1 Der Wendepunkt war klein, höchstens fünf Zentimeter lang, mit einer scharfen Spitze, aus Draht und einem Kügelchen aus Glas dran, also eher ein Wendepünktchen. Doch was der schottische Moralphilosoph Adam Smith hier in den 1770er-Jahren zwischen seinen Fingern hielt, war revolutionär. Smith wusste, dass ein einzelner Arbeiter in einer Stecknadelfabrik bisher am Tag an die 20 Nadeln fertigen konnte, wenn er alle Arbeitsschritte, die zur Fertigung nötig waren, selbst ausführte. Durch Arbeitsteiligkeit, bei der sich jeder Arbeiter auf einige wenige, dafür wohlüberlegte und routinierte Arbeitsschritte konzentrierte, wurde der Output auf 4800 Nadeln am Tag erhöht. Mister Smith war begeistert.

Vielleicht hat er davon ebenso begeistert seinem Freund James Watt erzählt, der an der Entwicklung der regelbaren Dampfmaschine arbeitete? Oder Edmond Cartwright, der die Power Loom erfand, die erste automatische Webmaschine der Welt, die ab 1784 den Einsatz menschlicher Arbeitskraft in der Produktion wenigstens teilweise überflüssig machte. Das sind die drei Säulen – Arbeitsteiligkeit, regelbare Kraftmaschine und Automatisierung –, auf denen die industrielle Revolution beruht.

2 Diese Geschichte führt direkt zu uns, in das 21. Jahrhundert. Erstaunt müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die Fragen, die die Zeitgenossen Smiths bewegten, uns heute noch nicht kalt lassen. Schon zu Lebzeiten des Moralphilosophen zerstörten Arbeiter, die um ihre Existenz bangten, Webstühle in England. Im Jahr 1811 begannen in Wales die „Ludditenkämpfe“, die Vorboten der „Maschinenstürmerei“. Macht kaputt, was euch kaputt macht! Wir befinden uns inmitten einer folgenschweren Transformation von der alten, der Massenproduktion verpflichteten Industriegesellschaft in eine neue Wissensgesellschaft, deren Fokus auf geistigen, intellektuellen „Gütern“ und deren Individualisierung und Personalisierung liegt. In Deutschland nennt man das „Industrie 4.0“ – ein Schlagwort, das man sehr leicht missverstehen kann. Es legt nahe, dass wir es mit einem moderaten Versionswechsel zu tun haben. Aber das ist eine Untertreibung.

Die drei alten Säulen – Maschinenkraft, Arbeitsteiligkeit und Automation – haben sich ganz schön entwickelt. Was mit der Dampfmaschine anfing, setzt heute der Computer in all seinen Formen fort, die programmierbare Universalmaschine, die alles tut, was wir uns vorstellen können.

Die digitale Vernetzung wiederum ist die neue Arbeitsteiligkeit. Im „Internet der Dinge“ ist alles und jeder miteinander verbunden und in der Lage, sich auszutauschen und zu kooperieren. Die alten starren Grenzen fallen überall oder werden völlig neu definiert, mit ihnen die alten Vorstellungen von Hierarchien, Abteilungen und Zuständigkeiten. Das wirbelt die Organisationen durcheinander. Und die Automatisierung? Die besteht ja, so kann man in der DIN-Norm V 19233 nachlesen, im „Ausrüsten einer Einrichtung, sodass sie ganz oder teilweise ohne Mitwirkung des Menschen bestimmungsgemäß arbeitet“.

3 Noch ein paar Jahre, so sagen die meisten Experten, und man kann das „oder teilweise“ in der Definition streichen. Die Routinearbeit, die die Stecknadelmacher und ihr System groß gemacht hat, stirbt vielfach aus, jedenfalls als von Menschen ausgeübte Tätigkeit. Automaten können das besser.

Bekannt ist dazu die Arbeit der US-Ökonomen Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson aus dem Jahr 2011, in der sie vor einer sich auftuenden Kluft zwischen Hoch- und Niedrigqualifizierten warnen. Das bestätigen auch die Studien des Ökonomen Carl Benedikt Frey und des Informatikers Michael A. Osborne, deren Erkenntnisse von der Bank ING-DiBA auf deutsche Verhältnisse umgelegt wurde.

Demnach sind von knapp 31 Millionen untersuchten Arbeitsplätzen bis zu 18 Millionen durch die Entwicklungen der digitalen Automation gefährdet. Ganz oben stehen alle Routinejobs in Büros und Hilfsarbeiten, bei denen ein Einsparungspotenzial von mehr als 85 Prozent errechnet wurde. Mehr als zwei Drittel aller Arbeitsplätze im einfachen Dienstleistungsbereich oder bei Verkäufern stehen auch auf der „roten Liste“ der Forscher. Fast kein Bereich, bei dem sich der Personalstand nicht locker halbieren ließe. Halbwegs sicher sind nur die, deren Arbeit aus so wenig Routinen und so viel Differenzierung wie möglich besteht: Akademiker, Führungskräfte, kreative Entscheider – die Wissensarbeiter. Der Rest steht – hart gesagt – der Entwicklung nur im Weg. Ist das so?

4 Und wenn ja: Haben die Dauerkritiker des „Systems“ doch recht? Wo nur ein paar Hochgebildete arbeiten dürfen – und der große Rest leer ausgeht, ist der soziale Frieden perdu, das Wohlergehen und der Wohlstand der Nationen Vergangenheit. Diese scheinbare Logik hat einen Fehler: Sie entspricht althergebrachter Moral, aber nicht der realen Entwicklung. Deshalb ist heute, am Eingang zur Wissensgesellschaft und zur Industrie 4.0, die richtige Zeit für eine Wertediskussion, und zwar eine handfeste, pragmatische Wertedebatte, die sich nicht in moralischen Appellen ergeht, sondern einfache, praktische Fragen stellt. Warum haben die Luddisten nicht gesiegt? Warum ist der Maschinensturm gescheitert? Warum sind wir heute fast 50-mal wohlhabender als die Leute, die damals in Rage gegen die Maschine rannten? Warum leben die meisten Menschen fast dreimal länger als ihre Vorfahren? Weil wir mehr gewonnen haben als verloren.

Es ist eine Tatsache, dass die meisten Berufe des 19. Jahrhunderts – darunter Laternenputzer und Waldköhler – nicht mehr existieren. Dafür gibt es heute aber Mikrobiologen, Burnout-Berater oder Geschmacksdesigner. Die Zahl der möglichen Berufsbilder vervielfacht sich, und durch mehr Differenzierung und Vielfalt kommt täglich etwas Neues dazu. Vielleicht messen wir dem Sicherheitsdenken zu viel Bedeutung zu. Keine Zeit hat ihre Zukunft genau vorhergesehen. Es tun zu wollen, ist Zeitverschwendung. Schulen wir lieber den Wert, mit Überraschungen und Neuem gut umzugehen, Innovationen aufzunehmen, das Beste aus ihnen zu machen.

Die wichtigste ökonomische Ressource ist die Fantasie der Menschen, die immer neue Bedürfnisse erzeugt. Der Weg von Industrie 4.0, jener der personalisierten Produktion, ist ein logischer Evolutionsschritt. Es wird mehr Arbeit geben, als wir uns vorstellen können, abwechslungsreicher, kreativer und den persönlichen Talenten gerechter werdend als heute. Wenn die Wirtschaft den menschlichen Bedürfnissen folgt, also sich selbst, tut sich der Rest fast von allein. Die wichtigsten, die wahren Werte sind Zuversicht, Zutrauen, Optimismus. Hoffnung – aus gutem Grund. Dabei sollte man an Ernst Bloch denken, dessen „Prinzip Hoffnung“ zwar zum geflügelten Wort wurde, sich aber immer noch nicht in unserem Denken verankert hat. Vielleicht, weil so viele sich nicht an seinen zentralen Rat halten: Wir sollten „ins Gelingen verliebt sein“, schrieb Bloch, „nicht ins Scheitern“. Davon, das dürfen wir ruhig glauben, wäre Mister Smith nachhaltig begeistert gewesen. Und das können wir auch sein.

Wolf Lotter ist Mitgründer des Magazins „brand eins“ und führender Publizist auf dem Gebiet der Beschreibung der Transformation von der Industrie- hin zur neuen Wissensgesellschaft.