Franz Koch war einer der ersten. Vor fünf Jahren, im Oktober 2011, stellte sich der frisch gekürte Vorstandschef von Puma der Münchner Wirtschaftspresse. Jeans, Sakko, weißes Hemd, zwei Knöpfe offen, so inszenierte sich der damals 32 Jahre junge CEO des Sportartikelkonzerns. „Seht her, ich brauche keinen Kompetenzverstärker“, schien er damit zu sagen.

Schließlich musste er sich von seinem viel bewunderten Vorgänger Jochen Zeitz abgrenzen. Außerdem wollte Koch nicht weniger als „die begehrteste Sport-Lifestyle-Firma der Welt“ kreieren. Das durfte der Manager dann zwar nur 20 Monate versuchen – er wurde schnell abgelöst und bald vergessen. Aber das blütenweiße Hemd ohne Krawatte, das blieb in Erinnerung.

Inzwischen verraten immer mehr deutsche Manager das bürgerliche Ideal von Schlips und Kragen und treten auf als „guys without ties“. Und zwar nicht mehr nur vereinzelt, in Mode-, Kunst- oder Medienberufen, sondern quer durch die alte Deutschland AG und selbst vor großem Publikum.

Daimler-Chef Dieter Zetsche bestritt die Hauptversammlung im April ohne Krawatte. Siemens-Frontmann Joe Kaeser und Allianz-Boss Oliver Bäte führen ihre eher konservativen Häuser immer öfter im offenen Hemd. Conti-Chef Elmar Degenhardt absolviert inzwischen die Bilanzpressekonferenz ohne Binder, um mehr Nahbarkeit zu demonstrieren, gerade an die Adresse junger Mitarbeiter. Bosch-Lenker Volkmar Denner hat im vergangenen Jahr ganz offiziell die Krawattenpflicht für alle Mitarbeiter abgeschafft. Auf Messen und Kongressen sind die Podien voll mit Nicht-Krawattenträgern. Selbst auf elegante Partys und Empfänge kommen die hohen Herren heute „smart casual“, was so viel heißt wie oben ohne.

Warum tun sie das? Hat die Krawatte als Kleidungsstück bald komplett ausgedient? Neue Regeln, die beschreiben, wann sie in der Business-Welt nach wie vor zu tragen sei und wann keinesfalls, sucht man vergebens. Der Knigge ist da auch keine Hilfe: „Das klassische Business Outfit für den Herrn besteht aus Anzug mit Krawatte“, heißt es dort noch ganz oldfashioned. Auf den Firmen-Fluren herrscht dagegen der Gruppenzwang. Bestenfalls bleibt es dem Einzelnen überlassen, welche Botschaft er gerade zu senden bereit ist.

Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis, der griechische Regierungschef und sein früherer Finanzminister, gelten als Paradebeispiel auf diesem Gebiet. Mit ihrem bewusst respektlosen, ja teilweise geradezu flegelhaften Auftreten (natürlich ohne Krawatte) führten sie in der Euro-Krise das Brüsseler Establishment vor, setzten einen gut inszenierten Kontrapunkt zu den Eurokraten. Das offene Hemd (bei Varoufakis überdies in Schwarz) wies sie aus als Vertreter einer neuen Zeit, die nicht bereit sind, sich an die Regeln alter Männer zu halten. Viele hassten sie für ihr freches Taktieren – und liebten sie wie Popstars.

Bosch-Chef Denner, selbst schon Ende 50, ist natürlich nicht so auf Krawall gebürstet. Er führt in Interviews gerne strategische Argumente an für die neue betriebsinterne Kleiderordnung: „Es geht um Freiräume, nicht nur gedankliche.“ Er will eine Start-up-Kultur à la Silicon Valley im Unternehmen verankern, und zwar auch in den klassischen Geschäftsbereichen. Das werde die Kraft von Bosch in Zukunft ausmachen. Immerhin fügt er milde hinzu, man solle jetzt auch nicht ins Gegenteil verfallen und glauben, dass Krawattenträger per se von gestern seien: „Das sind nur Äußerlichkeiten.“

Aber offenbar äußerst wichtige. Wissenschaftler beschäftigen sich damit und beobachten einen Paradigmenwechsel in der Arbeitswelt. „Technologien und Berufe ändern sich heute sehr schnell, schon morgen mag es sie nicht mehr geben“, sagt der Kommunikationspsychologe Carlo Michael Sommer, Professor an der Universität Darmstadt: „Das heißt, ich kann nicht mehr alleine damit für mich werben, was ich einmal konkret gemacht habe. Wichtiger ist, was ich grundsätzlich könnte, also meine Kompetenz und meine ganze Persönlichkeit. Damit stehe ich unter dem Druck, diese früher private Seite im Beruf zu präsentieren, und das nicht zuletzt über die äußere Erscheinung.“

Offenbar geht es aber nicht nur um eine Botschaft nach außen. Der Manager ohne „Kulturstrick“ soll sich auch inwendig anders fühlen. Diesen Selbstversuch hat bekanntlich 2012 der ehemalige Bild-Chef Kai Diekmann unternommen, der nicht nur ein Jahr in Kalifornien verbrachte, um Fühlung mit dem digitalen Zeitalter aufzunehmen, sondern dazu auch die jugendliche Verkleidung mit Hoody und Bartwuchs für nötig hielt.

Dafür erntete er Respekt, aber auch Häme. Natürlich kriegt man nicht automatisch gute Ideen, erfindet gar bahnbrechend neue Geschäftsmodelle, wenn man die Krawatte ablegt und das Rasieren einstellt. Und ist es nicht überdies eine kulturelle Errungenschaft Europas, die mit der Halsbinde flöten geht, der letzte Rest von Eleganz und Stil, von guter Sitte und Respekt, von Weltläufigkeit und erwachsener Männlichkeit? An dieser Stelle wird immer gerne der Romancier Honoré de Balzac zitiert: „La cravate, c’est l’homme.“

Alfons Kaiser, Mode-Experte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, fehlt es schmerzlich, „dieses überflüssige Anhängsel aus Seide, das Männer mal nutzten, um sich mit einer kleinen Erinnerung an höfische Zeiten zu schmücken“. In einem Kommentar beklagt er den Verlust dieses letzten Restes an Individualität: „Die Uniform hoch zwei, nämlich der Anzug ohne Krawatte, ist der letzte Versuch des Mannes, dem Weibischen zu entsagen. Er entsagt also allem, bis zur Unkenntlichkeit, die alles kenntlich macht: zum Beispiel die Angst, anders zu sein.“

Barbara Vinken, Literatur-Professorin in München und Autorin des Buches „Angezogen“, hat das noch genauer und historisch betrachtet. Schließlich war es vor der Französischen Revolution vor allem der Mann, der die Absätze trug, Bein zeigte und sich mit Spitzen schmückte. Mit dem Eintritt des Mannes in die Moderne sei sein Körper aufgehoben worden, eingeschmolzen in Korporation, sagt Vinken. Die Kleidung uniformiere die Leistungsträger zu einem Kollektivkörper, einer Körperschaft.

Die Krawatte als „aristokratischen Rest mit phallischem Bezug“ will sie dennoch nicht verteidigen, hat sie diese doch stets als allzu steif empfunden. Lieber sähe sie an den Herren in den Chefetagen flotter geschnittene Anzüge, körperbetont, auf Taille, aus farbigen oder gemusterten Stoffen, auf dass das Weibliche in ihnen wieder eine Chance kriege.

Mehr noch: Der klassische dunkle Anzug mit Krawatte hat für Vinken seine integrative Kraft verloren, er sei nicht mehr bürgerlich im besten Sinne, nicht mehr Transporteur des republikanischen Staatsgedankens, der Gleichheit vor dem Gesetz. Er stelle nur mehr die Uniform von Macht und Geld dar, unbeweglich, wie erstarrt, arrogant, abgehoben, sagt Vinken und stellt fest: „Wenn der Mächtige die Krawatte weglässt und die Ärmel hochkrempelt, dann signalisiert er: Ich arbeite wie Ihr.“