Wie wurde denn bisher die ‚Glücklichkeit‘ gemessen?“ Der deutsche Blogger Florian Mundt, genannt „LeFloid“, malt mit Zeige- und Mittelfinger Anführungszeichen in der Luft. „Am BIP“, pariert Kanzlerin Angela Merkel die Frage. Vor einem Fenster ihres Amtssitzes, die Glaskuppel des Deutschen Bundestages im Hintergrund, ist sie im Juli dieses Jahres ganz offenbar um Ernsthaftigkeit bemüht. Auch wenn ihr Gegenüber im Sommerinterview für den Internet-Dienst YouTube statt Schlips und Anzug eine Baseballkappe trägt und Tätowierungen unter seinem schwarzen Shirt hervorblitzen, heftig mit den Augen rollt und ihre Ausführungen mit „absolut“ oder „cool“ kommentiert.

„Was wird produziert, wie viel ist das pro Kopf?“, setzt Merkel ihre Nachhilfe in Sachen volkswirtschaftliche Gesamtrechnung fort und schränkt gleich ein: „Da weiß man noch nicht, wie sich das verteilt.“ Ebenso wenig erfahren wir aus dem BIP, wie die Menschen ihr Geld ausgeben oder wie sie ihre Zeit verbringen, doziert die Kanzlerin. Und ist noch nicht fertig: „Lebe ich nachhaltig?“, müsse sich der Verbraucher fragen. Oder sei die importierte Ware vielleicht mithilfe von Kinderarbeit oder Ausbeutung erzeugt? Es gehe um die Frage, was ein gutes Leben sei, und zwar nicht nur in Deutschland.

Die Debatte um das nüchterne BIP ist nicht neu

Der Bürgerdialog, den sich das Bundeskanzleramt in diesem Jahr in den Kopf gesetzt hat, heißt genau so: „Gut Leben in Deutschland“. Doch der verfügbare Maßstab für die Lebensqualität hierzulande, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), ist tatsächlich kein Glücks- oder Gerechtigkeitsmaß, sondern nur eine Wachstums-Chiffre. Insofern zielt die einfache Frage des Bloggers in die richtige Richtung: Brauchen wir ein neues Indikatoren-Bündel zur Messung von Lebensqualität, eine neue Richtschnur für politische Weichenstellungen jeglicher Art? Wäre ein Ausstieg aus dem BIP-Diktat nicht sinnvoll? Kreative Ansätze gibt es immerhin genug.

Das neue Gewerbegebiet, die breitere Autobahn, das schnellere Internet, die große Forschungsoffensive – all das diente bislang im Zweifel dem einen Ziel: Wachstum des BIP. Wachstum ermöglicht auch bei höherer Produktivität eine gleichbleibende Beschäftigung, hält also die Menschen in Arbeit. Wachstum schafft Verteilungsspielräume, Kreditwürdigkeit, wirtschaftliche Macht. Doch Wachstum hat auch seinen Preis: Flächenverbrauch, Umweltverschmutzung, Erderwärmung, Artensterben, Krankheiten, Stress.

Die Debatte um das nüchterne BIP ist nicht ganz neu. Schon in den 1990er-Jahren sahen renommierte Wirtschaftsprofessoren und Nobel­preisträger wie Joseph Stiglitz und Amartya Sen das BIP als wenig geeignet für die Messung von Lebensqualität an. Der Bericht „Grenzen des Wachstums“ des fast vergessenen „Club of Rome“ hat schon 1972 gezeigt, dass die Menschheit sehenden Auges in ihr Verderben rennt, wenn sie die Erde einfach ausplündert.

Bildung, Gesundheit, Umwelt, Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, Familie, Chancen, Partizipation – das sind üblicherweise die Parameter für „Lebensqualität“, wenn Wissenschaftler sich zusammensetzen, um ihre Messung zu verfeinern. Die Vereinten Nationen versuchen sie im „Human Development Index“ abzubilden, an dem der indisch-stämmige Amartya Sen mitgearbeitet hat. Die OECD in Paris hat den sehr anerkannten „Better Life Index“ entwickelt. Und das New Economic Foundation’s Centre for Well-Being in London erstellt den „Happy Planet Index“, der Lebenserwartung und Zufriedenheit der Bevölkerung in Relation zum ökologischen Fußabdruck setzt.

Es gibt nicht den einen Indikator, der sagt, es geht uns gut

Die Lehman-Pleite und ihre Folgen gaben den Bemühungen neuen Schub. Im Auftrag der französischen Regierung noch unter dem konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy dachte die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission 2008/2009 über die korrekte Wohlstandsmessung nach. In Deutschland bekam den Auftrag erst der Sachverständigenrat, dann eine Enquete-Kommission – paritätisch besetzt mit Wissenschaftlern und Politikern aller Fraktionen. „Die Wirtschafts- und Finanzkrise hatte alle ins Grübeln gebracht. Mancher wollte wohl auch politisches Kapital daraus schlagen“, sagt der Kölner Wirtschaftsprofessor Marc Oliver Bettzüge, damals Mitglied der Kommission. Doch was aus der Krise zu lernen sei, darüber war kaum Einigkeit zu erzielen. Aus dem abstrakten Thema konkrete politische Implikationen abzuleiten, schien „ein fast aussichtsloses Unterfangen“, erklärt Bettzüge.

Der 850-seitige Schlussbericht präsentierte 2013 sogar neue Indikatoren als Alternative zum BIP. Doch die sind im Kanzleramt immer noch in Arbeit. Kai Carstensen, damals Wirtschaftsforscher in Diensten des Münchner Ifo-Instituts, heute Professor an der Universität Kiel, sagt, nicht einmal die Idee, jedes Jahr einen Jahreswohlstandsbericht zu verfassen, sei bisher umgesetzt worden. „Der Leidensdruck ist wohl nicht hoch genug“, glaubt Carstensen. Das Thema sei „nicht so griffig“ und „nicht wirklich sexy“. Alle ahnten wohl: „Es gibt nicht den einen Indikator, der uns sagt, es geht uns gut.“

Carstensen will das BIP „nicht kleinreden“ und bricht auch eine Lanze für das Wirtschaftswachstum: „Der Grund dafür ist, dass die Leute innovativ sind. Man müsste ihnen verbieten, neugierig zu sein, über bessere Lösungen nachzudenken und damit Geld zu verdienen.“ Dennoch könne die Gesellschaft bestimmte Produktionsmöglichkeiten ausschließen, so zum Beispiel Kinderarbeit, die Verschmutzung der Flüsse oder das Betreiben von Kernkraftwerken: „Man kann in unserer Demokratie der Wirtschaft eine Menge vorgeben, ohne das Wachstum gleich zum Fetisch zu erklären oder zum Feindbild zu stempeln.“

Über die Wachstumsorientierung der Gesellschaft kann man dennoch ins Grübeln geraten. Gerade, wenn man das Thema Glück einmal grundsätzlich angeht. So hat der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman sich zusammen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Angus Deaton die Mühe gemacht, 450.000 Antworten einer Glücklichkeitsbefragung in den USA anzusehen (dem „Gallup-Healthways Well-Being Index“).

In manchen Ländern hat das Glück der Bürger Verfassungsrang

2011 veröffentlichten die beiden Forscher ihre überraschende Erkenntnis: Menschen mit einem Haushaltseinkommen von 75.000 Dollar sind so glücklich, wie man nur werden kann; bei Einkommen über diesem Limit nimmt das persönliche Wohlbefinden kaum mehr zu. Auf der Suche nach einer Erklärung stützen sich Deaton und Kahneman auf die These, dass man sich an Annehmlichkeiten, die mit Geld zu kaufen sind, sehr schnell gewöhnt. Immer mehr Konsum führt demnach nicht zu immer mehr Glück.

Auch der Züricher Ökonom Bruno Frey betonte 2002 in seinem mit Alois Stutzer verfassten Artikel „The Economics of Happiness“, welch starken Einfluss Faktoren außerhalb des rein Finanziellen auf die Zufriedenheit der Menschen haben. Er ist überzeugt, dass Glück sich abnutzt, welches rein auf der Verfügbarkeit von materiellen Gütern fußt. Allerdings sei auch die Inflation ein Feind des Glücklichseins – und zwar noch stärker als die Arbeitslosigkeit. Außerdem sieht Frey die individuelle Teilhabe des Einzelnen an politischen Entscheidungen als extrem wichtigen Glücksfaktor.

Sogar Verfassungsrang hat das Glück dagegen in Ecuador und Bolivien. Und das Vorbild für die Glücksdefinition sind nicht etwa weiße US-Amerikaner mit dicken Autos. Es sind die Indianer des Regenwalds, die wenigen, die noch ungestört leben dürfen, wie ihre Vorfahren es Jahrtausende lang taten: In einer Tauschwirtschaft, einer starken Gemeinschaft, in der Mitglieder sich gegenseitig stützen und die „Rechte der Mutter Erde“ achten.

Ihr Prinzip des „Sumak kawsay“ oder auf Spanisch „buen vivir“ hatte sich die linke Regierung Rafael Correa in Ecuador 2008 auf die Fahnen geschrieben. Alberto Acosta, früherer Energieminister des Landes und Vorsitzender der verfassungsgebenden Versammlung, beschreibt in einem Buch die bestechende Idee, die unter dem Regenwald des Yasuni-Nationalparks schlummernden Ölvorräte im Boden zu lassen, zum Wohle der CO2-Bilanz und gegen eine Entschädigung der internationalen Staatengemeinschaft.

Acosta schreibt aber auch, wie die Idee scheiterte – an ihren Protagonisten: „Es stimmt nicht ganz, dass die Welt uns im Stich gelassen hat, denn es war die ecuadorianische Regierung, der es nicht gelang, eine solide, kohärente Strategie zur Umsetzung dieser Utopie zu entwickeln.“ Sogar Papst Franziskus fand bei einem Besuch in Ecuador Anfang Juli Worte der Kritik für die nun geplante Förderung von Erdöl im Regenwald; hatte er doch in seiner Enzyklika „Laudato si“ im Frühjahr 2015 die Zerstörung der Umwelt breit behandelt und verurteilt.

Im katholisch geprägten Südamerika sei die Debatte über alternative Wohlstandsindikatoren und neue ökonomische Verfassungen eben wesentlich lebendiger als in Europa, sagt Professor Uwe Schneidewind, Chef des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Selbst Betriebswirt, ist er enttäuscht von den hiesigen Ökonomen, denen zu dem Thema wenig einfalle: „Die interessantesten ökonomischen Beiträge kommen heute aus der Sozialwissenschaft.“

Ist der Mensch Gefangener eines ewigen Kreislaufs?

Vor allem aus der Universität Jena, derzeit Hort der BIP-Gegner und Wohlstands-Infragesteller. Aus dem dortigen „Kolleg Postwachstumsgesellschaften“ rekrutiert sich auch Stephan Lessenich, der dem verstorbenen Ulrich Beck auf dessen legendären Soziologie-Lehrstuhl in München folgte. Lessenich und Mitstreiter wie Hartmut Rosa oder Tim Jackson kritisieren, dass unsere Volkswirtschaften Stabilität nur durch Steigerung erreichen könnten. Dieser „rasende Stillstand“ umfasse aber kein Glücksversprechen mehr. Die Jenaer Soziologen sehen den Menschen als Gefangenen eines ewigen Kreislaufs aus Wachstum, Beschleunigung und Innovation. Langsamer machen, faul sein, nicht mehr kämpfen, sich beschränken? Fehlanzeige! Nur wie daraus auszubrechen sei, das wissen sie nicht so ganz genau.

Offensichtlich will das auch die deutsche Kanzlerin nicht wissen. Gefragt, was denn für sie persönlich „gutes Leben“ sei, antwortete sie dem Blogger LeFloid: „Ich zum Beispiel arbeite gerne, was mir ja auch Spaß macht und was mich auch, sagen wir mal, beschäftigt, auch nach acht Stunden noch.“