In der Stadt der Ideen

Berlin scheint als Kulisse für den Gründerboom wie gemalt. Getragen von einer Mischung aus Euphorie, Unsicherheit und Zweifeln fühlt sich Berlin schließlich selbst an wie ein Start-up. Doch was davon wird bleiben? Von Marcus Pfeil

Felix Schulte merkt man an, dass er stolz ist auf das, was er anpackt. Im Moment ist es das petrolgrüne, faustdicke Tau, an dem er hängt. Es baumelt von der vier Meter hohen Decke in seinem Büro. Wenn Felix Schulte Kunden oder Investoren präsentiert, was Goodscloud, seine Firma, so macht, dann schmiegt er sich ab und an in das Tau, um sich zu strecken.

In den vergangenen Monaten hing er oft in diesem Seil, er hatte viel zu präsentieren, sein Produkt ist endlich fertig. Sein Produkt ist eine intuitive Warenwirtschaftssoftware, die Online-Marktplätze und Lieferanten zusam­menbringen und die Warenströme optimieren will. „Dropshipping“ nennt Schulte das. Die Internetgiganten Amazon und Zalando können sich leisten, ein solches Programm selbst zu entwickeln, die meisten ihrer Wettbewerber können das nicht. Deshalb hat Schulte Goodscloud gegründet.

Sein Unternehmen ist eines von 3000 Internet-Start-ups, die Gründer seit 2008 in Berlin auf die Beine gestellt haben. Das jedenfalls ist die offizielle Zahl, die der „Bundesverband Deutsche Startups“ in einer Studie ermittelt hat. Keine andere Stadt in Europa ziehe mehr Gründer an als die deutsche Hauptstadt, heißt es darin. Zwar weiß niemand, wie viele es tatsächlich sind – weil nicht klar ist, ob man ein Start-up schon Start-up nennen darf, solange ein Entwickler einfach nur eine Idee ausbrütet, oder erst, wenn eine Firma wie Goodscloud im Register eingetragen ist. Je nachdem, welche Studie man aber bemüht, haben Start-ups in Berlin in den vergangenen Jahren zwischen 40.000 und 60.000 Mitarbeiter eingestellt. Gründen im Netz war schließlich noch nie so einfach. Und weil es gerade in Berlin auch noch so hip geworden ist, geben inzwischen sogar Banker und Berater dafür ihren Job auf. Die „New York Times“ adelte die Hauptstadt – in Anlehnung an das Silicon Valley in Kalifornien – schon als „Silicon Alley“.

Doch was bleibt von dieser popkulturellen Bewegung? Entsteht aus­gerechnet in der industriefreien Hauptstadt etwas, das sich mal zum Mittel­stand von morgen auswächst? Oder verdeckt dieser Lifestyle das Risiko und die Gier nach dem schnellen Geld, die vielleicht größer ist als die Ideen der Gründer?

„Berlin ist der Mittelpunkt Europas. Hier treffen Entwickler aus Osteuropa auf Designer aus Italien“, sagt Roy Uhlmann, Gründer von Apeary, einem Start-up, das aus Produktbewertungen im Netz potenzielle Kunden für die Werbeindustrie clustert. Uhlmann glaubt, dass in der Hauptstadt „eine digitale Industrie von internationaler Bedeutung“ entstehen könnte. Für den US-Investor Matt Cohler, einst einer der ersten Mitarbeiter von Facebook und heute Star-Investor, ist Berlin wie eine „weiße Leinwand, die viel Raum für Kreativität“ biete. Die Stadt scheint als Kulisse für den Boom wie gemalt, unangepasster und wilder soll es hier zugehen als anderswo. Jeder kann hier sein Ding machen. Gründer wie Felix Schulte vereint dabei die Hoffnung auf ein neues Instagram, jene Foto-App, die Facebook kurz vor dem eigenen Börsengang für eine Milliarde Dollar erstanden hat.

Oder auf ein neues Tumblr, jenen Bloganbieter, für den Yahoo im vergangenen Jahr 1,1 Milliarden Dollar lockermachte. Noch fehlt in Berlin das ganz große Geld, der ganz große Deal, noch ist der Start-up-Boom vor allem eines: ein Versprechen. Dass dieses Versprechen in Erfüllung geht, darauf setzen inzwischen eine Menge Leute: Business Angels, Investoren und Inkubatoren, also Brutkästen, die sich in eine Idee verlieben und die frische Saat mit Geld düngen. In Berlin ist es längst kein Problem mehr, an Startkapital zu kommen. Wachstumskapital aber, so das allgemeine Klagelied, das fehlt den allermeisten Gründern hier. Auch Felix Schulte. Zwar hat er längst erste Kunden, die seine Software bestellt haben. Aber der 27-Jährige braucht jetzt dringend Geld, um neue Programmierer einzustellen, die das Produkt verfeinern. Seit Wochen versucht er, Geld aufzutreiben. Er hängt oft in seinem Tau.

Mehr als 20 Termine mit Investoren hat er hinter sich; die meisten hielten ihn hin, würden zwar seinen Büromietvertrag lesen, aber nicht den Code seiner Software, sagt Schulte. „Dabei könnten wir schon mit einer halben Million Dollar profitabel werden.“ Längst lebt er von seinen Ersparnissen, das schicke Büro in Kreuzberg hat er aufgelöst, vier Mitarbeitern hat er gekündigt, die anderen arbeiten in seiner Wohnung. Man sieht ihm an, dass es ihm schon mal besser ging. „In Berlin gibt es nun mal kein Spielgeld“, sagt er.

Schulte ist mit seinem Finanzierungsproblem nicht allein – auch wenn die Firmen Soundcloud jüngst 60 Millionen Dollar und Lieferheld 88 Millionen Dollar eingesammelt haben. „70 Prozent der deutschen Gründer haben Schwierigkeiten, weiteres Wachstum über Venture Capital zu finanzieren“, sagt Florian Nöll, Vorstand im „Bundesverband Deutsche Start-ups“. „Und wenn es doch mit einer Anschlussfinanzierung klappt, läuft diese im Schnitt nur über ein halbes Jahr, und das Volumen ist deutlich niedriger als in den USA.“ So betragen die deutschen „Series-A-Finanzierungsrunden“ lediglich ein Siebtel eines US-Investments (0,9 Millionen Dollar im Vergleich zu 7,1 Millionen in den USA). In absoluten Zahlen haben Deutschlands Gründer laut einer Dow-Jones-Analyse im Jahr 2012 822 Millionen Euro eingesammelt. Das waren zwar 48 Prozent mehr als 2011, und ein Großteil davon floss auch nach Berlin. Insgesamt allerdings ist das nicht viel mehr als jene Summe, die Investoren vor dem Börsengang in das soziale Netzwerk Facebook pumpten.

Dass amerikanische Venture-Capital-Fonds abenteuerlustiger sind als deutsche und ihre Investitionen auch deshalb acht- bis zehnmal – je nach Studie – so hoch sind, obwohl das US-Bruttoinlandsprodukt nur viermal so hoch ist wie das deutsche, das lässt sich sogar an den wenigen Finanzierungsrunden ablesen, die Berliner Jungfirmen in den vergangenen Monaten abgeschlossen haben. Wenn Geld nach Berlin fließt, kommt es meistens aus dem Ausland: So hat Seriengründer Marco Börries (Star Division) die 38 Millionen Euro für seine vierte Firma NumberFour vor allem in den USA eingeworben. Das Start-up 6Wunderkinder überzeugte im November den renommierten US-Fonds Sequoia, einen Scheck über 19 Millionen Euro auszustellen. Und Ijad Madisch, Gründer von Researchgate, bekam 35 Millionen Euro von keinem Geringeren als Bill Gates.

Vor fünf Jahren erging es dem heute 33-Jährigen nicht viel anders als Felix Schulte: Mehr als 20 Investoren ließen ihn abblitzen. Christian Vollmann war 2008 der erste, der Ijad Madisch Geld gab, obwohl er ihn nicht persönlich kannte. „Researchgate wird ein Facebook für Wissenschaftler“, versprach ihm Madisch. Und irgendetwas sagte Investor Vollmann, der meint das wirklich ernst. Über drei Millionen Forscher haben sich inzwischen auf dem Portal registriert, fast die Hälfte aller Wissenschaftler weltweit. Aalforscher aus Schweden, Klimafolgenforscher aus Potsdam, Physiker aus Russland, HIV-Spezialisten aus Kalifornien haben mehr als 60 Millionen Arbeiten auf Researchgate veröffentlicht. Sie diskutieren ihre Probleme, vergleichen ihre Ergebnisse oder suchen nach neuen Jobs. Vollmann sagt heute über Madisch, er sei der einzige der neuen Gründer in Berlin, der „von der Denke her an das Silicon Valley herankommt“.

Vollmann ist einer der wenigen im Mikrokosmos der Berliner Gründer, die nicht das Klagelied anstimmen, wonach es nur am Geld mangele, um eine Firma groß zu machen. Viele Gründer würden zu früh verkaufen und sich mit ihrem kleinen Leben zufriedengeben. Vollmann sagt, es fehle an Leuten wie Madisch, die eine Firma überhaupt groß denken können und daran glauben, den ganzen Weg gehen zu können. Was er damit meint, wurde vergangenen Herbst auf einem Empfang von Ex-Wirtschaftsminister Rösler im Berliner Umspannwerk am Alexanderplatz deutlich.

Peter Thiel, Paypal-Mitgründer und erster Investor bei Facebook, gab sich die Ehre vor 300 geladenen Gründern. Eine Dreiviertelstunde quälten sie ihn mit Fragen, wie der deutsche Staat die Rahmenbedingungen für Gründer verbessern könne, wie US-Investoren nach Deutschland zu locken wären oder wie man sonst an mehr Geld käme. Thiel antwortete höflich auf jede Frage und sagte doch immer dasselbe: „Wenn Sie eine gute Idee haben, und diese zehn Mal besser und zehn Mal schneller umsetzen als die Nummer zwei, dann werden Sie auch erfolgreich sein.“

Peter Thiel ist übrigens auch an Researchgate beteiligt. Und fragt man Ijad Madisch danach, ob er plane, seine Firma irgendwann zu verkaufen, sagt er nur, Researchgate sei eine Lebensaufgabe. Einen Moment lang fühlt man sich an Mark Zuckerberg erinnert, der 2006, nur zwei Jahre nach der Gründung von Facebook, ein Übernahmeangebot von Yahoo über eine Milliarde Dollar ablehnte.

An Madisch liegt es nicht, dass Berlin im „Global Startup Eco-Index“ hinter Städten wie Toronto, Paris, São Paulo oder Hongkong abgeschlagen auf Platz 15 liegt. In der Analyse des renommierten Tech-Blogs „Startup Genome“ heißt es zwar, Berlin sei zurzeit der beste Standort, um eine Firma zu starten. Allerdings sei „das Ökosystem noch nicht reif genug, um sie hier auch wachsen zu lassen.“

Noch müssen Gründer wie Investoren in Berlin auf einen Milliardendeal warten. Vielleicht legt diesen bald der Online-Versandhändler Zalando aufs Parkett. Der einstige Schuhversand erwirtschaftete 2013 einen Umsatz von etwa zwei Milliarden Euro. Im Dezember hat sich die Firma, an der die Samwer-Brüder immer noch mit einem Viertel beteiligt sind, in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Dass es dabei einen Zusammenhang zu einem bevorstehenden Börsengang gäbe, dementiert Zalando noch.

Vielleicht braucht Berlin noch ein paar Jahre, bis die Stadt ein eigenes Facebook ausspuckt. Vielleicht wird es irgendwann Ijad Madisch mit Researchgate gelingen. Oder Felix Schulte mit Goodscloud.

Inzwischen hat er wieder ein Büro, im 24. Stock der Treptowers, mit Spreeblick. Sein Tau hat er auf den Dachboden verbannt, dafür hat er sich ein Teleskop angeschafft, mit dem er auf Berlin herabschaut. Auf dem Abendempfang mit Peter Thiel hatte Schulte an der Bar der Gründer Stephan Schambach angesprochen. Ein paar Wochen später bot der ihm an, eine halbe Million Euro privat in Goodscloud zu investieren. Und Demand­ware, seine Firma, wolle mit Schulte kooperieren. Anfang Dezember lag der unterschriebene Vertrag in der Post.