Der tiefergelegte Bolide bringt 380 PS auf den Asphalt, glänzt mit nach oben schwenkenden Scherentüren und Spoiler. Das Sportmodell RN30 des Autobauers Hyundai soll Appetit machen auf die neue Generation des Golf- und Audi-Konkurrenten i30, der im Frühjahr auf den Markt drängt. Der Clou des koreanischen Renners aber steckt in der Karosserie. Von BASF entwickelte Kunststoffe haben das ansprechende Design von Kotflügel und Spoiler erst ermöglicht. Eine Kombination aus Naturfasern und Polyurethan reduzierte das Gewicht des Innenraumbodens. Tapes und gespritzter Kunststoff formen die ebenfalls leichte Sitzschale und -lehne. Nah-Infrarotfolien schützen die Scheiben gegen Sonnenwärme. Technischer Kunststoff kommt außerdem für Getriebeölwanne, Zylinderkopfhaube und Ladeluftverteiler des i30 zum Einsatz. „Die Materiallösungen für das Konzeptfahrzeug“, so BASF, „sind alle serienreif.“

Der Ludwigshafener Chemiekonzern steht beispielhaft für das Engagement der deutschen Unternehmen, die ihre weltweite Spitzenposition in vielen Branchen mit dem Grips ihrer Erfinder und raffinierten Fertigungsverfahren untermauern.

2015 haben deutsche Unternehmen so viel in Forschung und Entwicklung (F+E) investiert wie niemals zuvor. Mit 62,4 Milliarden Euro gaben sie rund 9,5 Prozent mehr aus als 2014, stellt der Stifterverband fest, der das F+E-Geschehen im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) beobachtet. Damit wurde erstmals das selbst gesteckte Ziel der Bundesregierung erreicht: Die F+E-Investitionen der Firmen summierten sich auf drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), 2014 waren es erst 2,88 Prozent. Dazu kamen noch mehr als zehn Milliarden Euro, die die Unternehmen in Form von Forschungsaufträgen an externe Dienstleister wie beispielsweise Forschungseinrichtungen vergaben. Hier stand ein Plus von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 416.000 Beschäftigte arbeiten in den Forschungsabteilungen der Wirtschaft.

Und die Firmen haben 2016 und 2017 offenbar nicht zurückgesteckt. Nach vorläufigen Daten des Stifterverbandes stiegen die internen F+E-Aufwendungen im vergangenen Jahr um weitere vier Prozent, für 2017 rechnen die Experten mit sechs Prozent.

Ein ähnliches Bild ergibt die jährliche Innovationserhebung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Danach haben die in Deutschland tätigen Unternehmen 2015 insgesamt 149,5 Milliarden Euro in Innovationsvorhaben gesteckt – 2,6 Prozent mehr als 2014. In dieser Erhebung, die weiter ausholt als das Zahlenwerk des Stifterverbandes, stecken neben den gesamten F+E-Aktivitäten auch neue Maschinen, Anlagen, Software und Produkte sowie innovative Marketing- und Verkaufsmethoden. „Gerade die exportorientierten Unternehmen können sich keine Atempause bei Investitionen in neue Produkte und Prozesse erlauben“, analysiert Christian Rammer, Leiter der Innovationserhebung beim ZEW. Aktueller Treiber dieser Entwicklung ist laut Nils Naujok, Partner und EMEA Metals Consulting Leader bei Strategy&,Teil des Netzwerks von PwC Deutschland, die Digitalisierung: „Sie ermöglicht neue Produkteigenschaften und Entwicklungsprozesse. Innovationszyklen werden kürzer, Modeerscheinungen müssen schneller aufgriffen werden“, sagt der F+E-Experte. „Und Kunden, deren Präferenzen sich immer stärker ausdifferenzieren, werden heute viel früher bei der Optimierung der Produkteigenschaften und Spezifikationen eingebunden.“

Spitzenreiter bei den eigenen F+E-Ausgaben war mit rund 22 Milliarden Euro erneut die Automobilindustrie. Die deutschen Autobauer müssen allein deshalb Gas geben, um ihrem selbst gesteckten Anspruch als „Leitanbieter“ für Elektromobilität gerecht zu werden. Bis Ende 2015 ließen die deutschen Autobauer zwar 29 Elektromodelle auf den Markt rollen, Käufer machen sich bislang aber rar. Bis 2020 müssen die Hersteller „das Angebot und die Verfügbarkeit wettbewerbsfähiger Fahrzeuge merklich ausbauen“, fordert der Branchenverband VDA. Auch bei Fahrerassistenzsystemen besteht noch reichlich Bedarf an Forschungs- und Entwicklungsarbeit, wenn das autonome Fahren wirklich in Gang kommen soll. Wie beim Automatikgetriebe und elektronisch gesteuerten Brems- und Notbremssystemen sind wegen der hohen Kilometerzahlen auf diesem Gebiet vor allem die Nutzfahrzeughersteller vorn.

Mit einem Plus von sechs Prozent hat auch die Chemieindustrie 2015 ihre Forschungsausgaben kräftig gesteigert. So ist die Kooperation von BASF mit Hyundai kein Einzelfall. Jeden fünften der knapp zwei Milliarden Euro, die die BASF-Gruppe 2015 in Forschung und Entwicklung steckte, entfiel auf das Segment „Functional Materials & Solutions“, zu dem die intelligenten Kfz-Kunststoffe gehören. Mehr als zehn Milliarden Euro Umsatz erzielte BASF 2015 mit Kunden aus der Automobilindustrie – das entspricht rund 14 Prozent des Gesamtumsatzes. BASF-Chef Kurt Bock ist sicher, dass das Geld dort gut angelegt ist: „BASF weiß mehr über Autos als irgendein anderes Chemieunternehmen.“ Und Bayer, das sich mit dem US-Konzern Monsanto gerade den größten Saatguthersteller der Welt einverleibt, kann sich auf die Expertise seiner F+E-Sparte bei Pharmazeutika verlassen.

Dem Vorbild der Großkonzerne folgend, geben auch Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten wieder mehr Geld für eigene F+E-Projekte aus – allein 2015 rund 16 Prozent mehr als im Vorjahr. „Nach Jahren der Stagnation“, freut sich Bundesforschungsministerin Johanna Wanka, „investieren kleine und mittlere Unternehmen wieder stärker in eigene Forschung.“