Daten statt Päckchen

Das „Internet der Dinge“ und die vierte industrielle Revolution bieten der Logistikbranche neue Wachstumschancen, stellen sie aber auch vor große Herausforderungen – vor allem in der IT.
Von Thomas Kluger

Gersthofen bei Augsburg, Industriegebiet Nord-West, auf dem Gelände der Dachser SE. Zwischen den haushohen Regalgassen des menschenleeren Distributionslagers sausen zwei „Aviatoren“ umher. Die fliegenden Einheiten dieser „flurfreien Regalbediengeräte“ steuern völlig autonom – durch Stahlseile und Datenkabel mit der Trägereinheit verbunden – bestimmte Plätze im Regal an. Dort lagern Paletten hochprozentiger Getränke vor ihrem Versand in den Einzelhandel.

Pro Stunde schaffen diese fliegenden Automaten bis zu 84 der tonnen­schweren Paletten aus dem Lager. Ihre Fahraufträge erhalten sie von einer Software, die ein Dachser-Eigengewächs ist. Sensoren prüfen das Gewicht, Lichtschranken vermessen die Ladung der Paletten, Lasertechnik kommt für die Positionsbestimmung zum Einsatz. „Unsere B2B-Kunden erwarten eine maximale Digitalisierung der Geschäftsprozesse“, so Dachser-Chef Bernhard Simon. Inzwischen sind wir schon mehr ein Informations- als ein Warenlogistiker.“

Damit ist der Logistikriese Dachser mit mehr als fünf Milliarden Euro Umsatz und rund 74 Millionen transportierten Sendungen im Jahr 2014 einer der Treiber der Branche. Denn mit dem reinen Transport einer Palette Schnaps oder eines Containers Windeln von A nach B geben sich die meisten Kunden freilich nicht mehr zufrieden. Die Notwendigkeit der Transformation zur Informationslogistik gilt auch für die mehr als 3000 deutschen Speditions- und Logistikdienstleister, die 2014 mit rund 530 000 Beschäftigten mehr als 80 Milliarden Umsatz erwirtschafteten. Zusammen mit den Logistikabteilungen von Industrie und Handel summiert sich der deutsche Logistikmarkt auf ein Volumen von rund 240 Milliarden Euro. Um zwei bis drei Prozent, so die Schätzung der „Logistikweisen“, einer Gruppe von Logistik-Sachverständigen, wird die Branche 2015 wachsen.

„Kein Geschäftsbereich funktioniert mehr ohne IT. Die Digitalisierung bewirkt eine Beschleunigung vieler Arbeitsprozesse und verändert oft auch etablierte Arbeitsabläufe“, sagt Dietmar Prümm, Leiter des Geschäftsbereichs Transport und Logistik bei PwC. „Komplexe Prozesse mit dafür tauglicher IT zuverlässig und jederzeit nachvollziehbar zu gestalten prägt zunehmend die Logistik von heute.“

Einer der wesentlichen Treiber dafür ist Industrie 4.0. Die nach Dampfmaschine, Fließbandproduktion, Elektronik und Informationstechno-logie vierte industrielle Revolution katapultiert die Wirtschaft durch Digitalisierung auf ein neues Niveau. Ein Heer automatischer Identifikationssysteme wie Barcodes und RFID-Chips krempelt, assistiert von Sensoren und Aktoren sowie neuester Steuerungstechnik, die Produktionsprozesse um.

Parallel verändert das Internet die Einkaufsweise der Konsumenten, was auch das traditionelle Geschäftsmodell der Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP) auf den Prüfstand stellt. „Per Mausklick ordern die Kunden individuelle Sendungen“, analysiert Michael ten Hompel, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, „und die wollen sie sofort – oder zumindest innerhalb der nächsten 24 Stunden.“

Das konfrontiert alle betroffenen Unternehmen mit gewaltigen Herausforderungen, weiß Tobias Kretschmer aus erster Hand. Der Leiter des Instituts für Kommunikationsökonomie der Ludwig-Maximilians-Universität München hat die Rolle von Informations- und Kommunikationstechno-logien (ICT) in den Betrieben untersucht. Bei der Befragung von rund 3900 ICT-Entscheidern, -Nutzern und Endkonsumenten zeigten sich fast 80 Prozent der Entscheider überzeugt, dass ICT „sehr hohe oder hohe strategische Relevanz für ihr Unternehmen“ zukommt. Zwei Drittel gehen außerdem davon aus, dass ICT über den Hebel Innovation „hohen Einfluss auf die künftige Wettbewerbsfähigkeit ihres Unternehmens hat“.

Am augenfälligsten erschien den verantwortlichen Managern die Chance, mithilfe von ICT ihre Kosten zu drücken. So waren die zuständigen Entscheider der befragten Unternehmen überzeugt, dass ICT-basierte Lösungen und Technologien binnen fünf Jahren Kostensenkungen von bis zu 17 Prozent ermöglichen. Dabei zeigten sich beim Vergleich mit dem produzierenden Gewerbe die höheren Einsparungspotenziale im Dienstleistungsbereich.

Damit sind nicht zuletzt die Logistiker aufgerufen, digital auf- und nachzurüsten. „Banken und Versicherungen, Autobauer sowie die Computer- und Elektroindustrie liegen bei der Digitalisierung ganz weit vorn“, analysiert Dietmar Prümm, „der Transportsektor hinkt noch hinterher.“ Wollen die Kapitäne der Landstraße und ihre Kollegen von der See- und Luftfracht im Wettbewerb nicht abgehängt werden, müssen sie ihr Augenmerk verstärkt auf die IT richten. Denn „die aktuellen Trends in der Industrie wirken sich direkt auf Tempo, Qualität, Kosten, Transparenz und Sicherheit der Logistikanbieter aus“, ist Experte Prümm sicher.

Für sein Unternehmen ist Dachser-Chef Bernhard Simon überzeugt, dass er heute nicht die Nummer eins im europäischen Stückgutmarkt wäre, wenn das Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten nicht kontinuierlich in IT für die bessere Steuerung der Kapazitäten investiert hätte. Allerdings sieht Simon bei etlichen verladenden Unternehmen erheblichen Nachholbedarf: „Die IT-Budgets für die Logistik genießen häufig nicht den gleichen Stellenwert wie in der Produktion oder im Absatz.“

Lohn zusätzlicher IT-Investitionen bei allen Akteuren können neue Wachstumschancen sein. Das Internet der Dinge wird der Logistikbranche zusätzlich Milliardenumsätze bescheren, erwarten das IT-Unternehmen Cisco Systems und die Deutsche-Post-Tochter DHL laut einer im April veröffentlichten Gemeinschaftsstudie. Danach steigt die Zahl der per Internet miteinander verbundenen Geräte von aktuell 15 Milliarden bis 2020 auf rund 50 Milliarden.

Damit rückt die Vision einer Welt näher, in der eindeutig identifizierbare physische Objekte mit einer virtuellen Repräsentation in einer Internet-ähnlichen Struktur verknüpft sind. Dann bestellt der Kühlschrank eigenständig frische Milch und Butter nach, ordert der Drucker eine volle Tonerkartusche, verlangt die Fräsmaschine beim Lieferanten nach einem Ersatzbohrer. Kosteneinsparungen und Umsatzsteigerungen durch das Internet der Dinge summieren sich laut Cisco/DHL-Studie in den kommenden zehn Jahren auf rund acht Billionen US-Dollar. Fast ein Viertel davon soll sich in den Büchern der Logistik- und Lieferketten-Wirtschaft niederschlagen.

Die Dynamik durch die Digitalisierung vieler Bestell- und Transportprozesse zeigt beispielhaft das Geschäft der Hermes-Gruppe. Die Tochter der Hamburger Otto Group ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen – allein 2014 um mehr als sieben Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Diese Entwicklung wurde durch den weltweiten Boom des elektronischen Handels massiv unterstützt. Hermes rechnet auch in den kommenden Jahren jeweils mit einem Wachstum zwischen fünf und acht Prozent. Hauptgrund: „Der E-Commerce-Boom steht noch am Anfang seiner Entwicklung“, schätzt Hanjo Schneider, Vorstand der Otto Group. „Das ist gut für den Handel, die Logistik sowie das Paketgeschäft, ohne das Online-Shopping nun mal nicht funktioniert.“

Selbst bei der guten alten Post machen sich die Trends von „Logistik 4.0“ bemerkbar. Ortstermin im Briefzentrum München der Deutschen Post DHL Group. Auf fünf Kilometer Förderstrecken werden bis zu 4,5 Millionen Sendungen pro Tag verarbeitet. In der „teilautomatisierten Briefordnerei“ sortiert eine sogenannte Aufstellmaschine die Standard- und Kompaktbriefe auf dem grünen Förderband so, dass sie auf ihren langen Kanten stehen und alle Anschriften in die gleiche Richtung zeigen. Die nächste Station ist eine Integrierte Lese- und Video-Codiermaschine (ILVM): Gelöcherte Gummiriemen, hinter denen Unterdruck erzeugt wird, saugen die einzelnen Umschläge an und befördern sie in die Fächer für die einzelnen Briefzentren. Parallel übersetzt diese Maschine die Adresse in einen Strichcode und spritzt diesen mit rosafarbener Tinte auf den unteren Rand des Briefes. Pro Stunde schafft die Maschine bis zu 40 000 Briefe. Dann geht die vorsortierte Ladung zum Flughafen oder per Lkw an ihren Bestimmungsort. Für die weitere maschinelle Bearbeitung und die Sortierung für die Tour des einzelnen Briefträgers ist ab Briefzentrum nur noch die Codierung maßgebend.

Rund 420 Millionen Euro hat die Deutsche Post in den vergangenen Jahren in neue Briefsortiermaschinen investiert. Ihre Paketkunden haben sich daran gewöhnt, dass sie den Streckenverlauf von Päckchen und Paketen im Internet nachverfolgen können. Und die nahe Zukunft wird weitere „smarte“ Lösungen bringen, mit denen Logistikunternehmen auf den E-Commerce-Boom reagieren. So knüpft DHL beispielsweise das Netz mit Paketkästen immer enger, die sich vor allem Eigentümer von Ein- und Zweifamilienhäusern direkt vor ihrer Haustür platzieren lassen.

Autobauer Audi testet gerade mit DHL und dem Online-Versender Amazon eine Technik, mit der Paketzusteller künftig Bestellungen im Kofferraum des Empfängers ablegen können. Außerdem sollen Briefe und Paketrücksendungen im Auto deponiert werden, damit sie der DHL-Bote dort abholt. Dieser kann die genaue Position des Autos mit einer Art App orten und den Kofferraum mittels eines digitalen Codes öffnen. Amazon kann auf diese Weise seinen Kunden eine noch flexiblere Belieferung anbieten, und DHL spart Kosten, weil mit der Kofferraumlösung die erste Zustellung klappt.

Auch Dachser, eigentlich ein Spezialist für den Stückguttransport, will auf das Geschäft auf der sogenannten „letzten Meile“ nicht länger verzichten. Seit dem Frühjahr bietet das Unternehmen, das täglich rund 8000 Baumärkte beliefert, mit „targo on-site“ aus strategischen Gründen eine neue Dienstleistung für den Endverbraucher an. Der Kunde, der beispielsweise für seinen Badumbau im Baumarkt das passende Material entdeckt hat, kann seine Fliesen online bestellen und wird anschließend von Dachser direkt beliefert.