Manche Dinge erscheinen wie ein Traum. Oder ein Alptraum. Je nachdem, wie man es betrachtet. Im kalifornischen San Diego, an den Traumstränden des Pazifik gelegen, hat in einem schmucklosen Zweckbau das Start-up Tower Paddle Boards seinen Sitz. Es vertreibt via Internet Surfbretter zum Stehpaddeln. Nichts Besonderes, einer von Millionen Onlineshops im World Wide Web. Revolutionär ist dagegen, was hinter dem virtuellen Verkaufstresen geschieht.

Denn Gründer und CEO Stephan Aarstol wagte im Sommer 2015 ein spektakuläres Arbeitszeitmodell: den Fünf-Stunden-Tag bei fast doppeltem Lohn. „Erstens wollte ich meinen Mitarbeitern ihr Leben zurückgeben. Zweitens wollte ich sie für ihre Leistung besser bezahlen“, begründet er die Strategie. Und macht eine simple Rechnung auf: Vor der Umstellung erwirtschaftete jeder Angestellte 40.000 US-Dollar bei einem Stundenlohn von 20 Dollar. Durch die Umstellung stiegen der Pro-Kopf-Gewinn auf 48.000 Dollar und der Stundenlohn inzwischen auf 38,40 US-Dollar an. Eine klassische Win-Win-Situation.

Was als zeitlich befristetes Experiment begann, hat sich bewährt. Tower Paddle Boards steht auf Rang 1.121 der am schnellsten wachsenden US-Unternehmen. Jeden Tag um eins macht hier jeder seins. Allerdings hat die Sache einen Haken, stellt der Firmenchef unverblümt klar: „Jedes Teammitglied muss doppelt so produktiv sein wie ein normaler Angestellter. Jeder muss sich selbst überlegen, wie er die Arbeit von acht Stunden auch in fünf Stunden schaffen kann.“

Sieht so die Arbeit der Zukunft aus? Weniger, aber besser dotierte Arbeitsstunden, dafür extreme Verdichtung, optimierte Produktivität, Effizienzsteigerung bis zum Anschlag? Keine Frage: Die zunehmende Digitalisierung und Internationalisierung der Wirtschaft führt dazu, dass das Verhältnis von Arbeits- und Lebenszeit neu austariert werden muss. Es scheint, als wären starre Arbeitszeitregeln und Anwesenheitspflichten in einer vorgegebenen Betriebsstätte gestrig, Flexibilisierungsmodelle jeder Art und Arbeit, losgelöst von Zeit und Raum, dagegen die perfekte Lösung für morgen und übermorgen. Ein Blick über die Grenzen herkömmlicher Arbeitszeitmodelle zeigt: Gefragt ist, was effektiv ist – und flexibel.

„Wir werden in der Arbeitswelt immer häufiger Konflikte erleben zwischen Unternehmen und ihren Beschäftigen auf der einen Seite und weiterhin notwendigen, oftmals aber sehr starren gesetzlichen Rahmen-
bedingungen auf der anderen Seite“, sagt Markus R. Neuhaus voraus, Präsident des Verwaltungsrates von PwC Schweiz. Neuhaus selbst und sein 3.000-köpfiges Team können davon ein eigenes Lied singen. Denn insbesondere am Finanzplatz Zürich mit seiner hohen Konzentration von international aufgestellten Dienstleistungsunternehmen tobt seit einem Jahr ein erbitterter Streit um die zulässige Höchstarbeitszeit und wie deren Einhaltung kontrolliert werden kann.

Seit 1966 muss jedes Schweizer Unternehmen die Arbeitszeiten der Mitarbeiter erfassen. Es gelten eine maximale Wochenarbeitszeit von 45 Stunden, das Verbot von Sonntagsarbeit und Ruhezeiten von mindestens elf Stunden von einem Arbeitstag zum anderen. Ähnlich ist es auch in Deutschland und in den meisten Staaten der Europäischen Union geregelt. Doch in der Schweiz passierte etwas Ungewöhnliches. Dort standen eines Tages bei Banken, Versicherungen, Medienunternehmen, Unternehmensberatungen und auch bei den Wirtschaftsprüfern Inspektoren im Büro. Sie verlangten die Aushändigung der Zeiterfassungsprotokolle aller Mitarbeiter und drohten mit Bußgeld.

„Wir haben schon 2003 damit angefangen, mehr Flexibilität in die Arbeitswelt unserer Mitarbeiter zu integrieren“, erläutert PwC-Verwaltungsrat Neuhaus. In Zürich wurde ein Bürogebäude errichtet, das genau auf die Bedürfnisse eines international aufgestellten Wirtschaftsprüfungs- und -beratungsunternehmens zugeschnitten ist. Mit Funktionsbereichen für virtuell vernetzte Teams, mit einem platz- und kostensparenden Open-Space-Konzept, mit ausdifferenzierten Arbeitsplätzen in Abhängigkeit von Anwesenheitszeiten – und eben auch mit einem spezifischen Arbeitszeitmodell. Es beruht auf dem Konzept der „Jahresarbeitszeit“.

Wirtschaftsprüfer sind insbesondere in der „busy season“ zwischen Oktober und April voll eingespannt, lange Wochenarbeitszeiten mit 60 Stunden oder mehr sind keine Seltenheit. Wenn die Testate für Kapitalgesellschaften Ende März vorliegen sollen, ist auch Arbeiten am Sonntag oder bis in den späten Abend kein Tabu. Doch das alles ist – nach strenger Auslegung der schweizerischen Gesetze – eigentlich verboten. Selbst dann, wenn die saisonale Mehrarbeit im Herbst/Winter durch mehr Freizeit im Frühling/Sommer ausgeglichen wird.

„Wir haben großes Vertrauen in die persönliche Autonomie unserer Mitarbeiter. Deshalb haben wir auf der Basis unseres Geschäftes ein flexibles Kompensationssystem entwickelt“, betont Markus R. Neuhaus. Und er stellt klar: „Unsere Mitarbeiter brauchen Energie. Sie müssen auftanken können. All das gewährleistet unser auf Gesundheit ausgelegtes Arbeitszeitkonzept. Demgegenüber ist das starre Schweizer Arbeitszeitgesetz mit seinen Kontrollmechanismen, dem wir uns aktuell unterwerfen müssen, ein Anachronismus.“

Der eidgenössische Streit macht deutlich, wie geltende Arbeitszeitregelungen an Grenzen stoßen, die ursprünglich Fabrikarbeiter am Fließband oder Verkaufspersonal im Einzelhandel vor Ausbeutung schützen sollten. Seitdem die Digitalisierung jedoch immer mehr Bereiche von Dienstleistung, Handel und nun auch Industrie erfasst, wird auch in Deutschland über den dringenden Optimierungsbedarf diskutiert.

„Es sollte zum Beispiel möglich sein, auch einmal über zehn Stunden hinaus zu arbeiten und den Ausgleich hierfür an anderen Tagen zu nehmen“, fordert etwa Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. Und selbst für Arbeitsministerin Andrea Nahles ist das Aufweichen von starren Arbeitszeitvorgaben denkbar. Sie verlangt ihrerseits von den Arbeitgebern ein Umdenken. „Wenn Unternehmen Flexibilität einfordern, müssen sie diese auch möglich machen und von der reinen Anwesenheits-Kultur hin zu mehr Home-Office und anderen flexiblen Möglichkeiten kommen“, fordert die Sozialdemokratin. Die genauen Vorstellungen ihres Ministeriums hat sie jetzt im „Weißbuch Arbeiten 4.0“ zu Papier bringen lassen.

In puncto Flexibilität stand dabei der amerikanische Software-Konzern Microsoft Modell. Schon seit drei Jahren können die 2.700 Mitarbeiter in Deutschland selbst bestimmen, ob sie zu Hause oder im Büro arbeiten wollen. Mit Vertrauensarbeitszeit, Home-Office und Wahl des Arbeitsortes will das Unternehmen der „Lebenswirklichkeit“ seiner Mitarbeiter entgegenkommen. „90 Prozent unserer Mitarbeiter nutzen die Möglichkeit, flexibel zu arbeiten, und sind nicht täglich im Büro“, zieht Personalchef Markus Köhler Bilanz. „Wir ermöglichen dadurch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und geben unseren Mitarbeitern individuellen Gestaltungsspielraum. Das hat unmittelbar positive Auswirkungen auf Motivation und Leistungsfähigkeit.“

Beispiele aus anderen EU-Staaten zeigen auf, wohin es führt, wenn mehr Flexibilität gewagt wird. In den Niederlanden hat das Parlament vor einem Jahr einen Rechtsanspruch auf Heimarbeit eingeführt. Schon heute arbeiten bei unseren Nachbarn 30 Prozent der Arbeitnehmer von zu Hause aus. In Deutschland liegt der Anteil von Homeworkern gerade mal bei zwölf Prozent.

In den Niederlanden darf nunmehr jeder Arbeitnehmer einmal jährlich bei seinem Chef das Home-Office beantragen. Außerdem kann er eine Kürzung oder Verlängerung der Gesamtarbeitszeit sowie einen flexiblen Arbeitsbeginn verlangen. Wer statt von 8 bis 12 gerne von 10 bis 14 Uhr arbeiten möchte, kann sich auf das neue Gesetz berufen. Allerdings haben die Unternehmen eine Art „Vetorecht“, wenn die Flexibilität betrieblichen Interessen – Sicherheitsbedenken, organisatorische Gründe, Wettbewerbsnachteile – entgegensteht.

In Frankreich, wo die 35-Stunden-Woche noch immer eine heilige Kuh darstellt, setzte die Regierung trotz Demonstrationen und Protesten in diesem Jahr eine Arbeitsmarktreform durch. Sie sieht unter anderem vor, dass die maximale tägliche Arbeitszeit von bisher maximal zehn auf zwölf Stunden verlängert werden kann. Außerdem sollen Unternehmen die Möglichkeiten erhalten, Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen am anfallenden Arbeitsvolumen auszurichten. Das alles natürlich à la française in enger Abstimmung mit Betriebsräten und Gewerkschaften.

Selbst in Italien, europaweit Schlusslicht bei Kinderbetreuung und gemeinsamer Elternzeit, tut sich Einiges. Großunternehmen wie Barilla und Unicredit haben schon vor einigen Jahren „Smart Working“ eingeführt. Andere zogen nach. „2015 haben 17 Prozent der italienischen Unternehmen Smart-Working-Projekte aufgelegt, fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor“, stellte die Technische Universität Mailand fest, die diese Modelle wissenschaftlich begleitet.

Doch am liebsten schauen Arbeitsmarktforscher nach Skandinavien. Dort hält Norwegen seit vielen Jahren die Spitzenposition, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Immerhin einer der zentralen Faktoren, um insbesondere bei Fachkräften eine dauerhaft hohe Motivation und Leistungsbereitschaft zu erhalten. Aber auch in Schweden lohnt der Blick über den Firmenzaun. Bereits vor 13 Jahren führte das Toyota-Werk in Göteborg den Sechs-Stunden-Arbeitstag ein. Weitere private und öffentliche Unternehmen zogen nach, mehrere Modellprojekte wurden von der Mitte-links-Stadtregierung initiiert. Die Ergebnisse sind durchwachsen. Einer höheren Zufriedenheit der Mitarbeiter stehen höhere Kosten gegenüber, denn trotz geringerer Arbeitszeit blieben die Gehälter gleich.

Die Arbeitszeiten einfach zu reduzieren, ohne Ausgleich bei den Kosten oder Steigerung der Produktivität, scheint auf Dauer kein zielführender Weg zu sein. Das sieht man auch bei der Daimler AG in Stuttgart so. Dort wird seit einiger Zeit heftig über flexiblere Arbeitszeitmodelle diskutiert – unter anderem über eine sogenannte Lebensarbeitszeit. Zaghaft lässt sich selbst der Betriebsrat auf neue Gedanken ein. „Wir sind kulturell in einem Umbruch“, sagt Betriebsratsvorsitzender Michael Brecht. „Bisher gibt es bei uns eine starke Gremienkultur, die Präsenz fordert. Aber muss man bei jedem Meeting physisch anwesend sein?“, fragt er. Selbst bei den gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten hält Brecht Ausnahmen für möglich, sie müsse „vielleicht nicht bei allen Tätigkeiten elf Stunden betragen“.

Während in Deutschland ein Umdenken in Sachen Arbeitszeit erst beginnt, bestätigen Forschungsergebnisse der Universität Melbourne, dass Stephan Aarstol mit seinem 5-Stunden-Projekt möglicherweise auf dem richtigen Weg ist. Die im Februar 2016 veröffentlichte Studie benennt 25 Stunden als optimale Wochenarbeitszeit für Erwerbstätige über 40 Jahre. „Arbeit kann die Gehirnaktivität stimulieren, aber gleichzeitig können lange Arbeitszeiten und bestimmte Aufgaben Ermüdung und Stress auslösen, die kognitive Funktionen schädigen können“, so die Bilanz des australischen Forscherteams. „Die Ergebnisse legen nahe, dass ältere Menschen ihre kognitiven Fähigkeiten erhalten, wenn sie Teilzeit arbeiten – mit 20 bis 30 Stunden pro Woche.“