„Das Können ist des Dürfens Maß“

Abenteurer und Bergsteigerlegende Reinhold Messner über Selbstmächtigkeit, optimale Vorbereitung, die Grenzen von Spitzenleistungen und ein starkes Europa.

„Vinciturus vincero – wenn du dich selbst gewinnen siehst, wirst du auch gewinnen.“ Dieser Wahlspruch steht über dem Tor Ihrer Burg Juval und war wohl der Grund, warum Sie diese gekauft haben. Lassen sich wirklich große Ziele nur mit einer starken inneren Motivation erreichen? Der Spruch ist wahrscheinlich um 1550 auf die Wand geschrieben worden. Aber das ist ein schlampiges, mittelalterliches Latein, das müsste eigentlich „vinci vincero“ heißen: „Wer sich zum Sieg bestimmt, wird immer siegen.“ Die Selbstbestimmung zum Erfolg ist die Basis zum Weiterkommen. Allerdings ist das in meinem Fall schwer übertragbar, da meine Erfolge zu relativieren sind, denn hohe Berge zu besteigen und Pole zu überqueren, das ist wohl für die Gesellschaft relativ unbedeutend.

Warum so bescheiden? Weil es so ist: Ich bin ein Eroberer des Nutzlosen. Für mich ist das Erobern von immer neuen Wänden und Gipfeln eine subjektive Erfahrung, aber erst mal nicht wichtig für die Allgemeinheit. Im Übrigen: Ohne Motivation ist der Mensch nicht in der Lage, irgendwas zu tun. Es kann der Hunger sein, der den Nomaden dazu bringt, zu jagen oder Früchte zu sammeln. Es kann die Sicherheit für die Familie sein. Motivation reicht vom Ehrgeiz über die Brieftasche bis zum Narzissmus. Oder es ist, wie bei mir, die Kreativität, das Ziel, das Maximum für sich zu erlangen. Ohne eigene hohe Ansprüche an Erfolg kommt auch keine Höchstleistung zustande. Ich bin eben horizontsüchtig, wollte immer weiter und hinter die Kulissen schauen.

Welche Rolle spielt bei Grenzgängen, wie Sie sie immer wieder gewagt haben, die Vorbereitung? Die richtige Vorbereitung ist existenziell, eine Basis für alles. Unzureichend vorbereitet kann man nicht in ein Abenteuer gehen. Da muss man physisch genauso wie logistisch arbeiten. Man muss alle Gerätschaften und die Partner, die einen auf dem Weg begleiten, auf alle Eventualitäten prüfen. Auf seine Partner muss man sich zu 100 Prozent verlassen können. Man lernt in vielen kleinen Schritten; die Herausforderungen, denen man sich stellt, wollen gesteigert werden. Erst wenn wir steigen, nehmen wir Maß, klopfenden Herzens. Wirklich große Herausforderungen kann man nur meistern, wenn es gelingt, Selbstmächtigkeit, ein gewaltiges Selbstvertrauen aufzubauen. Ich habe früh erkannt, dass ich bestimmte Dinge nur steigern kann, solange das Alter es erlaubt. Im Felsklettern hatte ich mit 25 meine Grenze erreicht. Bei Expeditionen prüfe ich genau: Wen nehme ich mit, was nehme ich mit? Je schneller ich unterwegs sein möchte, desto weniger muss ich mitnehmen.

Das hört sich nach großer Vorsicht an … Ich bestreite, dass ich ein sehr vorsichtiger Mensch bin, vorsichtig ja. Ich habe auch Glück gehabt. Allerdings habe ich irgendwann erkannt, dass mir für bestimmte Abenteuer gewisse Voraussetzungen fehlen: Schnellkraft, Ausdauer. Also habe ich das Spielfeld gewechselt.

Wo haben Sie bei aller Vorbereitung die Grenze, den Übergang vom Wagemut zum Übermut gesetzt? Ich peile immer Ziele an, die ich mir selber zur Aufgabe mache, sei es eine schöne Wand oder eine historische Aufgabe. Bevor ich mich daran wage, frage ich mich: Kann ich es auch? Mit 15 Jahren konnte ich noch keine 1.500 Meter hohe Wand in den Dolomiten klettern. Ich versuchte nie etwas, das ich nicht konnte. Ich muss also genau wissen, was ich kann, und dementsprechend wählen: Was kann ich mir zumuten? Das Können ist des Dürfens Maß. In der Wirtschaft können auch Blender erfolgreich sein. Beim großen Abenteuer sind Hasardeure spätestens nach drei Touren tot.

Sie gelten als einer der größten, wenn nicht der größte Abenteurer unserer Zeit. Um Abenteuer anzugehen, braucht es Mut und Selbstvertrauen. Wo haben Sie beides bei ihren Herausforderungen hergenommen? Wie haben Sie Ängste und Selbstzweifel überwunden? Gar nicht. Denn die Angst ist ein Kontrolleur, ein Zaun, der sagt: Bis hierher und nicht weiter. Man muss ihr sehr achtsam den Mut entgegensetzen. Nur wenn ich sicher bin, dass beide in Balance sind, kann das Abenteuer gelingen. Angst entsteht vor allem dann, wenn ich etwas tue, das ich nicht zu 100 Prozent beherrsche. Daher ist mein Vorgehen so, dass ich immer austeste: Was geht noch? Dabei lässt mich bei Gefahr das Zurückgreifen auf unzählig viele Erfahrungen in kritischen Situationen richtig handeln. Nur so kann man Dinge schaffen, von denen der Intellekt sagt: „Lass’ das lieber!“ Es braucht dabei auch die Gabe, es zu wagen.

Wie kommt man zu so einer Gabe? Man hat sie oder man hat sie nicht. Was ich tue, beginnt mit einer Kopfgeburt, wie beim Künstler, der vor einer weißen Leinwand steht. Mein Tun ist also der Kunst näher als dem Sport. Es gehört zur Kunst des Bergsteigens, am Fuß einer Wand herauszulesen, welches der richtige Weg für meine vorhandenen Fähigkeiten ist. Bergsteigen, wie ich es betrieben habe, ist heute im Umbruch. Das Klettern ist mehr und mehr zum Sport geworden. In den Hallen zum Beispiel wirklich ein großartiger Sport, aber es hat wenig mit kultureller Auseinandersetzung mit Gebirgen zu tun. Das Besteigen von Gipfeln wie dem Mount Everest, dem Aconcagua oder dem Kilimandscharo ist weder das eine noch das andere – es ist Tourismus, da die Berge inzwischen für Massenaufstiege als Pisten präpariert sind.

Auch Unternehmer und Top-Manager müssen immer wieder mutig und innovativ sein, Wege ins Unbekannte suchen. Sie sind der Bergführer des verschworenen „Similauner Kreises“ aus früheren und aktuellen Wirtschaftslenkern. Geben Sie da auch Empfehlungen für deren tägliche Arbeit in dieser Richtung? Uns „Similaunern“ geht es darum, gemeinsam unterwegs zu sein, zu spüren, was für uns möglich ist und was nicht. Das sind keine Grenz-Touren. Die Herren lernen bei mir nichts, was sie nicht könnten. Ich habe es mir abgewöhnt zu glauben, man könnte bei mir etwas lernen. Aber ich halte Vorträge, etwa morgen, vor amerikanischen Top-Managern über Leadership, die Frage um Nutzen und Sinn. Motivation an Beispielen aus meinem Leben als Abenteurer. Es geht um Dinge wie Schnellkraft, Geschicklichkeit, Konzentration, das Ausschalten von allen anderen Gedanken. Ein Beispiel: Nur wenn ich hundertprozentig ein Kletternder bin, bin ich ein guter und erfolgreicher Kletterer. Nur vollkommen fokussiert kann ich eine Sache gut machen.

Erzählen Sie dann auch, was es braucht, um buchstäblich Berge zu versetzen? „Berge versetzen“ ist eine Metapher. Es ist mir gelungen, als ich begonnen habe, meine eigenen Expeditionen so abzuspecken, dass sie nur einen Bruchteil der herkömmlichen Expeditionen gekostet haben. Ich nenne das den alpinen Stil. Er war die wirtschaftliche Voraussetzung für meine Erfolge. Damit habe ich meine Träume verwirklicht, konnte mit Versuch und Irrtum meine Grenze unabhängig austesten. Nur so hatte ich die Möglichkeit, alles selber zu finanzieren und meinen Träumen nachzugehen.

Sie sind selber Unternehmer, haben sechs Bergmuseen aufgebaut. War Lean Management dabei auch eine Ihrer wichtigsten Maximen? Bevor ich mich in dieses neue Abenteuer gestürzt habe, habe ich mit Museumsdirektoren gesprochen. Die sagten mir alle: Was du da vorhast, ist nicht möglich. Das bewährte Schlankheitsprinzip und Selbstverschwendung waren letztendlich auch hier die Voraussetzung für den Erfolg. Heute hat das Unternehmen 50 Mitarbeiter und alle sechs Museen sind rein privatwirtschaftlich finanziert. Man sieht also: Das Prinzip funktioniert auch außerhalb der Bergsteigerei. Im Moment starte ich gerade ein neues Abenteuer und lerne, Filme zu machen. Ich will zuletzt selber produzieren, nicht alles selber machen, aber bei Drehbuch, Regie, Schnitt dabei sein.

Welche Art Filme sollen das werden? Wahre Storys aus meiner Sparte. Ich bin Geschichtenerzähler, am liebsten aus der Welt der Berge, die ich sehr gut kenne.

Wie sind Sie mit der Möglichkeit des Scheiterns umgegangen, die bei Ihnen ja – im Gegensatz zu Managern – sehr schnell mit dem Ende des menschlichen Daseins gleichbedeutend sein kann? Der Instinkt, der Überlebensinstinkt, ist der stärkste, den wir haben. Wenn ich am Berg einen großen Fehler mache, spricht die Natur das Urteil. Ich habe also das Scheitern bei all meinen Vorhaben als selbstverständliche Möglichkeit ins Kalkül gezogen. Ich muss losgehen können und wissen, dass ich auch scheitern darf. Ohne diese Toleranz geht es nicht. Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass ich mir erlaubte, wenn ich merkte, eine Lebensphase geht zu Ende, umzusteigen und etwas Neues zu versuchen. Ich lerne dann von der Pike auf und weiß nach ein paar Jahren, wie es funktioniert, um dann Ideen umzusetzen. Ich habe mich sechs Mal neu erfunden.

Das klingt immer noch immens ehrgeizig. Ich stehe zu meinem Ehrgeiz, ich bin ja kein Deutscher (lacht), Österreicher oder Italiener, sondern Südtiroler, Europäer und Weltbürger.

Apropos – Sie waren fünf Jahre als Abgeordneter der Grünen im Europaparlament. Bereiten Ihnen die aktuellen politischen Entwicklungen Sorge? Jetzt müssen wir Europa retten! Ich hoffe, dass wir durch die neue politische Konstellation in den USA und die mögliche Seilschaft zwischen Trump und Putin uns als Europa nicht neu erfinden, sondern zusammenfinden und ein starkes europäisches Selbstverständnis entwickeln – nicht „Europa zuerst“. Aber Europa als gemeinsames Ganzes, als Hoffnungsträger für eine nachhaltig belebbare Erde.

Das Gespräch führte Heiner Sieger.