanzprodukte und Dienstleistungen nach den Prinzipien des islamischen Bankwesens anbietet.

Ahmed Kudsi Arslan leitet die KT Bank AG mit Sitz in Frankfurt am Main als Vorstandsvorsitzender. Die Muttergesellschaften des Bankhauses sind in der Türkei und in Kuwait beheimatet. „Der Antrieb eines jeden Gläubigen sollte die Erlangung der Zufriedenheit Gottes sein“, sagt Arslan. „Und der Weg dorthin führt über die vielen tugendhaften Dinge im Leben. Im Gebet um Rechtleitung durch Gott zu bitten, das ist auch eine Art Inspiration“, sagt der CEO.

Wie andere islamische Banken betreibt die KT Bank keinen verzinslichen Geldverleih, der Fokus liegt auf der Realwirtschaft. Investitionen in Glücksspiel, Alkohol- oder Tabakindustrie, Pornografieprodukte, Rüstungsgüter sowie die Verarbeitung von Schweinefleisch sind verboten. „Es ist uns wichtig, dass die Menschen, die hier arbeiten, unser Geschäftsmodell unterstützen, obwohl nicht jeder ein Muslim sein muss“, betont Arslan. Seit einem Jahr lebt Arslan in Deutschland. Das Land beeindruckt ihn. „Auf eine gewisse Art und Weise war es für mich ein spirituelles Erlebnis zu sehen, wie tendenziell ausgeglichen das Leben der Deutschen ist. Es zeigte mir, dass meine verinnerlichten Werte die gleichen Werte sind, die diese Gesellschaft hier lebt, und wir uns daher sehr nahestehen.“

Noch ist nicht klar, ob die KT Bank mit dieser religiösen Ausrichtung auch ökonomisch ein Erfolgsmodell in einem säkularen Umfeld werden wird. „Wir haben einen regen Kundenzulauf“, sagt Ahmed Kudsi Arslan. – Inschallah. So Gott will.