Wenn man nach dem mächtigsten Menschen der Welt sucht, gibt es nicht viele, die dafür infrage kommen. Die Staatschefs der USA, Chinas und Russlands stehen zur Auswahl, und das war’s dann schon. Ganz anders, wenn man nach den wirkmächtigsten Denkern der Welt sucht. Denn für die Macht des Wortes gibt es keinen einfachen Maßstab, der die Besten der Besten zeigt. Stattdessen gibt es eine Vielzahl von möglichen Maßstäben, und alle führen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen. Misst man den Einfluss an der Zahl der verkauften Bücher, läge jemand wie Joanne K. Rowling ganz vorne, bezüglich der größten Wirkung in der realen Welt jemand wie Henry Kissinger, gemessen an der Zahl der Follower wäre Papst Franziskus unschlagbar, den größten direkten Einfluss auf einen wahrhaft mächtigen Menschen hingegen hatte wohl – zumindest bis zu seiner Amtsenthebung – Steve Bannon. Und was davon stimmt jetzt?

„Es gibt nicht den einen einflussreichsten Menschen“, sagt Peter Gloor. Der Schweizer erforscht am Center for Collective Intelligence des Massachusetts Institute of Technology (MIT), wie neue Ideen entstehen und wie man ihre Wirkung messen kann. Da man nicht direkt messen könne, wie ein Denker oder eine Idee sich auf das Denken anderer Menschen auswirke, sei man jeweils auf indirekte Messmethoden angewiesen. Und jede dieser Methoden habe ihre spezifischen Vor- und Nachteile.

Gloor nennt als Beispiel eine Untersuchung, bei der er versuchte, durch Analyse aller (englischen) Wikipedia-Texte die wichtigsten Menschen aller Zeiten herauszufinden: Wer dort insgesamt besonders häufig genannt beziehungsweise verlinkt wird, muss ja wohl bedeutend sein. Das Ergebnis: Auf Platz 1 landete George W. Bush, gefolgt von William Shakespeare. Noch vor Jesus Christus (Platz 4) landete Sidney Lee, ein Geschichtsprofessor aus dem 19. Jahrhundert. Sein „Einfluss“ besteht darin, mehrere Hundert Biografien bedeutender Persönlichkeiten verfasst zu haben und dadurch besonders häufig bei den Wikipedia-Quellenangaben aufzutauchen.

Plausiblere Resultate lassen sich erzielen, wenn man die Ergebnisse mehrerer Messmethoden kombiniert. In eine „Global Thought Leader“-Untersuchung etwa, die MIT-Forscher Gloor jährlich mit dem Schweizer Gottlieb Duttweiler Institut durchführt, fließen Messergebnisse aus Wikipedia, Social Media und World Wide Web ein. Das Resultat: Im dritten Jahr nacheinander steht Papst Franziskus an der Spitze der einflussreichsten zeitgenössischen Köpfe. Ebenfalls in der Spitzengruppe zu finden sind Persönlichkeiten wie der Dalai Lama oder die Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus und Al Gore.

Während in früheren Jahrhunderten die Philosophen eine herausragende Rolle unter den Vordenkern spielten, haben Massenmedien und Internet das Feld erweitert. Mit einer zündenden, gut kommunizierbaren Idee können Denker aus jeder beliebigen Disziplin über die Grenzen ihres Fachs hinaus Einfluss ausüben – ob Evolutionsbiologen (wie Richard Dawkins), Computerwissenschaftler (wie Tim Berners-Lee) oder Anthropologen (wie Jane Goodall).

Während in früheren Jahrhunderten die Philosophen eine herausragende Rolle unter den Vordenkern spielten, haben Massenmedien und Internet das Feld erweitert. Mit einer zündenden, gut kommunizierbaren Idee können Denker aus jeder beliebigen Disziplin über die Grenzen ihres Fachs hinaus Einfluss ausüben – ob Evolutionsbiologen (wie Richard Dawkins), Computerwissenschaftler (wie Tim Berners-Lee) oder Anthropologen (wie Jane Goodall).

Damals wie heute eine wichtige Rolle spielen allerdings die Plätze, an denen die klügsten Köpfe der Welt gehäuft auftreten: die Universitäten. Genauer gesagt: einige wenige Universitäten. Denn die inspiriendsten Denker der Welt bewegen sich im Umfeld einer Handvoll Elite-Unis. Und vor allem: einer Elite-Uni. Das zeigt beispielhaft die jüngste „Global Thought Leader“-Untersuchung von 2016. Von den insgesamt 223 Vordenkern aus aller Welt, die dort analysiert worden waren, waren 50 (22,4 Prozent) mit der Harvard University verbunden – als Studenten und/oder als Professoren. Damit liegt die US-Spitzenuniversität einsam an der Weltspitze; auf den nächsten Plätzen folgen Oxford (12,1 Prozent), MIT (11,7 Prozent) und Princeton (9,0 Prozent).

Die herausgehobene Funktion der Universitäten zeigt, dass neue Gedanken nur im seltensten Fall im einsamen Gelehrtenstübchen entstehen. Weit häufiger resultieren Fortschritt und Inspiration aus gemeinsamen Anstrengungen: Große Ideen entwickeln sich im produktiven Austausch kluger Köpfe – und verbreiten sich durch ständigen Kontakt mit den jeweils aktuellen Strömungen, vermittelt durch eine Vielzahl von nachwachsenden Schülern. Eine wichtige Rolle dabei spielen für MIT-Forscher Peter Gloor „Collaborative Innovation Networks“ (COIN), in denen bewusst gemeinsam an Inspirationen gearbeitet wird. Frühe Beispiele hierfür sind die „Royal Society“, die 1663 in England zur Förderung der Wissenschaften gegründet wurde, oder die „Junto“ – eine Gruppe von zwölf Männern, die Benjamin Franklin 1727 in Philadelphia zusammenbrachte, um über Fragen aller Art zu diskutieren und zu neuen Lösungen zu kommen.

Als erfolgreiche Beispiele aus der jüngeren Zeit für solche COIN-Entwicklungen nennt Gloor die Entwicklung des World Wide Web und des Open-Source-Betriebssystems Linux. Innovatoren, die ihrer Zeit weit voraus sind, bringen dabei eine große Idee ein – die dann mit einer Vielzahl von Experten weiterentwickelt und verbreitet wird. Zusammengehalten werden die unterschiedlichen Welten der Vordenker und Mitmacher in der Regel von zwei verschiedenen Bindemitteln. Einem menschlichen: Führungskräfte mit hoher Teamfähigkeit; und einem ideellen: eine gemeinsame Vision, die über profanes Geldverdienen hinaus eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens erzeugt.

Apropos Geldverdienen: Solche Vordenker-Netzwerke gibt es nicht nur in hehrer Wissenschaft und Open-Source-Initiativen, sondern auch im ganz normalen Kapitalismus – zumindest dort, wo man sich eher als Schwarm denn als Firma versteht. „Ein einzelner Mensch“, so Gloor, „ist nicht viel besser als eine einzelne Biene dazu geeignet, das nächste Apple, Google, Facebook oder Tesla zu schaffen. Doch genau wie bei den Bienen ist auch ein Schwarm von Menschen in der Lage, erstaunliche Dinge zu leisten. Und genau wie ein Schwarm von Bienen braucht auch ein menschlicher Schwarm eine Bienenkönigin – jemanden wie Steve Jobs, Larry Page, Mark Zuckerberg oder Elon Musk.“