„Zum Glück
haben wir die Ratschläge Europas nicht befolgt“

Vor fünf Jahren rutschte Island in die Krise und stand kurz vor der Staatspleite. Heute strotzt das Land vor Selbstbewusstsein. Was macht es besser als andere Krisenländer? Ein Gespräch mit dem isländischen Präsidenten Ólafur Ragnar Grímsson.

Herr Präsident, sind Unglücke gut für Island? Island hatte zuletzt vier PR-Kampagnen, die wir nicht selbst gesteuert haben. Zuerst brachte die Finanzkrise Island weltweit auf die Titelseiten. Dann brach der Eyjafjallajökull aus und ein Jahr später ein zweiter Vulkan, nur um die Leute an uns zu erinnern. Mittlerweile berichten die Medien über den Aufschwung Islands: Warum hat es sich erholt, viele andere europäische Länder aber nicht? Der Nettoeffekt: Island ist so bekannt wie nie zuvor. Als ich vor zwei Jahren den damaligen chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao traf, sagte er: „Herr Präsident, jeder in China kennt nun Island.“

Auch Griechenland, Spanien und Portugal befinden sich in der Krise. Was kann Europa von den Isländern lernen? Ich bin sehr vorsichtig, Ratschläge zu erteilen, weil ich mir selbst so viele schlechte anhören musste. Hätten wir die meisten Ratschläge ausländischer Regierungen und Finanzinstitutionen im Jahr 2009 befolgt, würde es uns heute nicht so gut gehen. Aber ich denke, Europa kann von unseren Erfahrungen einiges lernen. Wir merkten früh, dass es sich nicht um eine normale Finanzkrise handelt. Es war vielmehr eine historische Finanzkrise mit enormen politischen, sozialen, demokratischen und juristischen Dimensionen. Dafür reichten die üblichen monetären und wirtschaftlichen Maßnahmen nicht aus, es bedurfte weitreichender Reformen. Island hat mehr juristische Schritte eingeleitet als alle anderen Länder, die in den vergangenen 80 Jahren an einer Finanzkrise litten.

Zum Beispiel? Wir haben die alten Banken scheitern lassen und auf ihren Trümmern neue gebaut. Wir wandten nicht dieselben Sparmaßnahmen an wie die meisten anderen europäischen Länder. Trotz der Krise gaben wir der kreativen Branche Spielraum, sodass sie wachsen konnte. Wir schützten den Wohlfahrtsstaat und ermöglichten jungen Leuten so, ihre Ausbildung fortzusetzen. Die isländische Lektion zeigt, dass man Teile der europäischen Krisen-Strategie durchaus bezweifeln muss. Zumindest haben wir bewiesen, dass man innerhalb relativ kurzer Zeit wieder Erfolg haben kann.

Die drei großen privaten Banken wurden verstaatlicht, ihr Bilanzvolumen betrug auf dem Höhepunkt der Krise rund das Elffache des Staatshaushaltes. Und jetzt? Wir verfügen wieder über ein Bankensystem, das in erster Linie den Interessen und Bedürfnissen der heimischen Wirtschaft dient. Davor haben unsere Banken über 80 Prozent ihrer Geschäfte im Ausland getätigt und versucht, in Deutschland oder Großbritannien mitzuspielen.

Ein großes Konfliktthema war und ist der „Icesave“-Streit (siehe Kasten). Nun bestätigte ein europäisches Gericht, dass Island die Kunden einer zusammengebrochenen Bank nicht entschädigen musste. Sie hatten sich geweigert, das „Icesave“-Gesetz zu unterschreiben – werten Sie das Urteil nun als Triumph? Die Europäische Union und die EU-Regierungen sollten sich das Urteil sehr genau und ehrlich ansehen. Noch vor vier Jahren erzählte uns jeder in Europa, dass gewöhnliche Isländer – Bauern, Fischer, Lehrer und Krankenschwestern – in den kommenden Jahrzehnten mit ihren Steuern jene Schulden bezahlen sollten, die private isländische Banken verursacht hatten. Wir sagten ihnen schon damals, dass es wirtschaftlich falsch ist und die isländische Wirtschaft töten würde.

Sie gelten nicht als großer Freund der EU. Kommt daher Ihre Ablehnung? Nein, das hat damit nichts zu tun. Es war einfach demokratisch nicht richtig. Zwei Jahre später hat uns das Gericht nun bestärkt. Die Entscheidung zeigt, dass die EU-Forderungen gegen europäisches Recht verstoßen haben. Es ist sehr wichtig, dass die Führung in Brüssel in den Spiegel schaut und sich ehrlich fragt, warum die EU eine so falsche Position hat. Und wenn sie so falschliegt im Hinblick auf Island, warum hat sie plötzlich recht mit vielen anderen Dingen, die sie den Krisenländern vorschreibt?

Bis 2008 galt Island als eines der wohlhabendsten Länder. Wie hat sich Ihre Heimat in den vergangenen Jahren verändert? Das Drama der Finanzkrise wird uns Isländer noch über Jahrzehnte und Jahrhunderte beschäftigen. Aber bereits jetzt wird klar, dass die Nation als Ganzes, die Wirtschaftsbranche und die politische Führung vorsichtiger sind und genauer auf kritische Stimmen hören. Der Finanzsektor wurde in meinem Land, genau wie in Europa und in den USA, als der wichtigste Wirtschaftssektor angesehen. Das hat sich nun geändert. Vielen Bereichen – der Fischerei, dem Tourismus, der Hightech-Branche, dem IT- und Designbereich – geht es heute besser als noch vor fünf Jahren.

Der Erfolg im Tourismus hat aber auch mit der schwächeren Krone zu tun. Das stimmt schon. Aber besonders im kreativen Bereich sind viele neue Projekte gestartet. Einer der interessantesten Aspekte der Krise ist für mich, dass die meisten jungen Künstler und Designer geblieben sind, anstatt das Land zu verlassen. Sie haben Neues entworfen und sich mit der Krise auseinandergesetzt. So gab es eine außergewöhnliche Phase der Kreativität in Musik, Literatur, Theater, Mode, Design und Film. Das half der Nation, ihren starken Willen und ihr Selbstvertrauen wiederzugewinnen.

Aber die Arbeitslosenquote liegt noch immer bei rund sechs Prozent, 2008 gab es fast noch Vollbeschäftigung. Ist die Finanzkrise tatsächlich überwunden? Sicherlich hat die wirtschaftliche Erholung begonnen. Und wir sind nach fünf Jahren in einer viel besseren Position, als die meisten erwartet hätten. Aber es gibt weiterhin Schwierigkeiten – in einigen Unternehmen und für viele Familien. Manche Isländer verloren ihren Job und konnten ihre Häuser nicht halten. Die Krone ist schwächer als vor fünf Jahren, die Lebensmittelpreise hingegen sind angestiegen.

Wie ist die Stimmung im Volk? Noch immer diskutieren die Isländer über die Lehren, die sie aus der Krise ziehen sollten. Aber ich denke, die meisten Bürger sind stolz, wie wir durch die Krise gekommen sind – der Gewinn des „Icesave“-Prozesses hat einen wichtigen Anteil daran. Es gibt jedem Isländer das Gefühl, dass er oder sie die Zukunft Islands mitentscheiden kann. Es half der Nation, sich psychologisch, kulturell und sozial von dem Schock der Finanzkrise zu erholen.

Das Interview führte Alva Gehrmann.