Nur ein Narr verwechselt Preis und Wert“, besagt ein spanischer Reim. Wolfgang Ambros sang: „Nicht alles, was einen Wert hat, muss auch einen Preis haben.“ Der Preis hat gegenüber dem Wert einen unschlagbaren Vorteil: Er ist leicht messbar und vergleichbar. Der nicht zu überschätzende Nachteil: Durch diesen Vorteil kommt es häufig zur Verwechslung von Preis und Wert der Güter. Die Betreuung von Kindern oder Kranken, höchst wertvolle Leistungen, sind „wertlos“ oder minderwertig, wenn man ihren Preis betrachtet. Die Betreuung eines Hedge-Fonds hingegen ist derzeit die „wertvollste“ Leistung auf Erden: Bis zu fünf Milliarden Dollar sind damit in einem Jahr zu erzielen. Die Übersetzung von Nutzwerten in Tauschwerte (Preise) hat ihren Preis: Unsere Wahrnehmung verschiebt sich von dem, was zählt, zu dem, was messbar ist. Teil dieser Prioritätenverschiebung ist, dass wir wirtschaftlichen Erfolg an den Tauschwerten messen, die aber nur die Mittel sind, und nicht an den geschaffenen Nutzwerten: dem Ziel.

Welches ist das Ziel des Wirtschaftens? „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl“, besagt die bayerische Verfassung. Das Grundgesetz sieht vor, dass „Eigentum verpflichtet“ und „sein Gebrauch zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen“ soll. Die Verfassung Italiens will, dass „die öffentliche und private Wirtschaftstätigkeit nach dem Allgemeinwohl ausgerichtet werden“. Über die Rolle des Kapitals sagt die bayerische Verfassung, es sei „nicht Selbstzweck, sondern Mittel“.

Trotz dieser klaren Zielvorgaben wird Erfolg in der wirtschaftlichen Praxis auf allen Ebenen an den Mitteln gemessen. Der Erfolg einer Investition etwa wird an der Finanzrendite gemessen: Daran, ob mehr Mittel des Wirtschaftens zurückfließen, als „hineingegossen“ wurden. Doch sagt uns die Finanzrendite auch etwas darüber aus, wie human, sozial, ökologisch oder demokratiefördernd eine Investition ist? Ist es denkbar, dass eine Investition das finanzielle Kapital (die Mittel) mehrt, aber das ökologische Kapital, das soziale Kapital, das menschliche Kapital und das kulturelle Kapital verringert? Dass sie diese Gemeingüter von Vertrauen und sozialer Sicherheit über gelingende Beziehungen bis hin zu ökologischer Stabilität enteignet? Heute ist es problemlos möglich, dass eine Investition zur kollektiven Enteignung führt und dennoch als „erfolgreich“ gewertet wird, weil die Finanzrendite stimmt.

Derselbe Sachverhalt trifft auf Unternehmen zu: Gibt uns ein (hoher) Finanzgewinn, die hier führende Erfolgskennzahl, eine verlässliche Auskunft darüber, dass das Unternehmen sinnvolle Arbeitsplätze schafft, zu gerechter Verteilung, sozialem Zusammenhalt, intakter Umwelt und Demokratie beiträgt? Trifft Adam Smiths Hoffnung, dass die Verfolgung des Eigennutzes in der Wirtschaft am Ende des Tages zum Gemeinwohl führe, verlässlich zu, solange die Wirtschaftstreibenden ihren Erfolg primär an der Mittelakkumulation messen? Leider nein: Der individuelle betriebswirtschaftliche Erfolg von Firmen kann heute in klarem Widerspruch zum Ziel des Wirtschaftens stehen und sämtliche Verfassungswerte untergraben.

Auf der Ebene der Volkswirtschaft schließlich ist der vorherrschende Indikator das Bruttoinlandsprodukt, das gleich wie Finanzrendite und Finanzgewinn in Geldeinheiten, also Tauschwerten, gemessen wird, und nicht in Nutz- oder Zielwerten. Selbst ein wachsendes BIP kann mit steigender Arbeitslosigkeit, Ungleichheit, Umweltzerstörung, Aushöhlung der Demokratie und neuen Kriegen korrelieren.

Kurzum: BIP, Finanzgewinn und Finanzrendite messen am Ziel vorbei, sie messen nur die Mittel. Diese Ziel-Mittel-Verwechslung ließe sich durch eine Ergänzung der ökonomischen Erfolgsmessung beheben: durch die Entwicklung von Erfolgsindikatoren und -kennzahlen, die sich an den Werten orientieren und die Zielerreichung messen.

Die gute Nachricht: Auf der Makro- und Mesoebene ist bereits Bewegung zu beobachten und eine Umorientierung des ökonomischen Erfolgsverständnisses auf die eigentlichen Ziele und Werte hin. So hat die OECD den „Better Life Index“ entwickelt, die New Economics Foundation den „Happy Planet Index“ und der buddhistische Zwergstaat Bhutan misst das „Gross National Happiness“: Alle zwei Jahre werden 6000 Haushalte zu allen Aspekten von Lebensqualität befragt, von Gesundheit und Bildung über Zeitwohlstand bis zu politischer Partizipation. Auch in Deutschland wäre der Boden für eine Ablöse des BIP durch einen postmonetären Wohlstandsindikator fruchtbar: Einer Umfrage des Bundesumweltministeriums zufolge wünschen 67 Prozent der Deutschen, dass das Bruttonationalglück zum „obersten Ziel der Wirtschafts- und Sozialpolitik“ werden solle.

Noch mehr tut sich auf Unternehmensebene. Zum einen wurden in den vergangenen Jahrzehnten ein Dutzend nichtfinanzieller Berichtsstandards entwickelt, von der Global Reporting Initiative und dem Global Compact über die OECD-Richtlinien und ISO 26000 bis hin zum Deutschen Nachhaltigkeits-Kodex und der jüngst boomenden „Gemeinwohl-Bilanz“. War Corporate Social Responsibility bis vor Kurzem dem Reich der Freiwilligkeit zugeordnet, so hat der EU-Gesetzgeber im Dezember eine Richtlinie über nichtfinanzielle Berichterstattung beschlossen, die bis Ende 2016 in nationales Recht umgesetzt werden muss und ab 2017 für Großunternehmen „von öffentlichem Interesse“ gelten wird.

Sinnvoll wäre es, dass die „Nichtfinanzbilanz“ oder „Werte-Bilanz“ eine ähnliche Entwicklung durchläuft wie die Finanzbilanz: Zum einen könnten bestehende Standards nach gesetzlichen Kriterien wie partizipativem Entstehungsprozess, Messbarkeit, Vergleichbarkeit, externer Prüfung zu einem einheitlichen Normstandard integriert werden. Zum anderen könnten die Ergebnisse – gemessen zum Beispiel in Gemeinwohl-Punkten – an Rechtsfolgen geknüpft werden, wie zum Beispiel differenzierte Steuern, Zölle, Kreditkonditionen und Vorrang in der öffentlichen Beschaffung, um ethisches Wirtschaften zu belohnen. Das erscheint deshalb sinnvoll, weil heute Unternehmen, die Kosten um jeden Preis drücken, einen Wettbewerbsvorteil gegenüber ethischeren Unternehmen haben. Diese unethische Steuerungswirkung von Märkten könnte durch rechtliche Anreize für exzellente Gemeinwohl-Performer korrigiert werden. Dann würde Ethik zum Erfolg führen.

Auf der Ebene von Investitionen könnte ein verpflichtendes ethisches Kreditrating bewirken, dass nur noch solche Projekte finanziert werden, die – wie heute – finanziell rentabel sind und gleichzeitig die nichtfinanziellen Kapitalsorten wenigstens nicht mindern und enteignen. Gemeinwohlorientierte Banken und Börsen könnten hier eine Vorreiterrolle einnehmen, die Unternehmen ethisch bewerten und umso günstiger finanzieren, je verantwortungsvoller sie agieren. Ergebnis wäre eine ethische Marktwirtschaft, in der das Hauptaugenmerk aller Beteiligten auf den gesellschaftlichen Grundwerten liegt und Unternehmen endlich ihre volle Kreativität und Leistungsfähigkeit auf das Ziel des Wirtschaftens ausrichten können.

Christian Felber ist Buchautor, Lektor an der Wirtschafts-Uni Wien und zeitgenössischer Tänzer. Er initiierte die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung und das Projekt „Bank für Gemeinwohl“.