„Doppelte Staats­bürgerschaft
für Uni-Talente aus dem Ausland“

Thomas Südhof wurde im ver­gang­enen Jahr mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Deutsch­land hatte er vor Jahren den Rücken gekehrt. Nun forscht er an der Berliner Charité – zumindest auf Zeit. Im Interview erzählt er, was deutsche Unternehmen und Universitäten besser machen könnten, um im Kampf um die klügsten Köpfe zu bestehen.

Deutschland verliert jedes Jahr hoch qualifizierte Fachkräfte ans Ausland (siehe Kasten links). Wie kann man diesem Trend entgegenwirken? Schauen Sie sich die USA an: In den Vereinigten Staaten haben sich Emigranten aus aller Welt versammelt, die vor allem im technisch-wissenschaftlichen Bereich tätig sind – so wie ich. Es gibt extrem wenig in Amerika geborene Menschen, die in diesem Feld arbeiten. Für Ausländer sind die USA nicht nur deshalb attraktiv, weil es dort Jobs gibt, sondern auch, weil es relativ einfach ist, dauerhaft zu bleiben. Wenn jemand in Amerika studiert, dann hat er quasi eine Garantie darauf, irgendwann die Staatsbürgerschaft zu erhalten. Auch in Deutschland gibt es viele ausländische Studierende, teilweise sehr gute Leute …

Und wie kann man diese Talente halten? Ich würde es genau diesen Studierenden erleichtern, nach dem Studium permanent in Deutschland zu bleiben und auch die Staatsbürgerschaft zu erwerben. Das betrifft insbesondere Studierende, die nicht aus der EU kommen und die typischerweise in Bereichen wie Technik, Ingenieurs­wissenschaft und Biologie tätig sind. Genau die Leute also, die man in Deutschland dringend benötigt. Vielleicht sollte man sich sogar über eine doppelte Staatsbürgerschaft für diese Studierenden Gedanken machen, so wie das derzeit für deutsche Türken in der Diskussion ist.

Fehlt es in Deutschland an notwendigen Investitionen? Mein Eindruck ist nicht, dass es in Deutsch­land derzeit einen Mangel an finanziellen Mitteln für Forschung und Entwicklung gibt. Aber die Verteilung von Geldern könnte man deutlich verbessern. Meine Erfahrung ist, dass in Deutschland Fachabteilungen in Forschungseinrichtungen und vermutlich auch in Unternehmen zu stark isoliert voneinander arbeiten. Es wird zu wenig miteinander geredet.

Wie könnte man Forschung und Wirtschaft denn besser miteinander verzahnen? Man müsste die Strukturen der Mittelvergabe flexibilisieren. Anstatt fester Zusagen für einzelne Fachabteilungen sollte man besser ein Gesamtbudget festlegen und die Verteilung vor allem danach ausrichten, welche Forschungsarbeiten aktuell anstehen und was dafür benötigt wird. Exzellenz sollte das entscheidende Kriterium der Mittelvergabe sein! So eine Maß­nahme würde zu einer ständigen Durchmischung der verschiedenen Abteilungen und Labore führen und auch bewirken, dass die gesamte Organisation lebendiger und innovativer wird. Ein positiver Nebeneffekt wäre: Leute, die nicht mehr viel machen und etwas zurückschrauben wollen, würden mit sanftem Druck dazu gebracht werden, dies auch zu tun. Denn Exzellenz bedeutet auch, dass man sich ständig neu beweisen muss.

Und das gelingt jenseits des Atlantiks besser? Was in den USA fantastisch funktioniert, sind flexible Neugründungen von kleinen Firmen. Jobs in den großen Pharmaunternehmen hingegen haben aufgrund der Internationalisierung und des wirtschaftlichen Drucks, unter dem die Branche steht, deutlich an Attraktivität eingebüßt. Früher sind Wissenschaftler von den Hochschulen in die Pharmaindustrie gewechselt, weil sie dort die Aussicht darauf hatten, selbst Medikamente zu entwickeln, und weil sie mit einem dauerhaften Arbeitsplatz rechnen konnten. Das ist heute anders. Jobsicherheit gibt es in den USA heute überhaupt nicht mehr. Länder wie Deutschland oder die Schweiz sind deshalb mittlerweile im Vergleich sehr viel attraktiver geworden, was Arbeitsplätze in der Pharmaindustrie betrifft.

Sind die USA für junge Wissenschaftler immer noch so attraktiv wie damals, als Sie nach Texas gegangen sind? Heute ist die Situation eine ganz andere als früher. Das Forschungsklima in den USA hat sich stark verschlechtert. In Deutsch­land hingegen ist es viel einfacher geworden, Geld für freie Forschung zu bekommen. Erst unter Schröder, dann unter der Regierung Merkel wurde sehr gut und sehr klug investiert. Junge Wissenschaftler profitieren davon allerdings nicht immer.

Spielte für Sie Geld eine Rolle? Es ist keine Frage des Gehalts. Deutsche Gehälter sind meines Wissens nicht schlechter als die in den USA. Aber die Aus­stattung mit Forschungsgeldern war zumindest damals in den USA sehr viel besser als in Deutschland.

Mitte der 90er-Jahre haben Sie das Max-Planck-Institut in Göttingen nach nur drei Jahren als Direktor wieder verlassen. Warum? Es gab einen Führungswechsel innerhalb der Max-Planck-Gesellschaft. Der neue Präsident hatte andere Vorstellungen von der Ausrichtung und der personellen Besetzung des Instituts als ich. Hauptsächlich ging es dabei aber vor allem um persönliche Befindlichkeiten. Anstatt die Sache auszusitzen, entschied ich mich damals, wieder zurück in die USA zu gehen. Vermutlich war ich der erste Max-Planck-Direktor, der so einen Schritt unternommen hat. Was das Gehalt betrifft, habe ich übrigens Abstriche machen müssen, als ich meinen Direktorenposten verlassen habe.

Hätten Sie zu diesem Zeitpunkt nicht auch die Möglichkeit gehabt, in Deutschland zu bleiben? Nach dem Zerwürfnis mit der Max-Planck-Gesellschaft gab es für mich praktisch keine Möglichkeit mehr, in Deutschland zu bleiben. Es wurde mir auch keine Stelle mehr angeboten. Wenn man mit führenden Persönlichkeiten aneckt, dann hat man in Deutschland keine Chance mehr. Das ist auch etwas, was ich an der Art und Weise, wie in Deutschland wichtige Posten vergeben werden, kritisieren würde. Viel zu oft haben Seilschaften das letzte Wort. Das Resultat ist, dass nicht unbedingt die besten Leute den Zuschlag erhalten. In den USA ist das anders. Seilschaften haben hier weniger Einfluss. Dazu ist das Land einfach viel zu groß.

Sie gehen nun als Fellow am Berliner Institut für Gesundheitsforschung zurück nach Deutschland – zumindest auf Zeit. Besteht die kleine Chance, dass Sie dauerhaft in Berlin bleiben? Meine Tätigkeit am Institut beschränkt sich darauf, mit Professor Rosenmund an der Charité ein Projekt gemeinsam zu leiten und beratend tätig zu sein. Ich will auch gar nicht weg aus den USA. Ich muss dort zwar ständig Geld für meine Forschung erkämpfen. Aber abgesehen davon geht es mir wunderbar.

Das Gespräch führte Ralf Grötker.