Wenn Simon Rattle, der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, vor sein Ensemble tritt und ein komplexes Werk von Mahler, Schubert oder Beethoven einspielt, dann vollbringt er ein wahres Wunder. Er hat die komplette Partitur im Kopf, hört alle Töne oder Misstöne der einzelnen Instrumente und verleiht jedem Stück eine eigene unverwechselbare Interpretation.

Klassik-Liebhaber erahnen die Fülle an Anforderungen und deren Bewältigung. Laien stehen vor einem Rätsel, wie so etwas nahezu Übermenschliches zu leisten ist. „Fragen Sie mich nicht, wie das genau geht“, sagt selbst der Intendant der Berliner Philharmoniker, Martin Hoffmann. „Aber hier kommen grandiose Musikalität, unglaubliches Know-how und eine natürliche Autorität in einer einzelnen Person zusammen.“

Und dabei wirkt der Mann keinesfalls gestresst. Im Gegenteil. Mit geradezu kindlicher Freude, mal ekstatisch, mal spielerisch, führt Rattle sein Orchester in die höchsten Sphären des Klangs.

Können andere davon lernen? Wissenschaftler sagen: Ja.

Die Medizinerin und Psychologin Friederike Janofske weiß, wie man Menschen auf einen Weg zu persönlichen Spitzenleistungen führt. Die langjährige Mentaltrainerin deutscher Schwimmstars wie Franziska van Almsick oder Britta Steffen setzt in der Arbeit mit ihren Klienten auf den richtigen Mix aus Training, Disziplin, Schlaf und Erholung. „Übermotivation ist der Leistungskiller schlechthin“, sagt Janofske. „Der optimale Zustand für eine sehr gute Performance – ob im Sport oder im Berufsleben – ist ein mittleres Erregungsniveau der neuronalen Gehirnaktivität.“ Im Elektroenzephalogramm (EEG) misst man hier eine Frequenz im Bereich von etwas über zwölf Hertz. Rechte und linke Gehirnhälfte arbeiten optimal zusammen, Muskel- und Nervensystem sind stark leistungsfähig, die Aufmerksamkeit ist fokussiert, die Motivation hoch.

In diesem Zustand schüttet der Körper den richtigen Cocktail an antriebssteigernden Hormonen aus. Der Mensch fühlt sich im Flow, einem euphorisierenden Glückszustand. Allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung: Es funktioniert nur, wenn diese Phase des mittleren Erregungsniveaus nicht überstrapaziert wird. Aktivierungs- und Regenerierungsphasen müssen einander also abwechseln. „Bei einer zeitweisen oder gar dauerhaften Übererregung kommen zu viel Adrenalin oder Dopamin ins Spiel“, erläutert Janofske. „Die Folgen sind Angst, Zittern, Lampenfieber und andere Symptome, über einen längeren Zeitraum dann Burn-out, chronische Entzündungen oder andere Krankheiten.“

Die Mentaltrainerin berichtet davon, wie die Schwimmerin Franziska van Almsick zu Beginn ihrer Zusammenarbeit der Überzeugung war, ihr müsse vor dem Start speiübel werden und sie könne nur in Verzweiflung schnell schwimmen. Diese Übermotivation war der Grund für überraschende Niederlagen, die van Almsick bei wichtigen Wettkämpfen wie den Olympischen Spielen von Sydney 2000 einsteckte. Erst mit dem Gefühl innerer Ruhe und Kraft stabilisierten sich ihre Leistungen und sie holte bei den Europameisterschaften zwei Jahren später fünf Goldmedaillen. Das Comeback war gelungen.

In ihren Seminaren versucht Janofske, auch Führungskräften aus der Wirtschaft dieses Zusammenwirken von Hirnwellenaktivität und Hormonausschüttung nahezubringen. Wer im Beruf eine Spitzenleistung abrufen will, kann nicht zehn Stunden am Tag aufs Gaspedal drücken, ohne auszubrennen. Körper und Geist brauchen Abwechslung – am besten in Zwei-Stunden-Zyklen. In diesem Biorhythmus gleitet der gesunde Mensch von Aktivierungsphasen mit hoher Hirnwellenaktivität in Regenerationsphasen mit geringer Hirnwellenaktivität. In den Umschaltphasen fängt man an zu gähnen – sicheres Zeichen für den Wechsel in einen anderen Betriebszustand.

Erfolgreiche Manager – und auch Politiker – haben diese Technik intuitiv gelernt. Sie nicken während einer endlosen Sitzung schon mal für wenige Minuten ein, wenn ihr Engagement nicht gefordert ist. Doch wenn es auf ihre Entscheidung oder ihren Wortbeitrag ankommt, sind sie mit einem Schlag wieder präsent. Dieses bewusste Um- und Einschalten von Aktivierung und Deaktivierung kann man lernen und sich angewöhnen.

Der Schweizer Mentaltrainer Urs Wyss rät dazu, sich an einer jagenden Katze zu orientieren. Ganz ruhig und entspannt sitzt sie auf der Lauer, geschmeidig und weich. Das Gehirn heruntergefahren auf Stand-by-Modus. Doch innerhalb von Sekundenbruchteilen schaltet sie auf Aktivierungsmodus um und schnappt sich ihre Beute. Burn-out bei Katzen ist daher auch ein unbekanntes Phänomen.

Auf diese Weise können zum Beispiel Eishockeytorhüter über die Distanz von zwei bis drei Stunden hochkonzentriert den rasend schnellen Puck abwehren. Sobald ihre eigene Mannschaft im Sturm ist, schalten sie in den Bereich der sogenannten Theta-Wellen (vier – sechs Hertz), Geist und Körper ruhen sich aus. Rollt ein Angriff auf das eigene Tor zu, switchen sie sich blitzschnell in den Bereich der Beta-Wellen (> zwölf Hertz) und sind hochkonzentriert.

Wyss und sein Team nennen ihr Mentaltraining Neurocoaching. Unter anderem setzen sie in ihrer Arbeit Videotechnik ein. Durch wiederkehrendes Einspielen von bestimmten Filmsequenzen sollen die Klienten lernen, die gewünschten Hirnwellenfrequenzen quasi auf Knopfdruck zu produzieren. „Dabei geht es nicht um ein Resultat wie einen guten Jahresabschluss oder eine Goldmedaille, sondern man muss mental das optimale Handeln verankern“, betont Wyss. Die größten Widerstände seien „nicht rationaler Art, sondern die dahinterliegenden Gefühle“, zu denen man Vertrauen aufbauen müsse. „Die Gefühle sind viel schneller als die Gedanken“, so Wyss. Durch das wiederkehrende Simulieren und positive Erleben bestimmter Situationen, wie Wettkämpfe oder Firmenmeetings, ließen sich die Gefühle entsprechend programmieren und somit zukünftige Situationen besser beherrschbar machen.

Auf diese Weise, durch bewusste Imagination von starken Symbolen, erschwamm auch Britta Steffen bei den olympischen Spielen von Peking 2008 Gold über 100 Meter Freistil. Auf der ersten Bahn hatte sie das Bild eines Delfins verankert, das Freude und Leichtigkeit vermittelt. Mit dieser Visualisierung sprang Steffen elegant ins Wasser und glitt locker bis zur Wende. Für den Spurt jedoch entschied sie sich für ein anderes Motivationsmotiv. Zunächst das Bild „Kugelblitz“ – und auf den letzten Metern „Haiangriff“. Steffens Hirn schaltete um auf Beta-Frequenzen und schüttete Dopamin satt aus. So wurden die mentalen und körperlichen Ressourcen auf den letzten Metern zum Olympiasieg optimal genutzt.

Solche Ausnahmesituationen sind natürlich nicht eins zu eins auf den normalen Berufsalltag übertragbar. „Sportler können sich komplett auf ein einziges Ziel fokussieren“, sagt der Unternehmensberater und Autor Peter Wollsching-Strobel, „Manager haben es mit viel komplexeren Themen und noch dazu in viel kürzeren Takten zu tun.“ Außerdem stehen Menschen im Berufsleben weder ein Physiotherapeut noch ein Stratege, ein Fitnesstrainer oder ein Mentalcoach mit einem ausgeklügelten Übungsplan zur Seite. „Daher haben es Spitzenkräfte aus der Wirtschaft gelernt, sich diese Unterstützung entweder innerhalb des Unternehmens oder durch externe Beratung selbst zu organisieren“, hat Wollsching-Strobel beobachtet.

Wer im Beruf Spitzenleistungen erbringen und jederzeit abrufen will, kommt nicht darum herum, auf die Signale von Körper und Geist zu hören. In ihrer langjährigen Berufspraxis hat die Berliner Psychologin Janofske schon Dutzende von Managern erlebt, die sich auf ihrem Karriereweg übernommen und ausgelaugt haben. Daher lautet ihr Mantra. „Das Einhalten des Biorhythmus mit über den Tag verteilten Phasen von An- und Entspannung ist der Garant für Spitzenleistungen auf Abruf und auch auf die lange Distanz.“