Act like a start-up – deliver like a grown-up

In einer Zukunft der Mobilität, in der Automobile emissionsfrei unterwegs sein werden, mit der Außenwelt verbunden sind und autonom fahren können, wird es maßgeblich auf die Haltung des Unternehmens als Unterscheidungsmerkmal ankommen.
Von Klaus Fröhlich

Fakt ist: Die Automobilindustrie wird sich in den nächsten fünf Jahren stärker verändern als in den letzten 30 Jahren. Der technologische Umbruch der individuellen Mobilität wird bestimmt durch zwei zentrale Parameter: nachhaltige Antriebe und Digitalisierung.

Dieser Wandel stellt die tradierten Automobilhersteller vor große Herausforderungen:

  • Elektrifizierte Antriebe und vernetzte Fahrzeuge erlauben neuen Wettbewerbern den Markteintritt.
  • Ein gravierender Kompetenzumbau von der Hard- zur Software und neue Prozesse in Richtung deutlich beschleunigter (Arbeits-)Abläufe sind erforderlich.
  • Hohe Einmalaufwände und Kosten für die neuen Technologien bei gleichzeitig begrenzter Zahlungsbereitschaft der Kunden wirken sich auf die Ertragskraft aus.
  • Im Gegensatz zum heute vorherrschenden Business-to-Business-Geschäft ist zukünftig das beste Kundenverständnis erfolgskritisch.

Das Management dieses Wandels ist eine enorme Aufgabe für alle Beteiligten. Es geht aber vor allem um Chancen. Um diese ergreifen zu können, benötigen wir eine Balance zwischen neuem Denken und operativer Exzellenz in unserem Kerngeschäft. Im Forschungs- und Entwicklungsressort der BMW Group nennen wir dieses Vorgehen: „Act like a start-up – deliver like a grown-up.“

„Start-up“ waren wir zum Beispiel bereits im Jahr 2007. Damals starteten wir das „project i“. Project i und aktuell die Marke BMW i sind die Speerspitze der BMW Group für nachhaltige und innovative Mobilitätskonzepte. Das langfristige Ziel ist die Weiterentwicklung des gesamten Unternehmens durch neue Denkanstöße und konkrete Projekte in den Bereichen Entwicklung, Produktion und Vertrieb. Eines dieser Projekte ist unser aktuelles „Schnellboot“ für das Thema „Voll-Autonomes-Fahren“, das wir dieses Jahr aufgesetzt haben. Eine Organisation, die diese technische Befähigung in diesem Zukunftsfeld in wenigen Jahren auf die Beine stellen soll.

Denkanstöße sind aber für unsere Industrie auch notwendig, wenn es um neue Vertriebsansätze und neue Mobilitätsangebote geht. So lernen wir zum Beispiel von unseren BMW i Kunden ihre Bedürfnisse noch besser zu verstehen, neue Wege der Ansprache und wie wir sie mit individuellen Mobilitätsangeboten bedienen können.

„Grown-up“ ist beispielsweise das, was wir in unserem Masterplan bei der Elektrifizierung der Antriebsstränge vorgelegt haben und jetzt konsequent umsetzen. Mit BMW i haben wir uns eine hohe Kompetenz für jedes Detail der E-Maschinen und der Leistungselektronik erarbeitet. Dabei haben wir bereits im Rahmen von „Efficient Dynamics“ hohe Vorleistungen für die Industrialisierung der auch langfristig nebeneinander bestehenden Antriebstechnologien Verbrennungsmotor, elektrischer Antrieb und Brennstoffzelle erbracht. Das Produktangebot von BMW i und BMW iPerformance wird Ende 2016 bereits sieben elektrifizierte oder vollelektrische Fahrzeuge umfassen. Die Architekturen der Fahrzeuge der BMW Group sind schon heute für weitere Roll-Outs mit kurzen Vorlaufzeiten ausgelegt, sollte die Nachfrage weiter steigen. Die aktuell dritte Generation von BMW Elektroantrieben ist bereits im Feld, die Entwicklung der übernächsten Generation für 2020+ haben wir gestartet.

In Zukunft wird sich die Begehrlichkeit von Fahrzeugen aber noch über eine weitere Dimension definieren: Die passgenaue – also „seamless“ – Integration in das Lebensumfeld der Kunden. Diese muss intelligent sein, Wünsche verstehen und vor allem das Leben wirklich erleichtern. Individuelle Mobilität wird in Zukunft zu einem völlig neuen Erlebnis. Bei uns werden Autofahrer künftig ganz nach Situation entscheiden: selbst fahren – in einem passgenau auf die eigenen Bedürfnisse ausgerichteten Fahrzeug – wir nennen es „Boost“. Oder personalisiertes automatisiertes Fahren mit all seinen Vorzügen von Entspannung bis Unterhaltung – wir nennen es „Ease“.

Bei BMW haben wir bereits 2002 das erste vernetzte Fahrzeug in Serie gebracht, haben bis jetzt 8,5 Millionen mit unserem Backend verbundene Fahrzeuge ausgeliefert und seit 2016 ist jeder BMW mit einer eingebauten SIM-Karte ausgestattet. Diese Fortschritte garantieren noch keine Sicherheit für den zukünftigen Erfolg. Wir sehen, dass in der Automobilindustrie vor allem die kundenwertige „seamless connectivity“ branchenfremden Firmen – besonders aus USA und China mit zum Teil über einer Milliarde Nutzern – einen Marktzugang eröffnet. Über den direkten Zugriff auf den Kunden können diese ihre datenbasierten Geschäftsmodelle ausbauen und den Wertstrom von unserer asset- und beschäftigungsreichen Industrie aus Europa ableiten. Als einzelner Hersteller allein werden wir diese Herausforderung aber nicht meistern können. Die Zukunft der Automobilbranche hängt von den Rahmenbedingungen ab, aber vor allem auch von unserem Kooperationswillen.

Dies erfordert von uns allen Flexibilität. Flexibilität bedeutet für uns nicht alles selbst können zu müssen. Vielmehr heißt es für uns gezielte Kooperation mit Branchenführern einzugehen und mit diesen dann Schlüsselbereiche der Technologien von morgen zu entwickeln. So haben wir im ersten Schritt mit weiteren Premiumherstellern den weltweit größten Kartendienst HERE erworben. Im zweiten Schritt wollen wir mit Intel und Mobileye modernste Sensortechnologien für das Umfeldmodell und Informationsverarbeitungssysteme für die Intelligenz im Fahrzeug industrialisieren. Unser Beitrag ist dabei unter anderem die Motion Control, die Auslegung und Steuerung des Fahrzeugs über Antrieb, Fahrwerk, Bremsen und die gesamte Systemintegration. Unser gemeinsames Ziel ist es, mit diesen Technologien Industriestandards zu schaffen. Denn es ist klar, dass sich die Unternehmen, denen es gelingt technologische Standards zu schaffen, Wettbewerbsvorteile sichern.

Gerade in Zeiten großer Veränderung schafft eine starke Unternehmenskultur Identifikation und Loyalität. Sie ist Grundlage für die erfolgreiche Umsetzung einer Unternehmensstrategie. Bei der BMW Group hat bezüglich Kompetenzen und Prozessen der Umbau schon längst begonnen. In diesem Jahr haben wir die Transformation der „R&D Organisation“ von einer Maschinenbau- zu einer Tech-Ausrichtung eingeleitet. Diese Veränderung wird uns aber nur in einer besonderen Kultur gelingen. Zentral dabei sind für uns fünf Werte: Verantwortung, Wertschätzung, Transparenz, Vertrauen und Offenheit. Diese Werte prägen unsere Zusammenarbeit und unterstützen uns auf dem Weg. Wir sind überzeugt, dass wir so echten Wandel auch nach innen erreichen können und uns auch damit vom Wettbewerb weiter differenzieren. Denn ich bin mir sicher: Erst das Handeln und die Haltung dahinter werden den Unterschied machen und die Zukunft gewinnen.

Über den Autor Klaus Fröhlich ist seit Dezember 2014 Mitglied des Vorstands der BMW AG, verantwortlich für das Ressort Entwicklung. Der Maschinenbauingenieur ist seit 30 Jahren beim Automobilhersteller, wo er zahlreiche Führungspositionen in Forschungs- und Entwicklungsbereichen sowie in der Marken- und Produktstrategie inne hatte.