„Gute Wellen werden wieder kommen“

Der dreifache Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton über das Leben und Siegen am Limit und den unsichtbaren inneren Gegner.

Wenn es ums Siegen geht, wer ist Ihre Inspiration? Mein erster Held war Superman. Er war der Größte, der Stärkste und der Beste unter den Comicfiguren. Deshalb wollte ich nicht Rennfahrer werden, sondern einfach Superman sein. Bedauerlicherweise ging das nicht, so hart ich es auch probiert habe (grinst). Mein Vorbild im Motorsport ist Ayrton Senna, ich wollte immer das Gleiche tun wie er. Er stand für etwas, auch neben der Rennstrecke. Für mich fühlt sich meine Rennkarriere an wie ein Staffellauf. Ich übernehme den Stab von Ayrton und trage ihn weiter – für uns beide. Wenn er noch unter uns wäre, wären wir Freunde.

Sie sind selten länger als eine Woche an einem Ort. Haben Sie nicht irgendwann genug vom Fahren und Fliegen? Manchmal liege ich nachts im Flugzeug wach, gucke mir die Bilder des Tages auf meinem Smartphone an und denke: Wow, ich lebe tatsächlich das beste Leben, das es gibt – all die großartigen Dinge, die ich mache, sehe und erlebe. Und das Allerbeste kommt noch obendrauf: Ich kann ein Formel-1-Auto fahren.

Wenn Sie ein Rennen gewinnen oder verlieren – wie lange hält die Erinnerung daran an? Maximal bis zum nächsten Tag, nachdem ich nach Hause zurückgekehrt bin. Dann ist es verblasst, und ich kann mit dem nächsten Rennen weitermachen. Ich gucke auch nie meine Rennen komplett auf Video an, manchmal ein paar Szenen, aber meistens spule ich vor.

Ist das etwa Ihr Erfolgstrick: Sich um nichts kümmern? Natürlich nicht. Ich denke über die Situationen auf der Rennstrecke nach, aber aus einer ganz anderen Perspektive.

Verraten Sie uns doch bitte die Perspektive eines Siegers. Es ist das Befriedigendste, was es gibt, ein Rennen zu gewinnen. Ich habe dann nicht nur ein breites Grinsen im Gesicht, wenn ich in mein Flugzeug steige – ich höre in mein Herz hinein und ich spüre, es ist voller Frieden.

Um in Frieden leben zu können: Gewinnen ist alles? Nicht allein. Kämpfen, verteidigen, einen besonders guten Boxenstopp haben oder eine perfekte erste Kurve – das alles kann ebenfalls befriedigend sein. Aber es ist meistens auch nie eine Sache allein, sondern das, was in Summe herauskommt.

Ihr jahrelanges Duell mit Nico Rosberg: Wie stark ist die mentale Auseinandersetzung mit Siegen und Verlieren in der Formel 1? Sport, egal welcher, ist immer eine mentale Herausforderung. Es ist vor allem ein richtiger Kampf, und die Formel 1 macht da keinen Unterschied. Manche Fahrer spielen Psycho-Spielchen, aber ich brauche das nicht. Das, was ich zu sagen habe, drücke ich über meine Leistung auf der Piste aus. Das ist weit deutlicher als irgendwelche Sprüche oder mentale Tricks.

Kommen Sie, Ihr Duell war doch eher ein Stallkrieg. Ich hab’ das wirklich nicht groß beachtet. Man muss drüber lachen, und dann bekommt man das raus aus dem Kopf. Keine Frage, es gab Zeiten in meiner Karriere, in denen haben mich solche Dinge beeinflusst, aber daraus lernt man. Ich habe im Inneren eine Mauer gebaut, damit ich das nicht an mich heranlasse.

Ihre Seele bezahlt keinen Tribut für die jahrelangen Auseinandersetzungen mit den anderen Spitzenpiloten? Der größte Feind kann in einem selbst sitzen, und deshalb kämpft man immer gegen diesen unsichtbaren inneren Gegner.

Sind Sie lieber ein einsamer Sieger oder schätzen Sie es mehr, durch Kampf zum Erfolg zu gelangen? Jeden, den man auf der Rennstrecke im Rückspiegel hat, kann gefährlich werden. Aber es ist viel entscheidender für mich, dass ich einen Teamkollegen habe, der stark genug ist, um mich anzutreiben. Er ist mein erster Gegner und mein Maßstab. Zusammen können wir ein ganzes Team weitertreiben, das ist enorm wichtig.

Im Rennen ein Einzelsportler, insgesamt ein Teamplayer sein – lässt sich so das Prinzip erfolgreicher Rennfahrer beschreiben? Bei Mercedes sind alle Daten transparent, wir teilen alles. Es gilt das Gleichheitsprinzip: Keiner kann ein verstecktes As im Ärmel behalten.

20 Rennen im Jahr, das ist viel Auf und Ab – Tagesform, Technik, sogar das Wetter spielt eine Rolle. Wie bleibt man konstant oben? Ich glaube an Wellen. Wenn es mal nicht so läuft, warte ich auf die nächste gute Welle. Denn gute Wellen werden wieder kommen.

Die anderen Asse in der Formel 1 – studieren Sie deren Erfolgsrezepte? Sie sind alle komplett verschieden, mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Wenn mir im Duell auf der Rennstrecke etwas auffällt, mache ich mir im Gedächtnis eine Notiz – dann erinnert man sich beim nächsten Mal daran und weiß meistens, wie der Gegner sich verhalten wird.

Dann verraten Sie uns doch bitte, wie Sie selbst sich an der Spitze verhalten. Mein Muster ist, dass ich keines habe. Ich fahre lieber spontan, so kann ich auch besser reagieren, weil es im Getümmel auf der Strecke meistens keine Situation gibt, die der anderen gleicht. Man muss schnell reagieren und hoffen, das Richtige getan zu haben. Ich glaube, meine Erfolgsquote dabei ist ziemlich hoch.

Wie gehen Sie mit dem Risiko des Rennfahrerberufes um? Gefahr ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ohne Gefahr wäre das Leben langweilig, und deshalb mache ich in meiner Freizeit risikoreiche Dinge. Sich nah am Limit zu bewegen ist das Aufregendste, das es gibt. Das gilt natürlich auch für das Rennfahren. Ohne Risiko wäre dieser Sport nicht so aufregend.

Das Gespräch führte Elmar Brümmer