Die Kunst des Scheiterns

Regelmäßige „Fuck Up Nights“ gehören bereits in 50 Ländern zur schnelllebigen global-digitalen Businesswelt. Sie sind Ausdruck einer neuen Fehlerkultur und zeigen: Ohne Fehler gibt es keinen Erfolg. Von Frank Siering

Ein Tippfehler kostet selten 10.000 Dollar. Doch für Brandon Hall, Mitbegründer von „One Hope Wine“, wurde er zur teuren Erfahrung. Als der amerikanische Geschäftsmann die Labels für die Flaschen seiner neuen Weinkollektion begutachtete, wusste er nicht, ob er weinen oder lachen sollte. „Statt ‚Chardonnay‘ stand da in dicken Buchstaben ‚Chardannay‘ auf den Labels“, erzählt Hall den 150 neugierigen Zuhörern in einem Konferenzsaal im New Yorker Essex House. „Dumm gelaufen“, bemerkt Hall mit einem Schulterzucken. Die Gäste, alles junge Unternehmer mit ähnlichen Erfahrungen im Gepäck, lachen und klatschen vor Begeisterung. Denn genau das ist Sinn und Zweck der ersten New Yorker „Fuck Up Night“.

Ihre Teilnehmer nennen sich „Fuckupreneurs“ oder „Business Screw-Ups“. Sie sind längst über den Globus verteilt und haben keine Lust mehr, sich zu verstecken. Im Gegenteil: Kaum eine Organisation in der amerikanischen Business-Welt wächst so schnell wie die „Fuck Up Nights“.

Doch was hat es damit auf sich? Warum steht dort am Podium ein Manager im besten Alter, die Krawatte locker gebunden, die Haare adrett zur Seite gescheitelt – und redet so freizügig über seine Fehler, seine geschäftlichen Niederlagen? Und warum lacht Hall über einen Fauxpas, der ihn 10.000 Dollar gekostet hat? „Natürlich ist es eigentlich zum Heulen, zumal ich das Geld nicht hatte, aber was soll ich denn sonst machen. Ich kann das nur wegstecken und nach vorne schauen. Beim nächsten Mal passiert mir so etwas nicht mehr“, sagt Hall mit einem Grinsen im Gesicht.

Typisch amerikanisch? Zu locker, zu unbefangen, zu sorglos und nicht auf die realen Konsequenzen bedacht? „Vielleicht“, sagt Leticia Gasca, Mitbegründerin der „Fuck Up Night“-Organisation, die mittlerweile in 50 Ländern und auf fünf Kontinenten zu finden ist und längst genauso zur globalen Business-Kultur zählt wie Google, Amazon oder Facebook. „Doch hinter unserer Organisation steckt auch ein sehr konstruktiver Versuch, die Kunst des Scheiterns zu meistern. Wir umarmen die Fehlerkultur, die in fast jedem Unternehmen, in jedem Start-up zu finden ist, wir verstoßen sie nicht“, so Gasca weiter. „Denn ohne Fehler gibt es keinen Erfolg.“ Wichtiger als die Fehler seien ohnehin „die Lehren, die Unternehmer aus dem Umgang mit den kleinen oder großen Niederlagen ziehen“, ist Gasca überzeugt.

Angefangen hatten die „Fuck Up Nights“ mit ein paar Drinks unter fünf Freunden in Mexiko. „Wir saßen zusammen und erzählten unsere Geschichten. Schnell wurde klar, dass wir alle versucht hatten, ein Business zu starten, aber allesamt miserabel gescheitert waren“, erinnert sich Gasca. Doch niemand in der Runde hatte jemals von seinen Fehlern und seinen Niederlagen in einem öffentlichen Forum gesprochen. „Warum auch? Wer redet schon gerne über das Ende einer Beziehung, jeder will doch ein Sieger sein“, erklärt Gasca.

Nach weiteren Drinks und Diskussionen war die Idee der „Fuck Up Nights“ geboren. „Wir luden weitere Freunde – allesamt Unternehmer – ein, um in einem geordneten Forum über Fehler, falsche Entscheidungen und Niederlagen zu sprechen. Wir hatten keine Ahnung, dass wir diejenigen sein würden, die die Fehlerkultur in Amerika cool machen würden“, erzählt Gasca.

Dabei überwiegen rein statistisch die gescheiterten Start-ups sehr wohl im Vergleich zu den sogenannten „Success-Stories“, auch und ganz besonders in den USA. Das hat sich bis heute nicht geändert. Eine Studie von Sikhar Gosh von der Harvard School of Business beziffert die Quote der gescheiterten Start-ups auf rund 75 Prozent. In anderen Studien rangieren die Gescheiterten zwischen 30 und 90 Prozent.

Die Spanne liegt oftmals so weit auseinander, weil „viele Jungunternehmer das Scheitern ihres Start-ups selbst nicht wahrhaben wollen“, so Steffan Bankier, Mitorganisator der „Fuck Up Nights“ in New York. Bankier weiter: „Unsere Meetings erwecken bis heute noch immer das Gefühl, als würde man ein Treffen der Anonymen Alkoholiker besuchen; erst nach den ersten zwei, drei Reden merken alle Anwesenden, dass sie sich hier unter Gleichgesinnten befinden und durchaus frei von der Leber plaudern können.“

Waren die „Fuck Up Nights“ vor drei Jahren noch relativ unbekannt, so haben sich die Veranstaltungen inzwischen echten Event-Status erreicht. Vom Silicon Valley über Dallas bis nach New York und Miami, selbst in Tokio, Dubai und Teheran sind die „Fuck Up Nights“ „the place to be“ für jeden Start-up-Manager dieser Tage.

Da werden DJs engagiert, Hotels ausgebucht, Caterer drängeln, um diese Veranstaltungen zu bewirten. Stand-up-Comedians unterhalten die Gäste. Die Institutionalisierung der „coolen Fehlerkultur“ in den USA schreitet weiter in großen Schritten voran. Längst haben sich Ableger gefunden, die dieselbe Thematik unter anderen Namen promoten. „FailCon“ etwa, eine Konferenz, die 2009 in Kalifornien entstanden ist. Mehr als zwölf Städte zelebrieren mittlerweile mehrmals im Jahr diese „Failure-Konferenzen“, die inzwischen so beliebt sind, dass die Gründer von „FailCon“ ernsthaft darüber nachdenken, die Konferenzen zu verkleinern und nur noch Gäste mit persönlichen Einladungen zuzulassen.

Ein weiterer Ableger ist das „Failure:Lab“, das ein Geschäftsmann aus Detroit in Michigan 2012 gründete. Jordan O’Neil hielt eine Rede vor 800 Zuhörern und gab darin zum Besten, wie er als Vater, Unternehmer und Ehemann versagte. Das Publikum war begeistert, zumal O’Neil eigentlich einen Vortrag über Industriedesign halten sollte. „Nach dem Vortrag kamen unzählige Leute aus dem Publikum auf mich zu und bedankten sich bei mir für meine Ehrlichkeit. In dem Moment merkte ich, dass wir in der Business-Welt von heute nicht genug über unsere eigenen kleinen oder großen Niederlagen sprechen“, erinnert sich O’Neil. „Failure:Lab“-Mitbegründer Jonathan Williams fügt hinzu: ,,Es ist wichtig, das Stigma, das Niederlagen umschwirrt, zu zerstören. Gleichzeitig bedeutet das aber nicht, dass wir die Fehlerkultur glorifizieren müssen.“ Nicht verherrlicht, sondern konstruktiv eingesetzt werden Fehler auch in den regelmäßigen Failure-Reports der kanadischen Organisation „Ingenieure ohne Grenzen“, in denen die Mitglieder über ihre Fehler schreiben und gleichzeitig darstellen, was sie daraus gelernt haben.

Im Vergleich zu Deutschland scheinen sich scheiternde Manager in den USA keineswegs hinter ihren Niederlagen zu verstecken oder anderen die Schuld in die Schuhe schieben zu wollen. Manager wie der legendäre General-Motors-Forschungschef Charles Kettering, der – so sagte er selbst – im Laufe seines Lebens zwar „gut und gerne 300 Erfindungen zum Patent angemeldet hat“, aber in „99,9 Prozent der Fälle falsch lag“. Oder der langjährige IBM-Chef Thomas Watson, der einst sagte: „Der schnellste Weg zum Erfolg ist es, die Fehlerrate zu verdoppeln.“ Sicher, beide Top-Manager haben unglaubliche Karrieren hingelegt. „Dann ist es immer etwas einfacher, die kleinen Niederlagen und Rückschläge auf dem Weg nach ganz oben mit einer gewissen Gelassenheit zu erwähnen“, kommentiert Gasca diese Haltung. Dennoch: Allein die Tatsache, dass solch scheinbar unfehlbare Top-Manager „so cool sind und ganz locker über ihre Niederlagen sprechen, ist sehr typisch für die amerikanische Unternehmenskultur.“

Die deutsche Unternehmenskultur – auch hier haben erste „Fuck Up“-Veranstaltungen schon Fuß gefasst – ist immer noch eine andere. 40 Prozent aller Unternehmer wünschen sich zwar, dass Fehler im Betrieb offen angesprochen werden, ohne dass gleich mit dem großen Hammer geschwungen und ein Schuldiger für den Fehler entlarvt werden muss. Doch die Betonung liegt auf „wünschen sich“.

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen ist zwar für eine zweite Chance gescheiterter Unternehmer. „Die grundsätzlich vorherrschende Risikoaversion verhindert jedoch eine tolerantere Einstellung zum Scheitern“, so das Ergebnis der Studie „Gute Fehler, schlechte Fehler“ der Universität Hohenheim. Nachholbedarf in Sachen Fehlerkultur bescheinigt Unternehmen auch eine aktuelle Umfrage der Talent- und Karriereberatung von Rundstedt unter Beschäftigten: Ein Viertel der Befragten erlebt, dass ihr Vorgesetzter die Schuld für eigene Fehler auf andere Mitarbeiter schiebt.

Ebenfalls 25 Prozent sagen, dass bei Fehlern nicht nach der eigentlichen Ursache gesucht wird, sondern nach einem „Sündenbock“. Zudem hat jeder Fünfte den Eindruck, dass ihnen ihr Vorgesetzter bestimmte Aufgaben nicht mehr zuteilt, wenn sie in der Vergangenheit Fehler gemacht haben.

„In Deutschland haben wir immer noch diese Kultur, die Fehler bestraft und das fehlerfreie Arbeiten belohnt“, bemängelt Joachim Müller, Geschäftsführer des Innovationszentrums von PwC Deutschland. „Für Unternehmen ist es enorm wichtig, sich mit dem Thema Fehlerkultur konstruktiv auseinanderzusetzen. Auch weil es darum geht, nicht nur Fehler aufzuzeigen, sondern zu lernen, wie man diese vermeiden kann.“ Die „Fuck Up Nights“ sieht er als wichtigen Beitrag, den in Deutschland oft noch vorherrschenden Umgang mit Fehlern konstruktiv zu verändern. „Wir müssen lernen, dass es okay ist, Fehler zu machen. Der spielerische Umgang mit dieser Thematik bei den ‚Fuck Up Nights‘ ist ein innovativer und sehr konstruktiver Ansatz.“

In Deutschland stehe aber leider noch zu oft die sogenannte ,,Prangerkultur“ im Vordergrund. „Diese Mentalität, dass Deutsche keine Fehler machen, die vor allem im Ingenieurwesen noch heute dominant ist, spielt da wohl auch mit rein. Der US-Ansatz ist da eher experimentell. Die fangen erst einmal an und ‚fixen‘ die Fehler dann auf dem Weg. Der deutsche Unternehmer plant alles im Vorfeld genau im Detail durch und legt dann erst los“, sagt Müller.