Das Unbehagen im Wirtschaftswachstum

Vom menschlichen Paradoxon: Es kehrt stets zu uns zurück, was wir wachsend loswerden wollen.Von Christoph Weismüller

Wie weit kann, wie weit muss die Wirtschaft, müssen Geld-, Warenmenge und Konsum, regional und global wachsen? Antwort Nr. 1: Um weiter als eine solche, die sie ist und als die sie sich versteht, zu bestehen, muss sie unendlich weiter wachsen; Antwort Nr. 2: Sie kann nur, des menschlichen Maßes der Sterblichkeit wegen, begrenzt wachsen.

Beide Teile dieser Antwort gehören untrennbar zusammen: Dem Wachstum sind seine Grenzen mitgegeben. Der erste Satzteil dieser Antwort beschreibt die Anmaßung göttlichen Wesens. Denn nur einem Gott kann die Unendlichkeit zugedacht werden. Der zweite Satzteil zeigt die Grenzen des sterblichen Menschen und einer ebensolchen Natur an. Diese beiden Seiten sind unentkoppelbar ineinander verwoben und so ergibt sich ein Paradoxon: Nur im Endlichen können wir die Unendlichkeit erreichen. Das Wachstum birgt das Ende schon in sich.

Die zentrale Aufgabe, die daraus nicht nur für Philosophen, sondern für jegliche Kulturdisziplin inklusive der Wirtschaftswissenschaften entsteht, ist an allererster Stelle die Anerkennung dieses Paradoxons und seiner beiden Seiten. Nur unter der Bedingung der Anerkennung dieser beiden Seiten der Medaille kann angemessen in Erkenntnis gesetzt werden, was Wachstum ausmacht, was sein Gegenstand ist, wie es möglich, wie es motiviert wird, ob es notwendig ist, ob darauf verzichtet oder es modifiziert werden kann und wie sehr es dem Menschen in seinem Wesen entspricht.

Diese Hinwendung zum Anerkennen erfordert eine Wende in unserem Denken und umfasst dann notwendig das Bejahen auch des Ungewollten und Abgründigen – und die Kraft, solches auszuhalten und ins Denken zu heben. Anerkennen impliziert eben ein Innehalten, ein Moratorium, und nicht ein Verweilen um des schönen Augenblicks willen.

Für das tägliche, funktional orientierte Management des Wachstums und der daraus erwachsenden Krisen ist die denkende Anerkennung dieses Paradoxons fremd, störend und hochgradig verunsichernd, eine Sache eher für Freizeit oder Krankheit. So lässt man davon ab und versucht dergestalt, neben der ökonomischen auch die politische Stabilität zu sichern. Doch diese Art des Versuchs, derartige Stabilität zu sichern, erfüllt den gewünschten Zweck nicht. Dieser Weg führt vielmehr dazu, dass das nicht zu bewusster Erkenntnis Gebrachte konkretistisch, funktional und als körperliches Agieren, also unaufgeklärt und unbewusst, in Erscheinung gesetzt wird.

Demgemäß werden aktuell beide, die ökonomische wie die politische Stabilität des wachstumsgläubigen europäischen Lebensraums, durch das, was sie erhalten soll, in ihren Grundfesten erschüttert: Das Wachstum trifft auf seine verdrängte Grenze, die Größenfantasie der Unendlichkeit trifft auf die Not der Sterblichkeit, aus der Erstere sich speist: Dem aus dem Wirtschaftswachstum hervorgetriebenen materiellen Wohlstand Mitteleuropas – „sie leben wie die Götter“ – kehren die Anmahnungen der Opfer seiner Produktion in der Form des Andrangs von Millionen Flüchtlingen wieder. In den Flüchtlingen begegnet den Mitteleuropäern gerade das, was sie mit dem Wirtschaftswachstum austreiben wollen: „The Walking Dead“ kommen als personales Gegenüber ihnen entgegen, und mit diesem die extreme Infragestellung kultureller, politischer und ökonomischer Orthodoxien inklusive des Wirtschaftswachstums.

Vom Wirtschaftswachstum der EU wurden die, die heute als Migranten zählen, über viele Jahre schon eingeladen: Eintrittskarten und Werbeprospekte in Form von Wirtschaftswachstumsprodukten wie Smartphones und weiteren Konsumangeboten lockten die Menschen in die scheinbaren Paradiese, die in diesen Medien besser als in jedem Reiseprospekt angepriesen wurden. Waren die Menschen eben noch heimisch in ihrer Region, Religion und Kultur, so (miss-)verstanden sie sich plötzlich dank solcher Prospekte als die vom Glück Vergessenen und als Opfer. Entsprechend machten sie sich zu ihrer vermeintlichen Rettung auf entweder in die Welt der höchst gewalttätigen Wiederherstellung einer unwiederbringlichen regionalen, religiösen und kulturellen Identität, oder in die Traumwelten, aus denen die Medien sowie deren Botschaften sie erreichten. Schnell folgten nicht nur Letztere dem smart in der Hand liegenden Navigationsgerät in Richtung Norden.

Unter großer Opfererfahrung auf der anderen Seite angekommen, wurden und werden sie zu Aufklärern der Wohlstandswachstumsnationen, insbesondere der Europäischen Union; zu Aufklärern über die Möglichkeiten und Grenzen des Wirtschaftswachstums. Diese Aufklärung aber erfolgt nicht auf der Ebene präzise gewählter Begriffe, verdankt sich nicht tiefer philosophischer Einsicht, sondern erfolgt konkretistisch agierend in vielfältigst für beide Seiten verstörender Kultur, Politik und Ökonomie immer weiter destabilisierender Gestalt.

Nun aber sollte es gelten, solche Aufklärung in einer für alle Seiten angemessen reflektierten Weise vorbehaltlos aufzunehmen und zumindest das zugrunde liegende Paradoxon anzuerkennen. Das bedeutet auch, dass wir uns mit dem bislang Ungedachten, Verdrängten, Unbewussten des Wirtschaftswachstums, mit dem ihm innewohnenden Unbehagen, anerkennend zu beschäftigen haben: Die Flüchtlingsströme sind ein wesentlicher Teil des Wirtschaftswachstums. Sie sind die im Inneren der Wachstumsökonomie aufziehende Grenze des Wachstums, das Endliche im Unendlichen. Das angestrebte Wirtschaftswachstum kommt nicht umhin, das zu schaffen, was es zu verhindern versucht. Was Wohlstand an den einen Ort bringt, das schafft Not andernorts; doch solche Not verharrt nicht an dem anderen Ort, sondern drängt stets zurück an den Ort, von dem aus sie geschaffen wurde.

Kann diese letztlich selbstzerstörerische Wachstums-und-Not-Spirale – wenn vielleicht nicht angehalten, so doch – moderiert oder immerhin umgelenkt werden? Alle Optionen auch nur einer kleinen Wende bedürfen des Innehaltens und des ausgiebigen Moratoriums. Das Hauptgewicht wird dabei zu legen sein auf die Anerkennung objektiver Realitäten im Hinblick auf die Opfer- und Schuld-Konditionen der Produktion der Dinge unserer weiten Warenwelt, verbunden mit der Offenheit zum gnothi seauton, zur Selbsterkenntnis: Wie konnte es werden, wie es ist, und wie reflektiert diese objektiv dingliche, technische, warenförmige, ökonomische Wachstumsrealität mein subjektives Wünschen und Begehren?

Nicht gute Vorsätze oder bloß äußerliche rationale Beschlüsse, sondern erst die empfindende und denkende Anerkennung des Unbehagens im Wachstum vermöchte womöglich die Nöte, die das Wachstumsprinzip immer wieder herausfordern, zu ermäßigen und von daher eine Wende in der Destruktionsspirale von Not und Wachstum einleiten.

Über den Autor Christoph Weismüller ist außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Universität Düsseldorf, Lehrpraktiker der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis und erster Vorsitzender des Vereins Psychoanalyse und Philosophie e. V.