Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert“, hat Carly Fiorina, die ehemalige Chefin von Hewlett-Packard, einmal gesagt. Was so trivial klingt, birgt Sprengstoff, denn man kann Fiorinas These auch so formulieren: „Es kann viel mehr digitalisiert werden, als wir uns das vorzustellen vermögen.“ Und das bedeutet nichts anderes, als dass alle Werte, die in der analogen Welt galten, im digitalen Zeitalter neu verhandelt werden müssen.

Noch nie in der Geschichte des Netzes ist irgendetwas Analoges zum Nennwert ins Digitale übertragen worden. Versuche hat es zuhauf gegeben, doch gescheitert sind sie fast alle. Alles, was uns selbstverständlich und gewohnt vorkommt, hängt weitaus stärker als wir denken von seinem gesellschaftlichen und technischen Kontext ab. Das gilt auch für Werte. Absolutheitsvermutungen erweisen sich als trügerisch. In einen neuen Bezugsrahmen gehängt, erscheinen gewohnte Tatsachen plötzlich wie ein neues Bild, obwohl doch nichts anderes geschehen ist, als den analogen Rahmen gegen einen digitalen zu tauschen. Mit diesem Tausch denken viele Betrachter mit einem Mal anders über die alte Sache als zuvor.

Ein Beispiel: Monopole galten in der Tradition des liberalen Ordnungsrahmens nach Eucken und Erhard als schädlich. Ein eigenes Gesetz und eine dezidierte Aufsichtsbehörde bekämpften das Entstehen von Monopolen und ahndeten den Missbrauch marktbeherrschender Stellungen mit scharfem Schwert. In der analogen Welt galt dies als gesellschaftlicher Konsens. In der digitalen Welt hingegen wird die alte Gewissheit infrage gestellt. Peter Thiel, Gründer von PayPal und Investoren-Legende im Silicon Valley, redet in seinem Beststeller „Zero to One“ Monopolen das Wort. Ohne sie, behauptet er, gäbe es keinen Fortschritt. Führende Kartellexperten sehen in den modernen Netzmonopolen wie Google oder Facebook denn auch keine Gefahr, sondern sogar einen Nutzen für das Publikum. Die Monopolkommission plädiert für gelassenen Umgang mit Internet-Monopolisten, und das Kartellamt schaut mit der gleichen Verve bei digitalen Unternehmen weg, wie es bei analogen Unternehmen durchgreift.

Worin aber unterscheiden sich analoge und digitale Monopole eigentlich voneinander? Nur durch den Referenzrahmen. Im Internet gelten Monopole vielen als weniger bedrohlich als in der analogen Welt, weil man dem Internet mehr Selbstheilungskräfte zuschreibt als herkömmlichen Märkten. Doch auch zu Recht? Gibt die Beweislage diese Schlussfolgerung her? Nach bisherigem Wissenstand nicht; eher im Gegenteil.

An diesem Beispiel zeigt sich, warum unsere Werteordnung durch technische Entwicklungen existenziell herausgefordert ist: Unsicherheit über den Ausgang von Entwicklungen ist der entscheidende Faktor. Ob Monopole im Netz so gefährlich sind wie im dinglichen Leben, dafür kann man mit guten Argumenten die eine Seite, mit ebenso guten Gründen auch die andere Seite einnehmen. Jede Seite jongliert mit Theorien über den Ausgang des Experiments, doch keine der beiden Seiten kann einen empirischen Beweis antreten. Man steht auf sandigem Grund – auf beiden Seiten. Es sind dies die Blütezeiten der Prognostiker, Apologeten, Hellseher und Extrapolierer.

Mit der rasanten Ausbreitung des Internet hat sich die Zivilisation in ein Live-Experiment gewaltigen Ausmaßes katapultiert. Ethik setzt plötzlich keine Normen mehr; und wenn sie es versucht, sieht sie sich sofort dem Vorwurf der rückwärtsgewandten Maschinenstürmerei ausgesetzt. Herkömmliche Ethik wird vielfach nur noch als Merkposten einer versinkenden Vergangenheit verstanden. Eine Reminiszenz an die Welt von gestern. Doch natürlich kann das nicht so bleiben. Was wir wünschen müssen, ist eine Umwertung alter Werte, nicht aber deren Abschaffung.

Was neue Technik deswegen immer verlangt, ist das aktive Setzen einer neuen Ethik. Wir spüren die Herausforderung in allen Debatten, die heute die Gemüter erhitzen: Ist Datenschutz unmodern? Wenn nicht, warum geben die Menschen dann bei Facebook viel mehr Informationen von sich preis, als sie in der analogen Welt jemals mitzuteilen bereit waren? Steht Urheberrecht dem Fortschritt im Weg? Wenn nicht, warum lassen sich dann so viele Kreative von Internetfirmen um den gerechten Lohn ihrer Arbeit bringen? Ist Steuergerechtigkeit ein Relikt aus der Vergangenheit? Wenn nicht, warum lässt Europa dann zu, dass internationale Technologie-Konzerne wie Apple, Amazon oder Google hier kaum Steuern bezahlen?

Diese Fragen und viele andere mehr werden verhandelt in einem Klima vollständiger Unsicherheit über den Ausgang der zugrunde liegenden Entwicklungen. Ethik hat viel mit Folgenabschätzung zu tun. Nicht viele ethische Leitlinien können a priori als gesetzt gelten. Die meisten Zutaten eines Wertekanons wachsen als Ergebnis einer praktischen Ethik heran, die offen ist für Experimente, ihre Schlussfolgerungen der Falsifizierung anheimstellt und nach Rückschlägen neue Versuche mit verbesserten Rezepten wagt.

Eines Tages, auch das hat unsere Epoche mit früheren Phasen der technischen Erneuerung gemein, mögen wir feststellen, dass unsere „neue Ethik“ in Wahrheit unsere alte ist, weil letztlich nichts weiter stattgefunden hat, als eherne Grundsätze ins Moderne zu transponieren. Zu dieser Übersetzungsleistung finden Gesellschaften aber meist nur die Energie, wenn sie kraftvoll ans Finden einer „neuen Ethik“ herangehen. Nur dieser unbedingte Wille zur Erneuerung führt zu der Erkenntnis, wie sehr wir vom Bewährten zehren können.

Zu dieser Erneuerung gelangen wir nur, wenn wir uns dem Wagnis neuer Normsetzung hingeben. Ein stumpfes „Weiter so wie bisher“ verstrickt die tradierte Ethik in immer neue Widersprüche mit der neuen Wirklichkeit. Deswegen müssen wir eine Debatte um Werte im Netz mit hoher Dringlichkeit führen. Weichen wir dieser Notwendigkeit aus, bauen wir ein Internet, in dem allein die Macht des Stärkeren gilt. Ein Internet als wertbefreiter Raum. Das sollen wir nicht wollen.

Christoph Keese ist Executive Vice President der Axel Springer SE und Autor des Buchs „Silicon Valley“. Keese hat 2013 ein halbes Jahr im Silicon Valley gelebt und gearbeitet.